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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Nun ist alles überstanden. Vor fünf Wochen wurde das Kindchen geboren. Es war sehr schlimm, aber nun bin ich wieder ganz gut, nur etwas sehr bleich und mager.

Ein Mädchen ist's. Erika Susanne ist es getauft. Jetzt begreife ich, wie lieb die Konni Liesmann ihres hatte, denn ich habe meines ebenso lieb und hätte es am liebsten den ganzen Tag im Arm gehalten und es geherzt und geküßt auf sein rosiges Mündchen und seine blauen Äugelchen und seine Fäustchen gestreichelt.

Am zehnten Tag kamen Tante Frieda und Vater und blieben acht Tage bei mir. Und während der Zeit 80 rückte Frau Rammigen mit einem mir sehr komisch erscheinenden Ansinnen heraus.

In derselben Nacht nämlich, wo Klein-Erika geboren wurde, hat sie bei einer sehr reichen Familie ein Kindchen geholt, auch ein Mädelchen, das aber schon am nächsten Morgen starb. Die Leute wären sehr unglücklich darüber, weil sie schon zwanzig Jahre verheiratet waren und keine Kinder hatten und sich nun so sehr auf dieses Kind gefreut hatten. Da erzählte Frau Rammigen von mir und Klein-Erikachen, und die Leute meinten daraufhin, ob wir nicht geneigt wären, ihnen das Kindchen zu schenken oder zu verkaufen. Sie wollten es adoptieren und es ganz als eigen erziehen und behalten.

Ich lachte Frau Rammigen aus und sagte, daß ich meinen süßen kleinen Schatz nicht um ein Haus voll Geld verkaufe, aber Vater und Tante Frieda waren anderer Ansicht. Sie sagten, es sei ein großes Glück für das Kind und für alle Beteiligten, daß sich eine solche Gelegenheit böte, das Kleine unterzubringen. Ich weinte und schrie und bettelte, aber es hörte kein Mensch auf mich, und sie machten hinter meinem Rücken alles mit Konsul Peters – so heißt die Familie – ab, und fünf Tage später wurde das Kindchen abgeholt.

Es war ein schrecklicher Abschied. Ich weiß gar nicht, wie es war . . . Just so, als ob mir ein Stück vom Herzen abgerissen würde. Ich warf mich platt auf die Erde und schrie vor Verzweiflung. Vater suchte mir zuzureden und Tante Frieda nahm wieder ihren strengen Ton an und sagte, ich sollte Gott auf den Knien für seine Gnade danken, anstatt mich wie eine Verrückte zu benehmen. Der alte Herr Peters streichelte mir aber übers Haar und versprach mir, ich solle hin und wieder Nachricht bekommen, wie's Erikachen geht. Eigentlich hätten sie das nicht nötig, weil Vater in meinem Namen auf alle Rechte an das Kind verzichtet hat, aber Herr 81 Peters versprach es. Zuletzt wurde ich vor Aufregung ohnmächtig, und als ich wieder zu mir kam, waren sie mit meinem Kindchen fort.

Ich kann mich noch nicht darin finden. Mir ist, als wäre ich sehr arm geworden. Zuerst habe ich Tag und Nacht geweint. Nun bin ich etwas ruhiger. – –

Und jetzt weiß ich, daß ich ein Ziel habe, nach dem ich streben muß. Ich muß reich werden, um wieder mein Kind erlangen zu können. Mit Geld kann man alles machen. Wenn ich reich heiraten kann, tu ich's. Ich will reich werden und dann will ich mal sehen, ob man mir mein Kindchen, das ich unter Schmerzen zur Welt gebracht habe, für das ich so viel leiden mußte, vorenthalten kann. – –

Vorläufig kann ich gar nichts machen.

Sie haben bestimmt, daß ich in eine Pastorenfamilie auf dem Lande in Pension komme. Im Holsteinischen. Tante Frieda hat die Stelle ausfindig gemacht. Sie ist mir jetzt fast so unsympathisch wie früher mit ihren ewigen Ermahnungen und Bußreden. Mir ist gar nicht wie einer büßenden Magdalena zu Sinn. Lieber Himmel, ich habe mich versehen und hab dafür leiden müssen. Damit könnte die Sache nach meiner Ansicht als erledigt angesehen werden. Ich bin froh, daß sie wieder fort sind.

* * *

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