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Tagebuch einer Verlorenen

Margarete Böhme: Tagebuch einer Verlorenen - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleTagebuch einer Verlorenen
authorMargarete Böhme
year1905
firstpub1905
publisherF. Fontane & Co.
addressBerlin
titleTagebuch einer Verlorenen
pages307
created20100227
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Lieber Gott im Himmel!! Als ich das Tagebuch zu schreiben anfing, hätte ich nicht daran gedacht, daß ich so viel erleben würde. Eigentlich viel Gutes und Erfreuliches habe ich bisher nicht zu berichten gehabt. Es lohnte sich deshalb eigentlich nicht, es aufzuschreiben. Aber es ist mir ordentlich eine Erleichterung, wenn ich einmal mein Herz so recht von inwendig heraus ausschütten kann; es ist mir dann gerade so, als ob ich zu einer vertrauten Freundin spräche. –

Also mir ist schon lange nicht wohl, und eine heimliche Angst war in mir vor unbekannter Gefahr, die mir drohte. Manchmal schloß ich mich ein und weinte, ich weiß nicht weshalb, vor lauter innerer Traurigkeit und Bedrücktheit, und dann wurde mir etwas leichter.

Die Lene sah mich zuweilen argwöhnisch an und stellte einmal allerhand verfängliche Fragen, ob ich wüßte, so und so . . . nein, das mag ich nicht alles niederschreiben. Ich wurde dunkelrot und dann wieder kreideweiß, und die Lene wurde auch grünweiß vor Wut und plötzlich, ehe ich mich versah, wirft sie mir rechts und links ein paar Ohrfeigen an den Kopf, daß mir Hören und Sehen vergeht und ich laut aufschreie. Da kommt Vater hereingestürzt, und als er sieht, daß die Lene mich haut, packt er sie am Arm, reißt sie zurück und schmeißt sie gegen die Wand und stößt mit dem Fuß nach ihr, und will sie schlagen, aber ich warf mich dazwischen und die Lene heult laut und schreit alles heraus . . . . 63 Sie hätte es schon lange an meiner Wäsche gemerkt und ich täte Schande übers Haus bringen. Es sei kein gutes Haar an mir, ich taugte in meiner Haut nichts, und sie bereute es, in solche Familie hineingeheiratet zu haben. Vater solle sich nur seine hoffnungsvolle Tochter einpökeln. – Da ist er wieder auf sie zugestürzt – ich lief hinaus und schlug die Tür hinter mir ins Schloß und rannte die Treppe hinauf in meine Kammer und schloß auch da die Tür zu und warf mich aufs Bett und starrte mit heißen Backen und trockenen Augen geradeaus zur Decke.

Und es war mir so weh, so – ich weiß nicht wie, und mein Kopf glühte und hämmerte, als ob Feuer darin wäre. Ich konnte auch nicht richtig denken und überlegen, die Gedanken rasten wie Räder immer um die eine Frage herum: was soll nun werden? Soll ich es Elisabeth nachmachen und ins Wasser gehen, oder soll ich Meinert bitten, daß er mir Gift gibt? Oder soll ich mich unter den Zug werfen und mich totfahren lassen? Denn daß ich mich vor der Welt aus dem Staube machen muß, steht so fest bei mir, wie Amen in der Bibel.

Ich blieb den ganzen Abend oben und wollte nicht herunter, aber nachher kam Vater und bat, ich möchte aufmachen, und seine Stimme klang so merkwürdig zitternd und weinerlich, daß ich mich nach einer Weile hinschlich und öffnete. Mit meinen brennendheißen Augen sah ich, wie elend und verfallen Vater aussah, und plötzlich liege ich in seinen Armen und weine, und er weint auch und küßt mich und wir konnten beide vor Schluchzen kein Wort sprechen.

»Kind, Kind! mein armes, kleines Mädchen! Sag mir nur das eine: hat das Weib recht? War es Meinert?« stieß Vater heraus. Ich nickte. Vater stöhnte. »O Gott, o Gott,« sagte er einmal über das andere. Und dann wieder: »Versprich mir nur, daß du keine Dummheit 64 machst, mein armer Engel. Ich werde mit Meinert sprechen, es wird schon alles ins Lot kommen.« Ich mußte ihm in die Hand versprechen, daß ich mir kein Leid antue. Dafür bat ich mir aus, daß sie mich den andern Tag in Ruhe ließen und mir das Essen auf mein Zimmer gebracht würde. Vater versprach alles.

Nachher kam Meinert. Er sah bitterböse aus und war wütend. »Hättest du mir gleich gesagt, was los ist, wäre es gar nicht so weit gekommen,« schrie er, »ich hätte dir ein paar Tropfen eingegeben, und dann wäre alles in Ordnung. Nun haben wir die Bescherung. Dein Vater heult wie ein altes Weib, und deine Stiefmutter blökt das Haus zusammen, morgen weiß es die ganze Stadt. Die Frieda Gotteball, das buckelige Aas, sitzt unten in der Wohnstube und kriegt alles haarklein von dem Mensch vorgebetet.«

Tante Frieda! Meine letzte Kraft brach zusammen. Ich sah die strengen durchbohrenden Augen des alten Weibleins auf mich gerichtet und mein Herz fing an vor Furcht, Scham und Schreck zu erstarren. »Gib mir Gift,« sagte ich. Er lachte kurz auf. »Papperlapapp – Gift. Das soll was sein. Mir bleibt nichts übrig, als dich zu heiraten. Wenn dein Vater mich zum Teilhaber macht, soll's mir recht sein, sonst danke ich für Obst.« Er lief hinaus und ich lag da, und durch meinen Körper liefen eisige Schauer. Ich dachte, daß ich Meinert heiraten sollte, und plötzlich, ich weiß nicht wie, kam es an mich heran und in mich hinein und stand das Eine still und fest in mir: lieber tot. Lieber ins Wasser oder unter die Zugräder, als Meinerts Frau werden. Ich kann nicht, ich kann nicht, ich kann nicht. – – –

Ich weiß nicht wie es ist, aber es ist so, daß sich alles in mir und in meinem Empfinden plötzlich gewendet hat. Denn mit einem Male weiß ich: ich hasse Meinert. Mich ekelt vor ihm. Er ist schlecht. Wenn ich an ihn 65 denke, ist es mir, als ob ein ekles Gewürm an meinem Körper emporkriecht. Wenn ich denke, daß mein ganzes Leben an diesen Menschen gekettet sein soll, daß ich verurteilt bin, nicht nur ferner, sondern für alle Zeit, bis an mein Ende ihm als Eigentum anzugehören, wird es mir schwarz vor den Augen. Nein, ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht – – –

Morgen mehr. –

* * *

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