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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Konni ist mit dem Kindchen und einer Amme, die Frau Rammigen für sie besorgt hat, gestern abgereist. Nun ist es recht einsam und traurig hier für mich, ich hatte mich so an die Frau gewöhnt, sie war so unterhaltend und so lustig. Sie hat mich eingeladen, sie in Hannover zu besuchen, aber daraus wird wohl fürs erste nichts. Herr v. Vohsen war letzten Sonntag hier und schenkte mir eine goldene Brosche als Andenken an »seine Frau« (als ob ich nicht alles wüßte) und weil ich ihr so oft Gesellschaft geleistet und ihr die Grillen vertrieben hätte. Ein mattgoldener Korb mit Vergißmeinnicht aus Türkisen, sehr reizend, ich freute mich sehr darüber. Das Kindchen war mittlerweile auch recht niedlich und lieb geworden, ich habe es ein paarmal wickeln und beim Baden helfen dürfen.

Osdorff war vorige Woche auch hier. Ich freute mich, ihn wiederzusehen. Ich hänge wirklich an ihm, obgleich ich ihn weder als Mann noch als Mensch ernst nehme. Es klingt brutal, aber ich möchte fast behaupten, ich liebe ihn, wie man einen Hund liebt, an den man sich gewöhnt hat. Und dann kann man sich auch – abgesehen von seinem dummen Gesicht – mit ihm sehen lassen; er sieht riesig elegant aus. Konni schüttelte freilich den Kopf, als ich ihn ihr als meinen Freund vorstellte und nachher sagte sie, sie an meiner Stelle würde ihn abwimmeln. Solch ein Mensch sei wie ein Block am Fuß, man käme nicht hoch mit ihm. Na, die Konni kannte eben die Verhältnisse nicht. Der arme Kerl, der Osdorff, würde mich nie am »Hochkommen« hindern. Auf dem Gute gefällt es ihm ganz und gar nicht, er 77 muß da früh aufstehen, mit auf dem Feld sein und auch im Bureau mitarbeiten. Und mit der Arbeit hat mein Osdorff sich nun einmal den Magen verdorben. Lange hält er es da nicht aus, sagt er. Es tut ihm jetzt leid, daß er nicht die diplomatische Karriere eingeschlagen hat, sagt er. Ach Herrjeses.

* * *

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