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Tage und Nächte in Urwald und Sierra

Kurt Faber: Tage und Nächte in Urwald und Sierra - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorKurt Faber
titleTage und Nächte in Urwald und Sierra
publisherRobert Lutz Verlag G.m.b.H.
printrunDritte Auflage
year1926
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071106
projectid488d505a
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Die Eintrittskarte ins Paradies

Auf gut Glück, aufs Geratewohl, »auf blauen Dunst«, wie man zu sagen pflegt, bin ich noch einmal in Südamerika gewesen. Und nun sitze ich noch einmal hier, um diese neuesten Fahrten und Irrfahrten noch nachträglich auf dem Papiere festzuhalten, wenn mir das alles auch zunächst nicht so recht aus der Feder will.Die Schilderungen meiner ersten Südamerika-Fahrt findet der Leser in dem Buche: Dem Glücke nach durch Südamerika. Erinnerungen eines Ruhelosen, von Kurt Faber. 15. Auflage 1926. (Lutz' Memoiren-Bibliothek.)

Wie kommt das nur? Diese Geschichten sind wohl alle noch zu aktuell, als daß man immer darüber lachen könnte, es ist noch zu viel Gegenwart darin, mit ihren Hoffnungen und Wünschen, mit ihren Leiden und Leidenschaften.

Dennoch habe ich die Feder tief eingetaucht und gehe in meinen Gedanken um einige Jahre zurück in jene schöne Zeit, da bei uns zu Hause eben der Dollar anfing, sich blank und immer blanker zu putzen und sich schließlich auf den Thron setzte als Kaiser von Deutschland, vor dem die höchsten Herren die Honneurs machten und die vornehmsten Damen in einem Hofknicks erstarben, so tief, und tiefer als je vor einem Fürsten von Gottes Gnaden.

Waren das damals nicht herrliche Zeiten? Der Dollar stieg, wie das Wasser nach einem Sommergewitter, und mit ihm stiegen Pfunde und Gulden und Schweizer Franken und tschechische Kronen und brasilianische Milreis. Was Wunder, daß landauf, landab die Sehnsucht lebendig wurde nach jenen unerhörten Schlaraffenländern, in denen das Geld alle Tage mehr wert wurde. Was Wunder, daß ein Wettlauf nach den Grenzpfählen einsetzte, ein verzweifeltes Haschen nach fremden Geldsorten für das bißchen Reisegeld nach dem gelobten, dem »edelvalutarischen« Land? Denn ein Schiffsbillett nach Brasilien – das war so gut wie eine Eintrittskarte ins Paradies.

So etwas steckt an, selbst bei so vielgewandeiten Weltkindern wie Schreiber dieser Zeilen. Von den Dollars freilich wußte ich längst schon aus Erfahrung, daß sie drüben so rund sind, wie bei uns einmal Mark und Pfennig waren, zumal dann, wenn man sie nicht hat, aber der Zauber der Ferne war es, der es mir angetan hatte und mich von weiten Ländern und von großen Reisen träumen ließ. Und wer weiß: Vielleicht wäre es dabei geblieben, vielleicht hätte ich nie meinen Mann gestanden in diesem neuen Wettlauf, wenn ich nicht eines Tages – ja, ich erzähle es gerade, wie es sich zugetragen hat! – wenn ich nicht eines Tages die folgende Anzeige in der Zeitung gelesen hätte:

»Achtung! Ausländer! Ein Siegestaler gegen Dollars zu verkaufen!«

Da wollte mir die ganze Richtung nicht mehr passen, und ich tat, wie einst ein anderer Vielgewanderter, Gottfried Seume, getan hatte, als er sich anwerben ließ zur englischen Legion:

»Ich ging zum Postamt hin und sprach
Den Schreibern ins Gesicht:
So trag ein ganzes Volk die Schmach,
Ein ganzer Kerl trägt's nicht!«

Und so kam es, daß ich nach mancherlei Wanderungen und Abenteuern in Patagonien, im Feuerland, in Chile und noch einigen anderen interessanten, allzu interessanten Ländern eines Tages mit sechs Soles in der Tasche – vielleicht waren es auch vier, genau kann ich das nicht mehr sagen, – neben meinem leinenen Seesack auf dem Kai des peruanischen Hafens Callao stand, nicht anders, wie ich es schon so oft getan hatte in unendlich vielen anderen Häfen in vergangenen Jahren. Es war mitten im Winter. Aber die Sonne brannte heiß vom wolkenlosen Tropenhimmel, die Menschen gingen vorüber mit feindseliger Gleichgültigkeit und die weite Plaza lag vor mir in der flimmernden Hitze so kalt und tot und so öde wie ein leerer Geldbeutel. Da setzte ich mich zunächst einmal auf eine der Kaimauern und fing an mächtig nachzudenken über mich und meine Lage und sonst noch allerlei Dinge, über die ich längst schon hätte nachdenken sollen, wenn ich klug und weise und vorausschauend gewesen wäre.

Das war der wenig erfreuliche Anfang der peruanisch-bolivianisch-brasilianischen Geschichten, von denen ich hier berichte. Die letzte von diesen war eine deutsche, und ich will sie gleich hier an den Anfang setzen. Das war am Tage der Rückkehr, in der ersten Stunde in Hamburg. – Wie wohl es tat, wieder auf deutschem Boden zu gehen! Zufrieden mit mir selbst und der ganzen Welt ging ich die Mönckebergstraße entlang und freute mich, daß eigentlich noch alles am alten Platze stand, trotz der Schauergeschichten, die ich gehört hatte im Ausland. An den Ecken standen noch immer die alten Weiber und verkauften die neuen Zeitungen und ringsum die Läden quollen nur so über von Würsten, Schinken, Schokolade und sonstigen Herrlichkeiten aller Weltteile. Vor einer Bude blieb ich stehen und kaufte Kirschen aus den Vierlanden, denn nach so etwas hatte ich längst schon Appetit bekommen über dem verzuckerten Zeug von Ananas und faden Bananen.

Was sie kosteten?

»Fünfhundert Mark.«

»Mark–?«

»Jo, Mark.«

»Das Pfund?«

»Det halwe Pund!«

– –?

»Ihnen heben sie wohl eben erst in Amerika losgelassen.«

»Ja.«

»Und dann sind Sie nicht dort geblieben?«

»Warum sollte ich denn?«

»Wo es dort doch Dol–lars gibt!«

Eben von den Dollars will ich in diesem Buche erzählen– –

Einen hatte ich mitgebracht. Ich hütete ihn wie meinen Augapfel. Ich wechselte ihn ein zum besten Kurse. Ich reiste damit im Schnellzug durch halb Deutschland, und als ich endlich müde und krank wieder bei Muttern ankam, da waren mir noch tausend Mark davon übriggeblieben. So hatte die lange Reise von Meer zu Meer sich dennoch einigermaßen bezahlt gemacht.

»It's all in a name,« sagen sie drüben.

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