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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5 Tante Lehnsmann brachte mir gestern das Tagebuch als verspätetes Konfirmationsgeschenk. Es sei so sinnig für ein junges Mädchen, sagte sie. Und so billig, dachte ich. Aber nun es einmal da ist, will ich es auch benutzen. Vielleicht entdecke ich dabei noch schriftstellerisches Talent in mir.

Viel passiert zwar nicht in unserem gottvergessenen Nest. Und was passiert, ist kaum des Aufnotierens wert. Aber ich will denken, ich wäre eine berühmte Persönlichkeit und schriebe meine Memoiren. Dabei ist ja wohl dann das Unwesentlichste wichtig.

Also zuerst Vorstellung: Ich heiße Thymian Frauke Katharine Gotteball und bin die Tochter des Apothekers Ludwig Erhard Gotteball in G . . . . ., einem kleinen, propren Städtchen von 2000 Einwohnern in der Marsch. Die Straßen sind alle schnurgerade und sehr sauber. Gras wächst nicht zwischen den Steinen und die Hühner laufen auch nicht auf dem Pflaster umher. Die Häuser sehen alle so geleckt und glatt aus wie Männer, die eben vom Barbier den Bart abgenommen bekommen haben. Verflucht langweilig ist es in G . . . . . Wenn ein Wagen durch die Straßen fährt, läuft alles an die Fenster. Des Abends sitzen die Leute auf Bänken vor der Türe und schwatzen mit den Nachbarn über andere Nachbarn. Und wenn die andern Nachbarn dann dazu kommen, reden sie wieder über andere Nachbarn. Denn »Nachbar« ist hier alles. Auch diejenigen, die an zwei verschiedenen Zipfeln des Städtchens wohnen.

6 Den verrückten Namen hat meine Mutter für mich ausgesucht. Ich hab' mich oft darüber ärgern müssen. Die Kinder sagen, er riecht nach Apotheke. Und die Jungen sagen noch etwas viel Schrecklicheres, was ich aber nicht niederschreiben mag.

Meine Mutter war immer kränklich, solange ich denken kann. Ich habe sie nie lachen hören. Wenn sie lächelte, sah sie eigentlich noch viel trauriger aus, als wenn sie ernst war. Wenn ich früher auf dem Marktplatz mit den Kindern spielte und sie am Fenster saß, fürchtete ich mich ordentlich, hinzusehen. Warum, weiß ich nicht. Es gab mir immer einen Stich, wenn ich ihr liebes, blasses, wehmütiges Gesichtchen da sah.

Als ich zehn Jahre alt war, wurde Mutter so krank, daß der Doktor sie nach Davos schickte. Ein ganzes Jahr blieb sie da. Erst fehlte sie mir sehr, aber nachher vergaß ich sie beinahe. Es war während der Zeit sehr lustig bei uns. Vater hatte viel Besuch eingeladen. Die Verwandten kamen auch zuweilen, aber die sind weniger amüsant.

Wir haben viele Verwandte. Mutters Geschwister wohnen alle auf Höfen in der Nordmarsch. Nur mein Onkel Henning und meine Tante Wiebke, Mutters Schwester, wohnen hier. Da ist dann noch Tante Frauke, die mit dem Lehnsmann Pohns verheiratet ist. Sie ist so geizig, daß sie sich vor lauter Geiz beinahe selber auffrißt. Dann Mutters Bruder, Ratmann Thomsen, dann noch ein anderer Bruder, Dirk Thomsen. Dann noch ein Schwager, Hinnerk Larsen, dessen Frau, auch eine Schwester von Mutter, an der Schwindsucht starb. Und noch viele andere. Vater hat nur eine Schwester, Tante Frieda, unverheiratet und bucklig und hier ansässig. Diese kann ich am wenigsten leiden. Sie findet immer was auszustellen an mir. Bald bin ich ihr zu geputzt, bald zu schlappig angezogen. Am liebsten sähe sie es, wenn ich nachmittags immer bei ihr 7 in ihrem Altjungfernkäfig hockte. Aber ich puste ihr was. Vater kann sie auch nicht ausstehen. Die beiden schimpfen sich oft. Ich verstehe nicht, warum Vater ihr nicht längst das Haus verboten hat, wo sie doch immer so eklig gegen ihn ist. Unser Provisor, Herr Meinert, nennt sie »Richter Lynch«. – Wenn er sie vom Apothekenfenster aus mit ihrem großen Brotbeutel von Pompadour am Arm über den Marktplatz gehen sieht, schreit er schon ins Haus: Richter Lynch kommt. Worauf ich mich aus dem Staube mache. Und Vater manchmal auch.

In der Zeit, da Mutter in Davos war, spielte einmal eine Theatergesellschaft im Deutschen Haus. Ich durfte jeden Abend mit Vater oder Meinert hingehen. Einmal spielten sie »Therese Krones«, – das ist ein wundervolles Stück, aber sehr traurig. Ach und die Therese Krones spielte! – Einfach göttlich. Heute weiß ich ja, daß sie sich geschminkt hatte, aber damals war ich paff von soviel Schönheit. Ich war aber damals ja noch ein Kind.

An dem Abend, als Therese Krones gespielt wurde, hatte Vater die Schauspieler zum Abendessen eingeladen. Ich durfte mit am Tisch sitzen. Wir aßen in der besten Stube, und es gab Rotwein und Sekt, und ich bekam von allem ab. Die Schauspielerinnen sangen lustige Lieder und ich wurde auch immer lustiger. Es war riesig fidel. Zuletzt sprang ich auf den Tisch und brüllte immerfort: »Ich bin 'n Pudding! Ich bin 'n Pudding. Schneidet mich an und eßt mich! Ich bin 'n Pudding!« »Ja, du bist 'n schöner Pudding! Wird sich schon früh genug einer finden, der dich anschneidet!« sagte Meinert, worüber die anderen lachten. Nachher wurde es immer toller. Die Stühle wurden aus der Reihe gerückt und da nicht mehr genug Stühle um den Tisch standen, setzten die Damen sich den Herren auf den Schoß. Therese Krones saß auf Vaters Knien.

8 Da auf einmal, gerade wie es am schönsten ist, wird die Tür aufgerissen und wer steht da? Tante Frieda! In ihrem alten, langen, verschossenen Regenmantel, den sie, wie man gleich merkt, über ihr Nachthemd gezogen hatte. Der Teufel mag wissen, wer ihr die Chose verraten hatte. Sie war ganz gelb vor Wut und schrie mit überschnappender Stimme wie 'ne heisere Krähe: »Das ist ja hübsch! A ja! A ja! Gut zufrieden! Ich hab dir nix zu sagen, Ludwig! Aber daß dir dein eigenes, leibliches Kind nicht zu gut ist für solche – – du – du –« Und sie spuckte aus vor Gift, weil ihr die Luft ausging. »Komm, Thymian! Du bleibst die Nacht bei mir! Pfui, Mädchen, schämst du dich nicht, so unanständig dazustehen, mitten auf dem Tisch –« Und sie wollte mich beim Schlafittchen packen, aber ich, schnell wie der Wind, retiriere und über Gläser und Flaschen und Dessertteller weg aufs Sofa. Und da mit einem Satz rittlings auf Meinerts Schulter, der flog empor und unter lautem Bravo und Hallo mit mir an Tante Frieda vorbei und zur Tür hinaus, die Treppe hinauf. Tante Frieda hinterher: »Geben Sie das Kind her, Sie Liederjahn. Vors Gericht bringen sollte man euch! Thymian, sofort herunter! Schäme dich, Mädchen, schäme dich. Wenn deine arme Stackels Mutter das wüßte . . .« So schimpfte sie hinter uns her, die Treppen hinauf, und ich streckte die Zunge nach ihr aus und rief in meiner Beschwipstheit: »Richter Lynch! Richter Lynch! Olle dämliche Richter Lynch . . .«

Bums, da hatte sie mich beim Fuß! Aber weil Meinert rasch die Tür von seiner Stube aufriß, erwischte sie bloß meinen linken Lackschuh, und Meinert schlug die Tür rasch hinter uns zu. Dann saßen wir im Dunkeln auf seinem Bettrand und lachten – –, ich auf seinem Schoß, und während Richter Lynch draußen tumultierte und sich vor Wut anscheinend die Kleider zerriß, küßte mich Meinert. Das tut er überhaupt gern. Wenn meine 9 Freundinnen und ich früher Schokolade von ihm haben wollten, mußten wir ihm immer 'n Kuß dafür geben.

Wir warteten eine ganze Zeit, aber Tante Frieda lärmte immer toller. Mit ihrem Regenschirm ballerte sie gegen die Tür, daß es weit zu hören war. »Machen Sie auf, Sie Lumpenhund! Oder ich hol die Polizei!« –

»Aber Fräulein Gotteball, regen Sie sich doch nicht so auf!« rief Meinert. »Das ist ja alles man Spaß! Thymi fürchtet sich bloß vor Ihnen –«

Dann kam Vater und wir hörten, daß er mit Richter Lynch zankte. Nachher sagte Vater, Meinert solle aufmachen, und seinetwegen möge Tante Frieda ihren Willen haben, und mich die Nacht bei sich behalten. Ich war sehr bös, aber es half nichts, Meinert schloß auf und ich mußte mit Tante Frieda gehen. Sie sagte kein Wort, aber sie hielt mich fest an der Hand und ich fühlte, wie ihre Hand flog. In ihrem Schlafzimmer wusch sie mich gründlich, und ich mußte mit Anatherin gurgeln und dann half sie mir beim Ausziehen und legte mich in ihr Bett, denn sie wollte die Nacht auf dem Sofa schlafen. Sie flog vor Kälte, denn sie hatte wirklich nur ihr Nachthemd und ihren Unterrock unter dem Mantel an.

Ich machte gleich die Augen zu und tat, als ob ich sehr müde sei, denn ich fürchtete, daß sie doch noch losziehen würde. Es ging aber gut. »Gute Nacht, Thymian!« sagte sie, und da sie ein bißchen fromm ist, kniete sie neben dem Bett und betete mit merkwürdig inniger Betonung:

Breit aus die Flügel beide,
o Jesu, meine Freude
Und nimm dein Küchlein ein.
Will Satan es verschlingen,
So laß die Englein singen:
Dies Kind soll unverletzbar sein . . . .

* * *

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