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Szenen aus dem Landleben

Honoré de Balzac: Szenen aus dem Landleben - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleSzenen aus dem Landleben
publisherGeorg Müller
addressMünchen
seriesMenschliche Komödie
year1925
translatorPaul Hansmann
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060710
projectid450556f5
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Die Freundschaft, die jeder Reiter zu seinem Tiere hegt, führte Genestas schon frühmorgens in den Stall, und er war zufrieden damit, wie Nicolle sein Pferd gestriegelt hatte.

»Schon aufgestanden, Major Bluteau?« rief Benassis, der seinem Gaste entgegenkam. »Sie sind wirklich ein Soldat, überall hören Sie die Reveille, selbst auf dem Dorfe.«

»Geht's gut?« antwortete ihm Genestas und streckte ihm in einer Regung von Freundschaft die Hand entgegen.

»Mir geht's niemals wirklich gut,« antwortete Benassis in einem halb traurigen und halb frohen Tone.

»Hat der Herr gut geschlafen?« fragte Jacquotte Genestas.

»Donnerwetter! meine Schöne, Sie hatten mir das Bett wie für eine Neuvermählte zurechtgemacht!«

Jacquotte folgte lächelnd ihrem Herrn und dem Offizier. Nachdem sie die beiden sich zu Tisch hatte setzen sehen, sagte sie zu Nicolle:

»Trotzdem ist er ein guter Bursche, der Herr Offizier.

»Will's meinen, er hat mir bereits vierzig Sous geschenkt!«

»Wir wollen damit anfangen, zwei Tote zu besuchen,« sagte Benassis zu seinem Gast, als sie das Eßzimmer verließen. »Wiewohl die Aerzte sich selten ihrem angeblichen Opfer gegenübersehen wollen, werd' ich Sie in zwei Häuser führen, wo Sie eine recht seltsame Beobachtung über die menschliche Natur machen können. Dort sollen Sie zwei Bilder sehen, die Ihnen beweisen werden, wie verschieden im Ausdruck ihrer Gefühle Bergbewohner von den Leuten in der Ebene sind. Der unterhalb der Bergspitzen gelegene Teil unseres Bezirks bewahrt Sitten von antiker Färbung, die von fern an die Szenen der Bibel erinnern. Auf der Kette unserer Berge gibt's eine von der Natur gezogene Linie, von der an gerechnet alles sein Aussehen ändert: oben Kraft, unten Gewandtheit; oben starke Gefühle, unten fortwährender Ausgleich mit den Interessen des materiellen Lebens. Bis auf das Tal von Ajou, dessen Nordseite von Schwachsinnigen und dessen Südseite von intelligenten Leuten bewohnt ist, zwei Bevölkerungen, die, nur durch einen Bach getrennt, in jeder Beziehung, in Statur, Gang, Physiognomie, Sitten und Beschäftigungen einander unähnlich sind, habe ich an keiner Stelle diesen Unterschied mehr zutage treten sehen als hier. Diese Tatsache würde die Verwalter eines Landes zu eingehenden lokalen Studien hinsichtlich der Anwendung der Gesetze auf die Massen verpflichten ... Doch die Pferde sind bereit, reiten wir!«

In kurzer Zeit langten die Reiter bei einer Behausung an, die sich in dem Teile des Fleckens befand, der nach den Bergen der Grande-Chartreuse hin lag. Vor der Türe dieses Hauses, das in gutem Zustände war, bemerkten sie einen mit einem schwarzen Tuche bedeckten Sarg, der auf zwei Stühle inmitten von vier Kerzen gesetzt worden war, dann auf einem Schemel ein Kupferbecken, in welchem ein Buchsbaumbüschel in Weihwasser lag. Jeder Vorübergehende trat in den Hof, kniete vor der Leiche nieder, betete ein Vaterunser und sprengte einige Weihwassertropfen auf die Bahre. Oberhalb des schwarzen Tuchs erhoben sich die grünen Büschel eines neben die Türe gepflanzten Jasmins, und in der Höhe des Oberlichts zogen sich die gewundenen Ranken eines schon belaubten Weinstocks hin. Ein junges Mädchen kehrte gerade den Platz vor dem Hause fertig, um dem unbestimmten Bedürfnis nach Schmuck zu gehorchen, den die Zeremonien, selbst die traurigste von allen, einflößen. Der älteste Sohn des Toten, ein junger zweiundzwanzigjähriger Bauer, stand unbeweglich an den Türpfosten gelehnt. In den Augen hatte er Tränen, die rollten, ohne zu fallen, oder die er vielleicht dann und wann heimlich abwischte. Im Moment, da Benassis und Genestas in den Hof traten, nachdem sie ihre Pferde an eine der Pappeln angebunden hatten, die längs einer kleinen Mauer von Brusthöhe standen, von wo aus sie die Szene betrachtet hatten, kam die Witwe in Begleitung einer Frau, die einen vollen Milchtopf trug, aus ihrem Stall.

»Habt Mut, meine arme Pelletier,« sagte diese.

»Ach, meine liebe Frau; wenn man fünfundzwanzig Jahre mit einem Manne zusammengewesen ist, dann ist's sehr hart, voneinander zu gehen!«

Und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

»Bezahlt Ihr die zwei Sous?« fügte sie nach einer Pause, ihrer Nachbarin die Hand hinhaltend, hinzu.

»Ach, halt, ich vergaß!« sagte die andere Frau und gab ihr Geldstück hin. »Nun, tröstet Euch, liebe Nachbarin. – Ah, da ist Monsieur Benassis.«

»Nun, arme Mutter, geht's besser?« fragte der Arzt.

»Gewiß, mein lieber Herr,« sagte sie weinend, »es muß wohl trotzdem gehen. Ich sage mir, daß mein Mann nicht mehr leidet. Er hat soviel gelitten! – Aber treten Sie doch ein, meine Herrn! – Jacques! Gib den Herren doch Stühle, auf, rühre dich. Bei Gott, geh, du wirst deinen armen Vater nicht wieder aufwecken und wenn du dort auch hundert Jahre stehenbleibst! Und jetzt mußt du für zweie arbeiten!«

»Nein, nein, gute Frau, lassen Sie Ihren Sohn in Ruhe; wir wollen uns nicht setzen. Sie haben da einen Jungen, der für Sie sorgen wird und wohl fähig ist, seinen Vater zu ersetzen.«

»So geh und zieh dich an, Jacques,« rief die Witwe, »sie werden ihn bald holen.«

»Gehen wir. Leben Sie wohl, Mutter,« sagte Benassis.

»Ihre Dienerin, meine Herrn.«

»Wie Sie sehen,« sagte der Arzt, »hat man den Tod hier als einen vorhergesehenen Unfall hingenommen, der den Lebenslauf der Familien nicht aufhält; und Trauer wird dort gar nicht getragen werden. In den Dörfern will niemand, sei es aus Armut, sei's aus Sparsamkeit, sich eine solche Ausgabe machen. Auf dem Lande gibt's daher keine Trauer. Die Trauer, mein Herr, ist weder ein Gebrauch noch ein Gesetz; sie ist etwas viel Besseres: eine Einrichtung, die mit allen Gesetzen zusammenhängt, deren Beobachtung von ein und demselben Prinzip, nämlich der Moral, abhängt. Trotz unserer Bemühungen haben nun weder ich noch Monsieur Janvier unsern Bauern mit Erfolg begreiflich machen können, von welcher Wichtigkeit die öffentlichen Demonstrationen für die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung sind. Diese braven, seit gestern emanzipierten Leute sind noch nicht fähig, die neuen Beziehungen zu verstehen, die sie mit diesen allgemeinen Vorstellungen verknüpfen sollen. Gegenwärtig sind sie nur für die Ideen zu haben, die Ordnung und physisches Wohlbefinden erzeugen; wenn später jemand mein Werk fortsetzt, werden sie zu den Prinzipien gelangen, die dazu dienen, die öffentlichen Rechte zu erhalten. Tatsächlich genügt es nicht, ein ehrenwerter Mann zu sein, man muß als ein solcher auch erscheinen. Die Gesellschaft lebt nicht allein durch moralische Ideen; um Bestand zu haben, bedarf sie in Einklang mit solchen Ideen stehender Handlungen. In den meisten ländlichen Gemeinden werden auf hundert Familien, die der Tod ihres Oberhauptes beraubt hat, nur einige wenige mit einer lebhaften Empfindsamkeit begabte Individuen diesem Toten ein langes Andenken bewahren, alle anderen aber werden ihn innerhalb eines Jahres vollkommen vergessen haben. Ist dieses Vergessen nicht eine große Wunde? Eine Religion ist das Herz eines Volkes, sie drückt seine Gefühle aus und vergrößert sie, indem sie ihnen ein Ende setzt; ohne einen sichtbar verehrten Gott aber existiert die Religion nicht, und demgemäß haben die menschlichen Gesetze keine Kraft. Wenn das Gewissen Gott allein gehört, fällt der Körper unter das soziale Gesetz. Ist's nun nicht ein beginnender Atheismus, wenn man so die Zeichen eines religiösen Schmerzes auslöscht, wenn man den Kindern, die noch nicht nachdenken, und allen Leuten, die der Beispiele bedürfen, nicht eindringlich die Notwendigkeit klarmacht, den Gesetzen, durch eine offenkundige Resignation den Ratschlüssen der Vorsehung gegenüber, die einen schlägt und tröstet, welche die Güter dieser Welt gibt und nimmt, zu gehorchen? Ich muß gestehen, daß ich, nach Tagen einer spöttischen Ungläubigkeit, hier den Wert religiöser Zeremonien, den Wert der Familienfeierlichkeiten und die Wichtigkeit der Gebräuche und Feste des häuslichen Herdes begriffen habe. Die Grundlage der menschlichen Gesellschaft wird immer die Familie sein. Dort beginnt die Aktion der Macht und des Gesetzes, dort wenigstens muß man den Gehorsam lernen. Mit allen ihren Konsequenzen betrachtet, sind der Familiengeist und die väterliche Macht zwei noch zu wenig entwickelte Prinzipien in unserem neuen Gesetzgebungssystem. Die Familie, die Gemeinde, die Provinz, unser ganzes Land ist gleichwohl da. Die Gesetze müßten also auf diesen drei großen Einteilungen basiert sein. Meiner Meinung nach können die Heirat der Eheleute, die Geburt der Kinder, der Tod der Väter mit nicht genug Gepränge umgeben sein. Was die Macht des Katholizismus ausgemacht, was ihn so tief in den Sitten hat Wurzeln fassen lassen, ist sicherlich der Glanz, mit dem er in den bedeutungsvollen Augenblicken des Lebens erscheint, um sie mit so naiv rührendem, so großem Pomp zu umgeben, wenn der Priester sich der Größe seiner Mission anpaßt und sein Amt mit der Erhabenheit der christlichen Moral in Einklang zu bringen weiß. Früher sah ich die katholische Religion als eine Anhäufung von Vorurteilen und geschickt ausgebeutetem Aberglauben an, über die eine intelligente Zivilisation ein Strafgericht ergehen lassen müsse. Hier hab' ich ihre politische Notwendigkeit und ihren moralischen Nutzen erkannt; jetzt hab' ich ihre Macht eben durch den Wert des Wortes erkannt, das sie ausdrückt. Religion will: Band heißen und sicherlich stellt der Kult oder, anders gesagt, die ausgedrückte Religion die einzige Macht dar, welche die sozialen Schichten zusammenbinden und ihnen eine dauerhafte Form geben kann. Endlich habe ich hier den Balsam eingesogen, den die Religion auf die Wunden des Lebens träufelt; ohne sie zu untersuchen, habe ich gefühlt, daß sie wunderbar mit den leidenschaftlichen Sitten der südlichen Nationen übereinstimmt. – Schlagen wir den ansteigenden Weg ein,« sagte der Arzt, sich unterbrechend, »wir müssen die Hochfläche erreichen. Von dort aus werden wir die beiden Täler überblicken und Sie sollen sich eines schönen Schauspiels erfreuen. Etwa dreitausend Fuß hoch über dem Mittelmeere werden wir Savoyen und den Delphinat, die Berge des Lyonnais und den Rhone sehen. Wir werden in einer anderen Gemeinde sein, einer Berggemeinde, wo Sie in einer von Monsieur Graviers Meiereien das Schauspiel sehen sollen, von dem ich Ihnen gesprochen habe, jenes natürliche Gepränge, das meine Gedanken über die großen Lebensereignisse verwirklicht. In dieser Gemeinde trägt man mit Andacht Trauer. Die Armen sammeln Almosen, um sich ihre schwarzen Kleider kaufen zu können. In diesem Falle schlägt ihnen niemand Hilfe ab. Es vergeht kaum ein Tag, ohne daß eine Witwe unter Tränen von ihrem Verluste spricht, und zehn Jahre nach ihrem Unglück sind ihre Gefühle ebenso tief wie am Tage danach. Dort herrschen patriarchalische Sitten; des Vaters Autorität kennt keine Schranken, sein Wort ist entscheidend. Am oberen Tischende sitzend, ißt er allein, seine Frau und seine Kinder bedienen ihn; die um ihn herum sind, sprechen nicht, ohne gewisse Respektformeln zu gebrauchen und unbedeckten Hauptes steht jedes vor ihm. So groß geworden besitzen die Männer den Instinkt ihrer Größe. Meiner Ansicht nach gewährleisten solche Gebräuche eine edle Erziehung. Auch sind die Leute dieser Gemeinde durchgehends gerecht, sparsam und arbeitsam. Jeder Familienvater hat die Sitte, seine Güter gleichmäßig unter seine Kinder zu verteilen, wenn das Alter ihm das Arbeiten verbietet; seine Kinder ernähren ihn dann. Im letzten Jahrhundert lebte ein neunzigjähriger Greis, nachdem er die Teilung unter seine Kinder vorgenommen hatte, drei Monate bei jedem von ihnen. Als er den Aeltesten verließ, um zum Jüngsten zu gehen, fragte einer seiner Freunde ihn: ,Nun, bist du zufrieden?' ,Meiner Treu, ja,' sagte der Greis, ,sie haben mich wie ihr Kind behandelt!' Dies Wort, mein Herr, ist einem Offizier namens Vauvenargues, einem berühmten Moralisten, der damals in Grenoble in Garnison stand, so bemerkenswert erschienen, daß er in mehreren Pariser Salons darüber sprach, wo dieses Wort von einem Schriftsteller namens Chamfort aufgegriffen wurde. Nun, es werden oft bei uns Worte geäußert, die noch auffallender sind als dieses hier, doch sie ermangeln der Geschichtschreiber, die sie zu hören würdig sind ...«

»Ich habe Herrenhuter, Begharden in Böhmen und in Ungarn gesehen,« sagte Genestas, »das sind Christen, die Ihren Bergbewohnern sehr ähnlich sind. Diese braven Leute erdulden die Kriegsleiden mit einer engelhaften Geduld.«

»Die einfachen Sitten, mein Herr,« antwortete der Arzt, »dürften in allen Ländern ziemlich ähnlich sein. Das Wahre hat nur eine Form. Das Landleben tötet wahrlich viele Ideen, aber es schwächt die Laster ab und entwickelt die Tugenden. Je weniger Menschen man auf einem Punkte zusammengepfercht sieht, desto weniger Verbrechen, strafbaren Handlungen und bösen Gefühlen begegnet man in der Tat. Die Reinheit der Luft hat großen Einfluß auf die Unschuld der Sitten.«

Die beiden Reiter, die im Schritt einen steinigen Weg hinaufritten, erreichten nun die Hochfläche, von der Benassis gesprochen hatte. Dies Gebiet zieht sich um eine sehr hohe, aber vollkommen kahle Bergspitze herum, die es beherrscht, und wo es keinerlei Vegetation gibt. Der Gipfel ist grau und auf allen Seiten zerklüftet, abschüssig und unbesteigbar. Das fruchtbare, von Felsen umschlossene Gebiet, zieht sich unterhalb dieser Spitze hin und umsäumt sie unregelmäßig in einer Breite von etwa hundert Arpents. Gegen Süden umfaßt der Blick durch einen ungeheuren Einschnitt die französische Moriana, den Delphinat, die Felsen Savoyens und die fernen Berge des Lyonnais. Im Augenblick, wo Genestas diesen Aussichtspunkt, der von der Frühlingssonne hell erleuchtet wurde, betrachtete, ließen sich Klagetöne vernehmen.

»Kommen Sie,« sagte Benassis zu ihm, »der Gesang hat begonnen. Gesang nennt man diesen Teil der Trauerfeierlichkeiten.«

Der Offizier bemerkte dann auf der Westseite des Gipfels die Gebäulichkeiten einer ansehnlichen Meierei, die ein vollkommenes Viereck bildeten. Das gewölbte, ganz aus Granit bestehende Portal hatte einen Ausdruck von Größe, der durch das hohe Alter des Bauwerks, die uralten Bäume, die es umstanden, und die Pflanzen, die auf seinen Mauerrändern wuchsen, noch gesteigert wurde. Das Hauptgebäude liegt hinten im Hof, auf jeder Seite desselben befinden sich die Scheunen, die Schaf-, Pferde- und Kuhställe, die Wagenremisen, und in der Mitte der große Pfuhl, wo die Misthaufen faulen. Dieser Hof, dessen Anblick in reichen und bevölkerten Meiereien gewöhnlich so belebt ist, lag in diesem Augenblick still und düster da. Da das Tor des Wirtschaftshofs geschlossen war, blieben die Tiere in ihren Einfriedigungen, von wo aus man ihre Stimmen kaum hörte. Die Vieh- und Pferdeställe, alles war sorgsam verschlossen. Der Weg, der zur Wohnung führte, war gesäubert worden. Diese vollkommene Ordnung dort, wo gewöhnlich Unordnung herrscht, dieser Mangel an Bewegung, und das Schweigen an einem sonst so geräuschvollen Orte, die Ruhe des Gebirges, der von dem Berggipfel geworfene Schatten, all das trug dazu bei, die Seele zu bewegen. Wie gewöhnt Genestas auch an starke Eindrücke war, er konnte sich nicht enthalten, zu erbeben, beim Anblick von zwölf Männern und Frauen in Tränen, die vor der Tür des großen Saales aufgestellt waren und alle mit einer schrecklichen Einhelligkeit der Betonung »Der Herr ist tot« riefen. Dies geschah während der Zeit, die er gebrauchte, um vom Portal zur Pächterwohnung zu kommen, zu zweien Malen. Als diese Rufe beendigt waren, drangen Seufzer aus dem Innern und die Stimme einer Frau ließ sich durch die Fenster hören.

»Ich wage mich nicht in diesen Schmerz zu mischen,« sagte Genestas zu Benassis.

»Ich besuche die durch Todesfälle niedergebeugten Familien stets,« antwortete der Arzt, »sei es, um zu sehen, ob nicht irgendein durch den Schmerz verursachter Unfall geschehen ist, sei es, um den Tod zu bestätigen. Unbedenklich können Sie mich begleiten. Ueberdies ist die Szene so eindrucksvoll, und wir finden da so viele Leute vor, daß man Sie gar nicht bemerken wird.«

Dem Arzte folgend, sah Genestas tatsächlich das erste Zimmer voll von Verwandten. Alle beide schritten sie durch diese Versammlung hindurch und stellten sich an der Tür eines Schlafzimmers auf, das an den großen Saal stieß, der als Küche und Vereinigungsraum für die ganze Familie, man muß schon Kolonie sagen, diente; denn die Länge des Tisches ließ auf den gewöhnlichen Aufenthalt von einigen vierzig Personen schließen. Benassis' Ankunft unterbrach die Reden einer einfach gekleideten Frau von großer Figur, deren Haare verwirrt waren und die mit beredter Geste des Toten Hand in der ihren hielt. Dieser, in seine besten Gewänder gekleidet, war steif auf seinem Bett ausgestreckt, dessen Vorhänge zurückgeschlagen worden waren. Das ruhige Gesicht, das den Himmel atmete, und vor allem die weißen Haare brachten einen Theatereffekt hervor. Auf den beiden Bettseiten hielten sich die Kinder und die nächsten Verwandten der Eheleute auf. Jede Linie hatte ihre Seite, die Verwandten der Frau die linke, die des Entschlafenen die rechte. Männer und Frauen lagen auf den Knien und beteten; die meisten weinten. Kerzen umgaben das Bett. Der Pfarrer der Gemeinde und seine Geistlichkeit hatten mitten im Zimmer ihren Platz, um den offenen Sarg herum. Das Haupt dieser Familie in Gegenwart eines Sarges zu sehen, der bereitstand, es für immer zu verschlingen, war ein tragisches Schauspiel.

»Ach, mein lieber Herr,« sagte die Witwe, auf den Arzt hinweisend, »wenn dich die Weisheit des besten der Menschen nicht hat retten können, stand es also da droben geschrieben, daß du mir ins Grab vorausgehen solltest! Ja, sie ist jetzt kalt, die Hand, die mich mit soviel Freundschaft drückte! Für immer habe ich meinen lieben Gefährten verloren und unser Haus sein teures Oberhaupt; denn du warst wirklich unser Führer. Ach, alle, die dich mit mir beweinen, haben das Licht deines Herzens und den ganzen Wert deiner Person gekannt; ich allein aber wußte, wie mild und geduldig du warst! Ach, mein Gatte, mein Mann, so muß man dir also Lebewohl sagen, dir, unserem Halt, dir, meinem lieben Herrn! Und wir, deine Kinder, denn du liebtest jeden von uns in gleicher Weise, wir haben alle unseren Vater verloren!«

Die Witwe warf sich über die Leiche, umschlang sie, bedeckte sie mit Tränen und erwärmte sie mit Küssen; und während dieser Pause schrien die Diener: »Der Herr ist tot!«

»Ja,« fuhr die Witwe fort, »er ist tot, der teure, heißgeliebte Mann, der uns unser Brot gab, der für uns pflanzte und erntete, über unser Glück wachte, indem er uns mit einem Gebote voller Milde im Leben leitete. Jetzt kann ich es zu seinem Lobe sagen, er hat mir niemals den leichtesten Kummer bereitet, er war gut, stark, geduldig; und als wir ihn quälten, um ihm seine kostbare Gesundheit wiederzugeben, sagte er: ›Laßt mich, meine Kinder, alles ist nutzlos.‹ Das sagte das liebe Lamm mit der nämlichen Stimme, mit der er uns einige Tage vorher erklärte: ›Alles geht gut, meine Freunde.‹ Ja, großer Gott! einige Tage haben genügt, um uns die Freude des Hauses zu nehmen und unser Leben zu verdunkeln, indem sich die Augen des besten, des rechtschaffensten und verehrtesten der Männer schlossen, eines Mannes, der seinesgleichen nicht hatte im Führen des Pfluges, der furchtlos Tag und Nacht durch unsere Berge eilte, und der bei seiner Rückkehr seiner Frau und seinen Kindern immer zulächelte. Ach, wir haben ihn alle geliebt! Wenn er fortging, wurde der Herd traurig und wir aßen ohne Lust. Und was wird nun werden, wo unser Schutzengel in die Erde gebettet wird und wir ihn niemals wiedersehen? Niemals, liebe Freunde, niemals, gute Verwandte, niemals, meine Kinder! Ja, meine Kinder haben ihren guten Vater verloren, unsere Verwandten haben ihren guten Verwandten verloren, meine Freunde haben einen guten Freund verloren, und ich, ich habe alles verloren, wie das Haus seinen Herrn verloren hat!«

Sie nahm des Toten Hand, kniete nieder, um ihr Gesicht besser daraufpressen zu können, und küßte sie. Die Dienstboten aber schrien dreimal:

»Der Herr ist tot!«

In diesem Augenblick trat der älteste Sohn zu seiner Mutter und sagte zu ihr:

»Die aus Saint-Laurent sind gekommen, liebe Mutter, sie werden Wein haben müssen.«

»Lieber Sohn,« antwortete sie, den feierlichen und klagenden Ton, mit dem sie ihren Gefühlen Ausdruck verlieh, aufgebend, mit leiser Stimme, »nehmt die Schlüssel, Ihr seid nun Herr hier drinnen, seht zu, daß sie hier die Aufnahme finden können, die ihnen Euer Vater bereitete, damit ihnen hier nichts verändert vorkommt ... Daß ich dich doch noch einmal zu meiner Freude sähe, mein würdiger Mann!« fuhr sie fort. »Doch, weh, du fühlst mich nicht mehr, ich kann dich nicht mehr erwärmen! Ach, alles, was ich wünschte, würde sein, dich noch einmal zu trösten, indem ich dich wissen ließe, daß du, solange ich am Leben bleiben werde, in dem Herzen weilen wirst, an dem du deine Freude hattest, daß ich glücklich sein will in der Erinnerung an mein Glück, und daß dein teures Gedenken in diesem Zimmer fortbestehen soll. Ja, es wird immer voll von dir sein, solange Gott mich hier lassen mag. Höre mich, mein lieber Mann! Ich schwöre, dein Bett so zu lassen, wie es jetzt ist. Niemals habe ich mich ohne dich hineingelegt, es möge also leer und kalt bleiben. Dich verlierend, habe ich wirklich all das verloren, was das Weib macht: Herrn, Gatten, Vater, Freund, Gefährten, Mann, kurz alles!«

»Der Herr ist tot!« schrien die Dienstboten.

Während des Schreis, der allgemein wurde, nahm die Witwe die an ihrem Gürtel hängende Schere und schnitt sich die Haare ab, die sie in ihres Gatten Hand legte. Es entstand ein tiefes Schweigen.

»Dieser Akt bedeutet, daß sie sich nicht wiederverheiraten will,« sagte Benassis. »Viele Verwandte erwarteten diesen Entschluß!«

»Nimm, mein lieber Herr,« sagte sie mit einer Herzenswärme in der Stimme, die alle Anwesenden bewegte, »hüte in deinem Grabe die Treue, die ich dir geschworen habe. So werden wir immer vereint sein, und ich will unter deinen Kindern aus Liebe zu jener Nachkommenschaft bleiben, die deine Seele verjüngte. Könntest du mich hören, mein Mann, mein einziger Schatz, und vernehmen, daß du mich noch leben läßt, du, der du tot bist, um deinem geheiligten Willen zu gehorchen, und um dein Gedächtnis zu ehren!«

Benassis drückte Genestas die Hand, um ihn einzuladen, ihm zu folgen, und sie gingen hinaus. Der erste Saal war angefüllt mit Leuten, die aus einer anderen, ebenfalls in den Bergen gelegenen Gemeinde gekommen waren. Alle blieben schweigsam und gesammelt, wie wenn der Schmerz und die Trauer, die über diesem Hause schwebten, sie bereits ergriffen hätten. Als Benassis und der Major über die Schwelle gingen, hörten sie folgende Worte, die einer der neu hinzugekommenen Gäste zu dem Sohne des Entschlafenen sagte:

»Wann ist er denn gestorben?«

»Ach,« rief der Aelteste, der ein Mann von fünfundzwanzig Jahren war, »ich habe ihn nicht sterben sehen! Er hatte mich gerufen und ich war nicht da!«

Schluchzen unterbrach ihn, aber er fuhr fort:

»Am Vorabend hat er zu mir gesagt: ›Junge, du sollst in den Flecken gehen und unsere Steuern bezahlen; die Begräbnisfeierlichkeiten für mich könnten euch hindern, daran zu denken, und wir würden zu spät kommen, was noch nie geschehen ist.‹ Es schien ihm besser zu gehen, und ich, ich bin gegangen. Während meiner Abwesenheit ist er gestorben, ohne daß ich seiner letzten Umarmungen teilhaftig geworden bin! In seiner letzten Stunde hat er mich nicht bei sich gesehen, wie ich es sonst immer war!«

»Der Herr ist tot!« schrie man.

»Ach, er ist tot, und ich habe weder seine letzten Blicke noch seinen letzten Seufzer empfangen. Warum nur an die Steuern denken? Wär' es nicht besser gewesen, unser ganzes Geld zu verlieren, als das Haus zu verlassen? Könnte unsere Habe sein letztes Lebewohl bezahlen? Nein ... Mein Gott! Wenn dein Vater krank ist, verlaß ihn nicht, Jean, du würdest dir sonst dein ganzes Leben über Vorwürfe machen.«

»Lieber Freund,« sagte Genestas zu ihm, »ich habe Tausende von Männern auf den Schlachtfeldern sterben sehen, und der Tod wartete nicht, bis ihre Kinder kamen und ihnen Lebewohl sagten; also tröstet Euch, Ihr seid nicht der einzige.«

»Ein Vater, mein lieber Herr,« erwiderte er in Tränen ausbrechend, »ein Vater, der ein so guter Mann war.«

»Diese Leichenrede,« sagte Benassis, sich mit Genestas nach den Nebengebäuden der Meierei wendend, »dauert bis zu dem Augenblick, da die Leiche in den Sarg gelegt wird, und die ganze Zeit über wird die Rede dieser klagenden Frau sich an Wucht und an Bildern steigern. Doch, um vor einer so großen Versammlung so zu reden, muß eine Frau durch ein makelloses Leben das Recht dazu erworben haben. Wenn die Witwe sich den geringsten Fehl vorzuwerfen hätte, würde sie nicht ein einziges Wort zu sagen wagen; andernfalls hieße das sich selber dazu verurteilen, Angeklagte und Richterin zugleich zu sein. Ist solch eine Sitte, die dazu dient, den Toten und den Lebenden zu richten, nicht erhaben? Die Trauerkleidung wird erst acht Tage später in einer öffentlichen Zusammenkunft angelegt. Während dieser Woche wird die Familie bei den Kindern und der Witwe bleiben, um ihnen ihre Angelegenheiten ordnen zu helfen und um sie zu trösten. Diese Versammlung übt einen großen Einfluß auf die Gemüter aus, unterdrückt die bösen Leidenschaften durch jenen menschlichen Respekt, der die Menschen überkommt, wenn sie einander gegenüberstehen. Am Tage der Traueranlegung endlich findet ein feierliches Mahl statt, bei dem alle Verwandten sich Lebewohl sagen. All das geht würdig vor sich, und wer den Pflichten, die der Tod eines Familienoberhauptes auferlegt, nicht nachkäme, würde niemanden bei seiner Totenklage haben.« In diesem Augenblick machte der Arzt, da sie sich beim Kuhstall befanden, die Türe auf und ließ den Major eintreten, um ihn ihm zu zeigen.

»Sehen Sie, Rittmeister, alle unsere Ställe sind nach diesem Muster ausgebaut worden. Ist er nicht prachtvoll?«

Genestas konnte nicht umhin, diesen weiten Raum zu bewundern, wo Kühe und Ochsen in zwei Reihen standen, mit dem Schwanze gegen die Seitenmauern und dem Kopf nach der Mitte des Stalles hin, in den sie durch ein ziemlich breites Gäßchen hineingingen, das zwischen ihnen und der Mauer freigelassen worden war. Ihre durchbrochenen Krippen ließen ihre gehörnten Köpfe und ihre glänzenden Augen sehen. Der Herr konnte sein Vieh also leicht überblicken. Das Futter, das im Gebälk untergebracht war, wo man eine Art Bretterboden angelegt hatte, fiel ohne Verlust und Mühe in die Raufen.

Zwischen den beiden Krippenreihen befand sich ein großer gepflasterter, sauberer und durch Zugluft gelüfteter Raum.

»Zur Winterzeit«, fuhr Benassis fort, mit Genestas in der Mitte des Stalles auf und ab gehend, »finden hier die Spinnabende und die Arbeiten gemeinsam statt. Man stellt Tische auf und jedermann wärmt sich auf diese Art wohlfeil. Die Schafställe sind gleichfalls nach diesem System gebaut worden. Sie können sich nicht denken, wie leicht die Tiere sich an Ordnung gewöhnen; ich habe sie häufig bewundert, wenn sie hereinkommen: jedes von ihnen kennt seinen Platz und läßt das, welches zuerst hineingehen muß, auch als erstes hinein. Sehen Sie, es ist genug Platz zwischen dem Tier und der Mauer da, daß man es melken und säubern kann; außerdem senkt sich der Boden leicht, so daß er das Wasser schnell abfließen läßt.«

»Nach diesem Stalle kann man auf alles übrige schließen,« sagte Genestas; »ohne Ihnen schmeicheln zu wollen, das sind schöne Resultate !«

»Die nicht mühelos erzielt worden sind,« antwortete Benassis, »aber was für Tiere sind das auch!«

»Wahrlich, sie sind prächtig, und Sie haben alle Ursache, sie mir zu rühmen!« antwortete Genestas.

»Jetzt«, fuhr der Arzt fort, als man zu Pferde saß und das Portal hinter sich hatte, »wollen wir unsere neuen urbar gemachten Felder und die Getreideschläge durchqueren, jenen kleinen Winkel meiner Gemeinde, den ich die Beauce genannt habe.«

Etwa eine Stunde lang ritten die beiden Reiter durch Felder, über deren schöne Kultur der Offizier dem Arzte Komplimente machte; dann erreichten sie, dem Berge folgend, bald plaudernd, bald schweigend, je nachdem die Gangart der Pferde ihnen zu sprechen erlaubte oder sie zum Schweigen verurteilte, wieder das Gebiet des Fleckens.

»Gestern hab' ich Ihnen versprochen,« sagte Benassis zu Genestas, als sie in eine kleine Schlucht einritten, aus welcher die beiden Reiter in das große Tal herauskamen, »Ihnen einen der beiden Soldaten zu zeigen, die nach Napoleons Sturz von der Armee zurückgekommen sind. Wenn ich mich nicht täusche, werden wir ihn einige Schritte von hier finden, wo er eine Art natürlichen Beckens, worin sich die Gebirgsgewässer sammeln und das angeschwemmte Stein- und Erdmassen angefüllt haben, wieder ausgräbt. Um Ihnen diesen Mann aber interessant zu machen, muß ich Ihnen sein Leben erzählen ... Er heißt Gondrin und ist bei der großen Aushebung von 1792 im Alter von achtzehn Jahren eingezogen worden und zur Artillerie gekommen. Als einfacher Soldat hat er die italienischen Feldzüge unter Napoleon mitgemacht, ist ihm nach Aegypten gefolgt und nach dem Frieden von Amiens aus dem Orient zurückgekehrt. Dann, unter dem Kaiserreiche, ist er beim Brückentrain der Garde eingereiht worden und hat ständig in Deutschland gedient. Zuletzt ist der arme Arbeiter nach Rußland gegangen.«

»Da sind wir in gewisser Beziehung Brüder,« sagte Genestas, »ich habe die gleichen Feldzüge mitgemacht. Man hat einen stählernen Körper haben müssen, um den Launen so vieler verschiedenen Klimate zu widerstehen! Der liebe Gott hat denen, die noch auf ihren Beinen stehen, nachdem sie Italien, Aegypten, Deutschland, Portugal und Rußland durchquert haben, meiner Treu, ein Erfinderpatent für Lebenskunst geschenkt!«

»Auch werden Sie ein gutes Stück von einem Menschen sehen,« erwiderte Benassis; »Sie kennen ja die wilde Flucht, es erübrigt sich, Ihnen davon zu erzählen. Mein Mann ist also einer der Brückenbauer der Beresina gewesen; er hat mitgeholfen am Bau der Brücken, über die das Heer gegangen ist, und um ihre ersten Stützen zu befestigen, hat er bis an die Brust im Wasser gestanden. Der General Éblé, unter dessen Befehl die Pontoniere standen, hat unter ihnen nur zweiundvierzig gefunden, die, wie Gondrin sagt, haarig genug waren, um dies Werk zu unternehmen. Auch hat der General sich selber ins Wasser gestellt, sie ermutigt, getröstet und jedem von ihnen tausend Franken Pension und das Kreuz der Ehrenlegion versprochen. Dem ersten Manne, der in die Beresina gegangen, ist das Bein von einer großen Eisscholle abgeschnitten worden, und der Mann ist seinem Beine nachgefolgt. Doch Sie werden die Schwierigkeiten des Unternehmens besser aus den Resultaten verstehen: von den zweiundvierzig Pontonieren ist heute nur Gondrin übrig. Neununddreißig von ihnen sind beim Uebergang über die Beresina umgekommen, und die beiden anderen haben elendiglich in den Hospitälern Polens geendigt. Unser armer Soldat ist erst 1814 nach der Rückkehr der Bourbonen aus Wilna zurückgekehrt. General Éblé, von dem Gondrin nie redet, ohne Tränen in den Augen zu haben, war tot. Der taub und kränklich gewordene Pontonier, der weder lesen noch schreiben konnte, hat also weder eine Stütze mehr, noch einen Verteidiger gefunden ... Sein Brot erbettelnd, ist er nach Paris gekommen und hat dort Schritte in den Schreibstuben des Kriegsministeriums unternommen, nicht um die versprochene Tausendfranken-Pension oder das Kreuz der Ehrenlegion, sondern um den simplen Abschied mit Gnadengehalt zu bekommen, auf den er nach zweiundzwanzigjähriger Dienstzeit und, ich weiß nicht wieviel Feldzügen, Anspruch hatte; hat aber weder rückständigen Sold, noch Marschkosten, noch Pension gekriegt. Nach einem Jahre vergeblicher Eingaben, währenddessen er allen, die er gerettet hatte, die Hand hingehalten, ist der Pontonier ohne Trost, aber resigniert hierher zurückgekehrt. Dieser unbekannte Held gräbt für zehn Sous das Klafter Gräben. Gewöhnt, wie er es ist, in den Sümpfen zu arbeiten, übernimmt er, wie er sagt, die Aufträge, an die kein anderer Arbeiter sich herantraut. Indem er Pfuhle ausschlämmt und Gräben durch feuchte Wiesen zieht, kann er etwa drei Franken täglich verdienen. Seine Taubheit verleiht ihm eine trübe Miene; von Natur ist er wortkarg, besitzt aber ein tiefes Gemüt. Wir sind gute Freunde. An den Tagen der Schlacht von Austerlitz, des kaiserlichen Wiegenfestes und des Unglücks von Waterloo ißt er bei mir, und ich gebe ihm beim Nachtisch einen Napoleon, um ihm seinen Wein für jedes Vierteljahr zu bezahlen. Das Gefühl der Ehrfurcht, die ich vor diesem Manne habe, wird übrigens von der ganzen Gemeinde geteilt, die nichts lieber täte, als ihn zu ernähren. Wenn er arbeitet, geschieht's aus Stolz. In welches Haus er immer kommt, wird er nach meinem Beispiel geehrt und zum Essen eingeladen. Nur als ein Bild des Kaisers hab' ich ihn bestimmen können, mein Zwanzigfrankenstück anzunehmen. Die ihm zugefügte Ungerechtigkeit hat ihn tief betrübt, aber er trauert mehr noch seinem Kreuze nach, als daß er sich seine Pension wünscht. Ein einziger Umstand tröstet ihn. Als General Éblé nach Erbauung der Brücken die gesunden Pontoniere dem Kaiser vorstellte, hat Napoleon unsern armen Gondrin umarmt. Ohne diese Umarmung würde er vielleicht schon tot sein; er lebt nur durch diese Erinnerung und durch die Hoffnung auf Napoleons Rückkehr. Nichts kann ihn von dessen Tode überzeugen; er glaubt felsenfest, daß er seine Gefangenschaft den Engländern verdankt und würde, glaub' ich, den besten der Aldermänner, der zu seinem Vergnügen reist, unter dem nichtigsten Vorwande umbringen.«

»Auf, auf!« rief Genestas, aus der tiefen Aufmerksamkeit, mit der er dem Arzte lauschte, auffahrend, »machen wir schnell, ich möchte den Mann sehen!«

Und die beiden Reiter setzten ihre Pferde in lebhaften Trab.

»Der andere Soldat«, fuhr Benassis fort, »ist ebenfalls einer jener Eisenmänner, die in den Armeen herumgekugelt sind. Er hat, wie alle französischen Soldaten, von Kugeln, Hieben und Siegen gelebt. Hat viel ausgehalten und immer nur wollene Achselklappen getragen. Besitzt einen jovialen Charakter und liebt Napoleon, der ihm das Kreuz auf dem Schlachtfelde von Valentina verliehen hat, fanatisch. Als echter Dauphineser hat er stets Sorge getragen, mit sich im reinen zu sein; auch bekommt er sein Gnadengehalt und seine Ehrenlegionspension. Er ist ein Infanterist namens Goguelat, der 1812 zur Garde gekommen ist. In gewisser Hinsicht ist er Gondrins Aufwärterin. Beide hausen zusammen bei der Witwe eines herumziehenden Händlers, der sie ihr Geld übergeben; die gute Frau läßt sie bei sich wohnen, verpflegt, kleidet und betreut sie, wie wenn sie ihre Kinder wären. Goguelat ist hier Landbriefträger bei der Post. In dieser Eigenschaft ist er der Neuigkeitsvermittler des Bezirks, und die Gewohnheit, sie zu erzählen, hat ihn zum Spinnstubenredner, zum anerkannten Erzähler gemacht; auch hält ihn Gondrin für einen Schöngeist, für einen Pfiffikus. Wenn Goguelat von Napoleon redet, scheint der Pontonier seine Worte an der bloßen Bewegung der Lippen zu erraten. Wenn sie heute abend zur Spinnstube kommen, die in einer meiner Scheunen stattfindet, wo wir sie sehen können, ohne gesehen zu werden, will ich Ihnen das Schauspiel dieser Szene geben. Doch wir sind hier bei dem Graben angelangt, und ich sehe meinen Freund Pontonier nicht.«

Aufmerksam blickten der Arzt und der Major um sich, sie sahen nur Gondrins Schaufel, Hacke, Schubkarren und Militärrock bei einem schwarzen Dreckhaufen, aber keine Spur von dem Manne auf den verschiedenen steinigen Wegen, auf denen die Gewässer kamen, einer Art seltsamer Furchen, die fast alle von kleinem Strauchwerk beschattet wurden.

»Er kann nicht weit fort sein. – Heda! Gondrin!« rief der Arzt.

Genestas bemerkte nun Pfeifenrauch zwischen dem Blätterwerk, das eine Geröllablagerung bedeckte und wies den Arzt, der seinen Ruf wiederholte, mit dem Finger darauf hin. Bald zeigte der alte Pontonier seinen Kopf, erkannte den Bürgermeister und kam auf einem kleinen Pfade herunter.

»Nun, mein Alter,« rief Benassis, der aus seiner flachen Hand eine Art Hörrohr machte, »hier ist ein Kamerad, ein Aegypter, der dich hat sehen wollen.«

Gondrin hob sofort den Kopf nach Genestas hin und warf ihm den tiefen, forschenden Blick zu, den alte Soldaten durch die Gewohnheit, ihre Gefahren sofort abzuschätzen, sich zu erwerben gewußt haben. Nachdem er des Majors rotes Band gesehen hatte, führte er schweigend den Rücken seiner Hand an seine Stirn.

»Wenn der kleine Geschorene noch lebte,« rief der Offizier ihm zu, »würdest du das Kreuz und eine schöne Pension haben; denn du hast allen, die Achselstücke tragen und sich am ersten Oktober 1812 auf der anderen Flußseite befunden haben, das Leben gerettet; doch, mein Freund,« fügte der Major absitzend und ihm die Hand in einer plötzlichen Aufwallung reichend, »ich bin nicht Kriegsminister.«

Als er solche Worte hörte, nahm der alte Pontonier eine stramme Haltung an, nachdem er sorgsam die Asche aus seiner Pfeife geklopft und diese zu sich gesteckt hatte; dann sagte er, den Kopf neigend:

»Ich habe nur meine Pflicht getan, Herr Offizier; doch in bezug auf mich haben die anderen nicht die ihrige getan. Sie haben mir meine Papiere abverlangt! ›Meine Papiere?‹ ... hab' ich ihnen gesagt, ›aber die sind ja das neunundzwanzigste Bulletin!‹«

»Es muß neuerdings reklamiert werden, mein Kamerad. Mit Protektion wird dir heute ganz bestimmt dein Recht werden.«

»Mein Recht!« rief der alte Pontonier mit einem Tone, der den Arzt und den Major erbeben machte.

Es trat ein Augenblick des Schweigens ein, während dessen die beiden Reiter dieses Wrackstück der ehernen Soldaten, die Napoleon aus drei Generationen ausgesucht hatte, betrachteten. Sicherlich war Gondrin ein schönes Muster jener unzerstörbaren Masse, die zerschellte, ohne zu brechen. Dieser alte Mann war kaum fünf Fuß hoch, seine Brust und Schultern waren erstaunlich breit, sein sonnenverbranntes, von Furchen durchzogenes mageres, aber muskulöses Gesicht wies noch einige martialische Züge auf. Alles an ihm hatte einen rauhen Charakter; seine Stirn schien ein Stück Stein zu sein; seine spärlichen und grauen Haare fielen kraftlos zurück, wie wenn seinem müden Haupte schon das Leben fehle. Seine Arme, ebenso seine Brust, welche man teilweise durch die Oeffnung seines groben Hemdes sah, waren mit Haaren bedeckt und kündigten eine ungewöhnliche Kraft an. Endlich stand er auf seinen wie gedrechselten Beinen fest wie auf einem unerschütterlichen Grunde.

»Recht?« wiederholte er, »wird's nie für unsereinen geben. Wir haben keine Gerichtsvollzieher, die unsere Forderungen eintreiben. Und da man sich den Pansen vollschlagen muß,« sagte er, sich auf den Magen klopfend, »haben wir keine Zeit zu warten. Da ich nun sah, daß die Worte der Leute, die ihr Leben damit hinbringen, sich in den Schreibstuben zu wärmen, nicht die Kraft der Gemüse besitzen, habe ich mich entschlossen, meinen Sold aus dem allgemeinen Fonds zu beziehen,« sagte er, mit seiner Hacke in den Schlamm schlagend.

»Das kann nicht so weitergehen, mein alter Kamerad!« sagte Genestas. »Ich schulde dir das Leben und würde undankbar sein, wenn ich dir nicht beispränge! Ich habe nicht vergessen, daß ich die Brücken der Beresina überschritten habe und kenne gute Burschen, die ebenfalls ein gutes Gedächtnis haben, und die werden mir helfen, dir vom Vaterlande die Belohnung, die du verdienst, zu verschaffen.«

»Sie werden Sie einen Bonapartisten nennen! Mischen Sie sich nicht darein, Herr Offizier. Uebrigens habe ich mich in den Nachtrab gedrückt und mir hier mein Loch wie eine blinde Kugel gemacht. Nur war ich nicht darauf gefaßt, nachdem ich auf den Kamelen der Wüste gereist war und ein Glas Wein in einer Ecke des brennenden Moskau getrunken hatte, unter den Bäumen zu sterben, die von meinem Vater gepflanzt worden sind!« sagte er, seine Arbeit wieder aufnehmend.

»Armer Alter,« sagte Genestas. – »An seiner Statt würde ich's so machen wie er; wir haben unsern Vater nicht mehr. Mein Herr,« sagte er zu Benassis, »dieses Mannes Ergebung stimmt mich düster. Er weiß nicht, wie sehr er mich interessiert, und wird glauben, daß ich einer jener vornehmen Lumpen bin, die kein Herz für das Unglück des Soldaten haben.«

Er kehrte sich hastig um, faßte den Pontonier bei der Hand und schrie ihm ins Ohr:

»Bei dem Kreuz, das ich trage und das ehedem eine Ehre bedeutete, schwöre ich dir, alles menschenmögliche zu unternehmen, um eine Pension für dich durchzusetzen, und wenn ich zehn ministerielle Weigerungen hinterschlucken sollte, will ich den König, den Dauphin und die ganze Bude bestürmen!«

Als er diese Worte hörte, zitterte der alte Gondrin, sah Genestas an und sagte zu ihm:

»Sie sind also einfacher Soldat gewesen?«

Der Major neigte den Kopf. Auf dies Zeichen hin wischte der Pontonier sich die Hand ab, ergriff Genestas' Hand, drückte sie mit inniger Bewegung und sagte zu ihm:

»Als ich mich da unten ins Wasser stellte, Herr General, hatte ich der Armee mein Leben als Almosen geschenkt; es hat also einen Gewinn gegeben, da ich noch auf meinen Pedalen stehe. Halt, wollen Sie den Boden des Sackes sehen? – Schön, seitdem ›der andere‹ gestorben ist, habe ich an nichts mehr Freude. Sie haben mir hier,« fügte er, fröhlich auf die Erde weisend, hinzu, »zwanzigtausend Franken angewiesen, die soll ich mir nehmen, und ich mache mich brockenweise bezahlt, wie der andere sagt!«

»Nun, lieber Kamerad,« sagte Genestas, bewegt von der Erhabenheit dieser Verzeihung, »du sollst hier wenigstens das einzige haben, was du mich nicht hindern kannst, dir zu schenken.«

Der Major schlug sich aufs Herz, blickte den Pontonier einen Moment lang an, stieg wieder auf sein Pferd und ritt an Benassis' Seite wieder weiter.

»Derartige administrative Grausamkeiten nähren den Krieg der Armen gegen die Reichen,« sagte der Arzt. »Die Leute, denen die Macht für den Augenblick anvertraut worden ist, haben niemals ernstlich an die notwendigen Folgen einer einem Manne aus dem Volke zugefügten Ungerechtigkeit gedacht. Ein Armer, der sein tägliches Brot zu verdienen gezwungen ist, kämpft nicht lange, das ist wahr; aber er redet und findet Widerhall in allen duldenden Herzen. Eine einzige Ungerechtigkeit vervielfacht sich durch die Zahl derer, die sich in ihr getroffen fühlen. Dieser Sauerteig geht auf. Das ist aber noch nichts; es entsteht daraus ein noch größeres Uebel. Solche Unbilligkeiten entfachen beim Volke einen dumpfen Haß gegen die sozial höher Gestellten.

Der Bürger wird und bleibt der Feind des Armen, der ihn außerhalb des Gesetzes stellt, ihn betrügt und bestiehlt. Für den Armen bedeutet der Diebstahl weder ein Vergehen noch ein Verbrechen mehr, er ist eine Rache. Wenn ein Administrator, wo es sich darum dreht, den Kleinen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sie mißhandelt und um ihre erworbenen Rechte prellt, wie können wir da von den brotlosen, unglücklichen Menschen Resignation ihren Nöten gegenüber und Respekt vor dem Besitze verlangen? ... Ich zittere bei dem Gedanken, daß ein Bureaumensch, dessen Dienst darin besteht, Papiere abzustauben, die Gondrin versprochene Pension von tausend Franken erhalten hat. Da beklagen sich gewisse Leute, die niemals das Uebermaß von Leiden ermessen haben, über die Maßlosigkeit der Racheakte des Volkes! Doch an dem Tage, da die Regierung mehr unglückliche als glückliche Einzelschicksale verursacht hat, hängt ihr Sturz nur von einem Zufall ab; indem es sie stürzt, gleicht das Volk seine Rechnungen auf seine Weise aus. Ein Staatsmann müßte sich die Armen stets zu Füßen der Gerechtigkeit denken, nur für sie ist sie erfunden worden!«

Als sie das Ortsgebiet erreichten, erblickte Benassis zwei Personen, die auf der Straße gingen, und sagte zu dem Major, der seit einer Weile nachdenklich einherritt:

»Sie haben das resignierende Unglück eines Armeeveteranen gesehen, jetzt sollen Sie das eines alten Landmanns sehen. Das da ist ein Mann, der sein liebes Leben lang für andere gehackt, gegraben, gesät und geerntet hat.«

Genestas sah einen armen Greis, der in Begleitung einer alten Frau einherschritt. Der Mann schien an Hüftweh zu leiden und ging, die Füße in schlichten Holzschuhen, mühsam seinen Weg. Auf seiner Schulter trug er einen Quersack, in dessen Tasche einige Werkzeuge hin- und herfuhren, deren durch langen Gebrauch und Schweiß geschwärzte Stiele ein leichtes Geräusch erzeugten; die hintere Tasche enthielt sein Brot, einige rohe Zwiebeln und Nüsse. Sein durch die Gewohnheiten der Arbeit gewölbter Rücken zwang ihn ganz gebeugt zu gehen, auch stützte er sich, um sein Gleichgewicht zu wahren, auf einen langen Stock. Seine schneeweißen Haare wallten unter einem elenden Hute, der durch die Unbilden der Jahreszeiten fuchsig geworden und mit weißem Garn ausgebessert war. Seine grauleinenen und an hundert Stellen geflickten Kleider bildeten einen einzigen Farbenkontrast. Er war eine Art menschlicher Ruine, die keines jener charakteristischen Merkmale entbehrte, die Ruinen so rührend machen. Seine Frau, die ein bisschen gerader als er, aber in gleicher Weise mit Lumpen bedeckt war und eine plumpe Haube aufhatte, trug auf ihrem Rücken ein rundes und abgeplattetes Steingutgefäß, das mit einem durch die Henkel geschlungenen Riemen festgehalten wurde. Als sie den Hufschlag der Pferde hörten, hoben sie den Kopf, erkannten Benassis und blieben stehen. Diese beiden alten Leute, von denen der eine durch Arbeit gliederlahm, die andere, seine treue Gefährtin, gleichfalls verbraucht war, zeigten beide Gesichter, deren Züge durch Falten zerstört, deren Haut durch die Sonne geschwärzt und durch die Unbilden der Luft hart geworden war, und die zu sehen einem weh tat. Wäre ihre Lebensgeschichte nicht auf ihren Physiognomien eingegraben gewesen, würde man sie aus ihrer Haltung haben erraten können.

Unaufhörlich hatten beide gearbeitet und unaufhörlich gemeinsam gelitten, da sie sehr viel Elend und wenig Freuden zu teilen hatten. Wie der Gefangene sich an sein Gefängnis gewöhnt, so schienen sie sich mit ihrem Ungemach abgefunden zu haben; alles an ihnen war natürliche Einfachheit. Ihr Gesicht ermangelte nicht eines gewissen frohen Freimutes. Wenn man sie genau betrachtete, schien ihr monotones Leben – das Los so vieler armer Wesen – fast beneidenswert. Wohl gab es bei ihnen Spuren von Schmerz, die des Kummers aber fehlten.

»Nun, mein lieber Vater Moreau, wollt Ihr denn wirklich immer arbeiten?«

»Jawohl, Monsieur Benassis. Ich will Ihnen noch ein Heidefeld oder deren zwei urbar machen, ehe ich sterbe,« antwortete fröhlich der Greis, dessen kleine schwarze Augen sich belebten.

»Trägt Eure Frau da Wein? Wenn Ihr Euch nicht ausruhen wollt, müßt Ihr wenigstens Wein trinken.«

»Mich ausruhen! Das langweilt mich. Wenn ich im Freien und mit Urbarmachen beschäftigt bin, beleben Sonne und Luft mich. Was den Wein anlangt, ja, Herr, das ist Wein; und ich weiß wohl, daß Sie ihn uns beinahe umsonst vom Herrn Bürgermeister in Courteil verschafft haben. Ach, Sie mögen sich noch so boshaft stellen, man erkennt Sie doch sofort wieder.«

»Also, lebt wohl, Mutter. Zweifelsohne geht Ihr heute zum Grundstück des Champferlu?«

»Ja, Herr, es ist gestern abend angefangen worden.«

»Guten Mut!« sagte Benassis. »Ihr müßt doch manchmal recht zufrieden sein, wenn Ihr diesen Berg seht, den Ihr allein fast ganz urbar gemacht habt?«

»Ei gewiß, ja, Herr,« antwortete die Alte; »das ist unser Werk. Wir haben das Recht, Brot zu essen, wohl verdient.«

»Sie sehen, die Arbeit, das zu kultivierende Land,« sagte Benassis zu Genestas, »ist das Hauptbuch der Armen. Der Biedermann hier würde sich für entehrt halten, wenn er ins Siechenhaus ginge oder bettelte; er will, die Hacke in der Hand, auf freiem Felde unter der Sonne sterben. Meiner Treu, er besitzt einen stolzen Mut! Durch vieles Arbeiten ist die Arbeit sein Leben geworden; aber er fürchtet auch den Tod nicht! Er ist ein tiefer Philosoph, ohne es zu ahnen. Dieser alte Vater Moreau hat mich auf den Gedanken gebracht, hier im Bezirke ein Siechenhaus für die Tagelöhner, für die Arbeiter, kurz für die Landleute zu gründen, die, nachdem sie ihr liebes, langes Leben über gearbeitet haben, ein ehrbares und armes Alter erreichen. Mein Herr, ich rechnete nicht auf das Vermögen, das ich erworben habe, und das für mich persönlich zwecklos ist. Für einen von der Höhe seiner Hoffnungen herabgestürzten Mann bedeutet es nichts. Das Leben der Müßiggänger ist das einzige, das teuer zu stehen kommt, vielleicht ist es sogar ein sozialer Diebstahl, zu verzehren, ohne etwas hervorzubringen. Als Napoleon von den Diskussionen hörte, die sich nach seinem Sturze in bezug auf seine Pension erhoben, erklärte er, nur ein Pferd und einen Taler täglich nötig zu haben. Als ich hierherkam, hatte ich auf das Geld verzichtet. Seitdem hab' ich erkannt, daß das Geld Kräfte repräsentiert und notwendig wird, um Gutes zu tun. Testamentarisch hab' ich daher mein Haus zu einem Siechenheim bestimmt, wo unglückliche, asyllose Greise, die weniger stolz als Moreau sein werden, ihre alten Tage verbringen können. Dann wird ein bestimmter Teil der neuntausend Franken Rente, die mir meine Ländereien und meine Mühle einbringen, dazu bestimmt werden, in zu harten Wintern wirklich notdürftigen Leuten eine häusliche Hilfe zu gewähren. Diese Anstalt wird von dem Magistrat, dem sich der Pfarrer als Präsident zugesellen soll, überwacht werden. Auf diese Weise wird das Vermögen, das der Zufall mich in diesem Bezirk finden ließ, in der Gemeinde bleiben. Die Bestimmungen dieser Stiftung sind in meinem Testament fixiert worden; sie Ihnen näher anzugeben, würde Sie langweilen, es genügt, Ihnen zu sagen, daß ich alles dort vorgesehen habe. Sogar einen Reservefonds hab' ich geschaffen, der die Gemeinde eines Tages in die Lage versetzen muß, Kindern, die zu Hoffnungen auf dem Gebiete der Künste und Wissenschaften berechtigen, mehrere Freistellen zu bezahlen. So wird selbst nach meinem Tode mein Zivilisationswerk sich fortsetzen. Sehen Sie, Rittmeister Bluteau, wenn man eine Arbeit angefangen hat, so ist irgend etwas in uns, was uns treibt, sie nicht unvollkommen zu lassen. Dies Ordnungs- und Vollendungsbedürfnis ist eines der evidentesten Zeichen einer zukünftigen Bestimmung ... Jetzt wollen wir schnell zureiten, ich muß meine Runde beenden und hab' noch fünf oder sechs Kranke zu besuchen.«

Nachdem sie einige Zeit über stillschweigend getrabt waren, sagte Benassis lachend zu seinem Gefährten:

»Donnerwetter, Rittmeister Bluteau, Sie bringen mich wie einen Häher zum Schwatzen und erzählen mir nichts aus Ihrem Leben, das interessant sein dürfte. Ein Soldat Ihres Alters hat zu viele Dinge gesehen, als daß er nicht mehr als ein Abenteuer zu erzählen hätte.«

»Und doch ist mein Leben«, erwiderte Genestas, »das übliche Heeresleben. Alle Soldatengesichter ähneln sich. Da ich niemals befehligte und immer nur einen Rang eingenommen habe, in dem man Säbelhiebe empfängt oder austeilt, hab' ich getan, was die anderen taten: Bin dahin gegangen, wohin Napoleon uns geführt, und habe alle Schlachten mitgemacht, wo die kaiserliche Garde sich geschlagen hat. Das sind allzu bekannte Ereignisse. Sich um seine Pferde kümmern, manchmal Hunger und Durst leiden, sich schlagen, wenn's sein muß, das ist das ganze Soldatenleben. Ist das nicht höchst einfach? Es gibt Schlachten, die für uns in nichts weiter wie einem Pferde bestehen, das sein Eisen verloren hat und uns in der Tinte sitzen läßt. Alles in allem habe ich so viele Länder gesehen, daß ich mich daran gewöhnt habe, deren zu sehen, und ich hab' so viele Tote gesehen, daß ich mein eigenes Leben schließlich für nichts achtete.«

»Indessen haben Sie persönlich doch in gewissen Augenblicken in Gefahr schweben müssen; würden diese eigenen Gefahren, wenn Sie sie erzählen, nicht interessant sein?«

»Vielleicht,« antwortete der Major.

»Schön, sagen Sie mir, was Sie am tiefsten erschüttert hat. Haben Sie keine Angst, ich werd' nicht glauben, daß es Ihnen an Bescheidenheit fehlt, selbst wenn Sie mir eine heroische Tat erzählen würden. Wenn ein Mensch ganz sicher ist, von denen, welchen er sich anvertraut, verstanden zu werden, muß er ein gewisses Vergnügen darin finden, zu sagen: ›Das hab' ich getan.‹«

»Gut, ich will Ihnen eine Einzelheit erzählen, die mir manchmal Gewissensbisse macht. Während der fünfzehn Jahre, die wir uns herumgeschlagen haben, ist's nicht ein einziges Mal dahin gekommen, daß ich, außer im Falle berechtigter Verteidigung, einen Menschen getötet habe. Wir sind in der Schlachtlinie, wir greifen an; wenn wir die uns Gegenüberstehenden nicht zurückwerfen, fragen sie uns nicht um Erlaubnis, uns umzubringen; also muß man töten, um nicht vernichtet zu werden, und das Gewissen ist ruhig. Doch, mein lieber Herr, es ist mir einmal begegnet, daß ich einem Kameraden in einem besonderen Falle das Kreuz eingeschlagen habe. Wenn ich darüber nachdenke, bereitet die Sache mir Qual und das verzerrte Gesicht jenes Menschen steht mir manchmal vor Augen. Sie mögen darüber urteilen ... Es war auf dem Rückzuge von Moskau. Wir glichen mehr einer abgetriebenen Rinderherde als einer großen Armee. Disziplin und Fahnen bedeuteten nichts mehr! Jeder war sein eigener Herr und der Kaiser hat damals, das kann man sagen, erfahren, wo seine Macht endigte. Als wir in Studzienka, einem kleinen Dorfe oberhalb der Beresina, anlangten, fanden wir dort Scheunen, Hütten, die wir als Brennmaterial verwenden konnten, eingegrabene Kartoffeln und Runkelrüben. Seit einiger Zeit waren wir weder Häusern noch Fraß begegnet: die Armee hat flott gelebt. Die zuerst Gekommenen haben, wie Sie sich denken können, alles aufgefressen. Ich bin als einer der letzten angekommen. Zu meinem Glücke hatte ich weder Hunger noch Schlaf. Ich erblicke eine Scheune, gehe hinein, sehe dort etwa zwanzig Generäle, höhere Offiziere, alles, ohne ihnen zu schmeicheln, Männer von großem Verdienst: Junot, Narbonne, des Kaisers Adjutant, kurz, die berühmten Häupter der Armee. Auch einfache Soldaten gab es dort, die ihr Strohlager keinem Marschall von Frankreich würden abgetreten haben. Die einen schliefen im Stehen, aus Platzmangel, gegen die Wand gelehnt, die anderen lagen auf dem Boden ausgestreckt, und alle hatten sich so fest aneinandergedrückt, um sich warmzuhalten, daß ich vergebens eine Ecke suchte, um mich dort unterzubringen. Als ich über diese Menschendiele ging, schimpften die einen, die anderen sagten nichts, doch niemand ließ sich stören. Man würde sich nicht haben stören lassen, um einer Kanonenkugel aus dem Wege zu gehen, war dort aber nicht genötigt, die Maximen der albern-honetten Höflichkeit zu befolgen. Endlich bemerkte ich im Hintergrunde der Scheune eine Art inneres Dach, auf das niemand den Gedanken oder vielleicht die Kraft gehabt hatte hinaufzuklettern. Ich steige hinauf, richte mich dort ein; auch als ich mich in meiner ganzen Länge ausgestreckt habe, sehe ich noch jene wie Kälber herumliegenden Menschen. Dies traurige Schauspiel machte mich fast lachen. Die einen kauten, eine Art tierischen Vergnügens bezeigend, erfrorene Mohrrüben, und in schlechte Schals eingemummte Generäle schnarchten, als wenn es donnerte. Ein angezündeter Fichtenast erhellte die Scheune; wenn er sie in Brand gesetzt hätte, würde sich kein Mensch erhoben haben, um ihn zu löschen. Ich lege mich auf den Rücken, und ehe ich einschlafe, richte ich natürlich die Augen nach oben, und da sehe ich den Hauptbalken, auf dem das Dach ruhte, und der die Deckenbalken trug, eine leichte Bewegung von Osten nach Westen machen. Der verfluchte Balken tanzte recht hübsch. ›Meine Herren,‹ sagte ich zu denen unter mir, ›draußen ist ein Kamerad, der sich auf unsere Kosten wärmen will.‹ Der Balken mußte bald herabfallen. ›Meine Herren, meine Herren, es wird bald aus sein mit uns; sehen Sie doch den Balken an!‹ rief ich noch einmal ziemlich laut, um meine Schlafgenossen aufzuwecken. Sie haben sich wohl den Balken angesehen, mein Herr, doch die, welche schliefen, haben sich wieder ans Schlafen gemacht, und die da aßen, haben mir gar nicht geantwortet. Als ich das sah, mußte ich meinen Platz, auf die Gefahr hin, ihn zu verlieren, verlassen; denn es handelte sich darum, diesen Haufen Ruhm zu retten. Ich gehe also hinaus, laufe um die Scheune herum und sehe da einen großen Teufelskerl von Württemberger, der mit einer gewissen Begeisterung an dem Balken zerrte. ›Hallo, hallo,‹ sage ich zu ihm, indem ich ihm begreiflich mache, daß er seine Arbeit aufgeben müsse. – ›Gehe mir aus dem Gesicht, oder ich schlag' dich tot!‹ schrie er auf deutsch. ›Ach gut ja! Qui mire aous dem Guesit,‹ antwortete ich ihm, ›darum handelt sich's nicht!‹ Nehme sein Gewehr, das er auf der Erde gelassen hatte, schlage ihm das Kreuz ein, gehe wieder hinein und schlafe. Das ist die Geschichte!«

»Aber das war ein Fall berechtigter Verteidigung, die man gegen einen Menschen zugunsten vieler unternahm; Sie haben sich also nichts vorzuwerfen!« sagte Benassis.

»Die anderen,« fuhr Genestas fort, »haben geglaubt, es sei eine Grille von mir gewesen; doch, Grille oder nicht, viele dieser Leute leben heute gemächlich in schönen Häusern, ohne daß ihr Herz von Dankbarkeit beschwert wird!«

»Würden Sie diese schöne Tat denn nur getan haben, um jenes übermäßige Interesse, das man Dankbarkeit nennt, dafür zu erlangen?« fragte Benassis lachend. »Das hieße Wucher treiben.«

»Ach, ich weiß wohl,« antwortete Genestas, »daß das Verdienst einer guten Handlung beim geringsten Vorteil, den man daraus zieht, flötengeht; sie erzählen, heißt, sich eine Rente von Eigenliebe zu verschaffen, die mehr wert ist als Dankbarkeit. Wenn der anständige Mensch indes immer still wäre, würde der Verpflichtete kaum mehr von der Wohltat reden. In Ihrem System hat das Volk Beispiele nötig; wo würde es die bei einem solchen allgemeinen Schweigen finden? Noch etwas anderes: Wenn Ihr armer Pontonier, der die französische Armee gerettet und sich nie in der Lage gefunden hat, mit Nutzen davon zu schwatzen, sich den Gebrauch seiner Arme nicht erhalten hätte, würde ihm sein Gewissen Brot geben? ... Antworten Sie darauf, Philosoph?«

»Vielleicht gibt es nichts Absolutes in der Moral,« antwortete Benassis; »doch dieser Gedanke ist gefährlich; er läßt den Egoismus die Gewissensfälle zugunsten des persönlichen Interesses deuten. Hören Sie, Rittmeister: ist der Mann, der den Prinzipien der Moral strikt gehorcht, nicht viel größer als der, welcher von ihnen abweicht – selbst notgedrungen? Würde unser Pontonier, der ganz und gar gliederlahm ist und Hungers stirbt, nicht in gleichem Maße erhaben sein, wie es Homer ist? Zweifelsohne ist das Menschenleben eine letzte Probe für die Tugend wie für das Genie, welche, die eine wie das andere, von einer besseren Welt gefordert werden. Tugend und Genie scheinen mir die beiden schönsten Formen jener vollkommenen und beständigen Aufopferung zu sein, welche die Menschen zu lehren Jesus Christus gekommen ist. Das Genie bleibt arm, indem es die Welt erleuchtet; die Tugend wahrt Schweigen, indem sie sich dem Allgemeinwohl opfert.«

»Gut, meinetwegen,« entgegnete Genestas, »doch ist die Erde von Menschen und nicht von Engeln bewohnt; wir sind nicht vollkommen.«

»Sie haben recht,« antwortete Benassis. »Ich für meine Person habe die Fähigkeit, Fehler zu begehen, tüchtig mißbraucht... Müssen wir aber nicht nach Vollendung streben? Ist nicht Tugend für die Seele ein schönes Ideal, das man unaufhörlich wie ein himmlisches Vorbild betrachten muß?«

»Amen,« sagte der Offizier. »Man gibt Ihnen zu, der tugendhafte Mensch ist etwas Schönes; räumen Sie aber auch ein, daß die Tugend eine Gottheit ist, die sich in allen Ehren ein klein bißchen Konversation gestatten darf.«

»Ah, mein Herr,« sagte der Arzt mit einer Art bitterer Melancholie lächelnd, »Sie besitzen die Nachsicht derer, die in Frieden mit sich leben, während ich streng wie ein Mensch bin, der die Flecke, die aus seinem Leben zu entfernen sind, deutlich sieht ...«

Die beiden Reiter waren bei einer am Rande des Wildbachs gelegenen Hütte angelangt. Der Arzt ging hinein. Genestas blieb an der Türschwelle und betrachtete nacheinander das Schauspiel, das die frische Landschaft bot, und das Innere der Hütte, in der sich ein Mann im Bette befand. Nachdem er seinen Kranken untersucht hatte, rief Benassis plötzlich:

»Ich habe nicht nötig, hierherzukommen, meine gute Frau, wenn Ihr nicht tut, was ich sage. Ihr habt Eurem Manne Brot gegeben. Wollt Ihr ihn denn töten? Himmel Schimmel! Wenn Ihr ihn jetzt etwas anderes als sein Queckenwasser zu sich nehmen laßt, setze ich keinen Fuß mehr über Eure Schwelle, und Ihr könnt einen Arzt suchen, wo Ihr wollt.«

»Aber, mein lieber Monsieur Benassis, der arme Alte schrie vor Hunger, und wenn ein Mensch seit vierzehn Tagen nichts in den Leib gekriegt hat ...«

»Ei was! Wollt Ihr auf mich hören? Wenn Ihr Euren Mann einen einzigen Mund voll Brot essen laßt, ehe ich ihm das Essen erlaube, werdet Ihr ihn töten. Hört Ihr?«

»Man wird ihm alles entziehen, mein lieber Monsieur... Geht's besser?« fragte sie, dem Arzte folgend.

»Aber nein; Ihr habt seinen Zustand dadurch, daß Ihr ihm zu essen gabt, verschlimmert. Kann ich Euch denn nicht überzeugen, Halsstarrige, die Ihr seid, daß man Leute, die Diät halten müssen, nichts essen lassen darf? – Die Bauern sind unverbesserlich!« fügte Benassis, sich an den Offizier wendend, hinzu. »Wenn ein Kranker einige Tage über nichts gegessen hat, meinen sie, er muß sterben und füllen Suppe und Wein in ihn hinein. Dies unglückliche Weib hier hat ihren Mann beinahe umgebracht!«

»Meinen Mann mit einem armseligen, in Wein getauchten kleinen Zwieback umbringen!«

»Gewiß, liebe Frau. Ich bin erstaunt, ihn noch am Leben zu finden nach dem eingetauchten Zwieback, den Ihr ihm gereicht habt! Vergeßt nicht, genau zu tun, was ich Euch gesagt habe!«

»Oh, mein lieber Herr, lieber will ich selber sterben, als dagegen handeln.«

»Nun, das werd' ich ja sehen. Morgen abend will ich ihn zur Ader lassen. – Gehen wir zu Fuß den Bach entlang,« sagte Benassis zu Genestas, »von hier nach dem Hause, wohin ich mich begeben muß, gibt's keinen Weg für die Pferde. Der kleine Junge der Leute hier wird auf unsere Tiere aufpassen. – Bewundern Sie unser schönes Tal ein wenig,« fuhr er fort, »ist's nicht ein englischer Garten? Wir kommen jetzt zu einem Arbeiter, der untröstlich ist über den Tod eines seiner Kinder. Sein noch junger Aeltester hat während der letzten Ernte wie ein Mann arbeiten wollen, da hat das arme Kind seine Kräfte überspannt und ist Ende Herbst an Entkräftung gestorben. Es ist dies das erstemal, daß ich einem so stark entwickelten väterlichen Gefühle begegne. Gewöhnlich bedauern die Bauern in ihren gestorbenen Kindern den Verlust einer nützlichen Sache, die einen Teil ihres Vermögens vorstellt; das Bedauern wächst im Verhältnis zu dem Alter. Wenn ein Kind einmal erwachsen ist, wird's ein Kapital für seinen Vater. Dieser arme Mann aber liebte seinen Sohn wirklich. ›Nichts tröstet mich über den Verlust,‹ hat er mir eines Tages gesagt, als ich ihn in einer Wiese aufrecht und unbeweglich stehen sah, seine Arbeit vergessend und sich auf seine Sense stützend, in der Hand seinen Schleifstein haltend, den er genommen hatte, um sich seiner zu bedienen, und dessen er sich doch nicht bediente. Nie hat er wieder von seinem Schmerz zu mir gesprochen, aber er ist schweigsam und schwermütig geworden. Heute ist eines seiner kleinen Mädchen krank ...«

Indem sie so plauderten, waren Benassis und sein Gast bei einem kleinen Hause angekommen, das auf dem Wege zu einer Lohmühle gelegen war. Dort unter einer Weide sahen sie einen etwa vierzigjährigen Mann stehen, der mit Knoblauch eingeriebenes Brot aß.

»Nun, Gasnier, geht's der Kleinen besser?«

»Ich weiß es nicht, Herr,« sagte er mit düsterer Miene, »sehen Sie sie sich an, meine Frau ist bei ihr. Trotz Ihrer Fürsorge habe ich rechte Angst, der Tod möchte bei mir eingekehrt sein, um mir alles fortzuholen.«

»Der Tod nimmt bei niemand Wohnung, Gasnier, er hat keine Zeit. Verliert nur den Mut nicht.«

Benassis ging, vom Vater gefolgt, ins Haus. Eine halbe Stunde später kam er in Begleitung der Mutter heraus und sagte zu ihr:

»Beunruhigt Euch nicht; tut, was ich Euch gesagt habe, sie ist gerettet ... Wenn Sie all das langweilt,« sagte der Arzt dann, das Pferd wieder besteigend, zu dem Offizier, »könnte ich Sie auf den Weg nach dem Flecken bringen und Sie würden dorthin zurückkehren.«

»Nein, meiner Treu, ich langweile mich nicht!«

»Aber Sie werden überall Hütten sehen, die einander ähnlich sind; nichts ist scheinbar monotoner als das Land.«

»Reiten wir,« sagte der Offizier.

Einige Stunden lang eilten sie so durchs Land, durchquerten den Bezirk in seiner Breite und kamen gegen Abend in den Teil zurück, der dem Flecken benachbart war.

»Jetzt muß ich da unten hingehen,« sagte der Arzt zu Genestas, ihn auf einen Punkt hinweisend, wo sich Ulmen erhoben. »Die Bäume sind vielleicht zweihundert Jahre alt,« fügte er hinzu. »Dort wohnt jene Frau, um derentwillen gestern Abend ein Bursche im Augenblicke des Essens kam und mir sagte, daß sie weiß geworden sei.«

»War's gefährlich?«

»Nein,« sagte Benassis, »eine Wirkung der Schwangerschaft. Die Frau ist in ihrem letzten Monate. Während dieser Periode bekommen manche Frauen häufig Krämpfe. Vorsichtshalber muß ich immerhin nachsehen, ob nichts Beunruhigendes eingetreten ist. Ich will die Frau selber entbinden. Uebrigens werd' ich Ihnen da eine unserer neuen Industrien, eine Ziegelei, zeigen. Der Weg ist schön, wollen Sie galoppieren?«

»Wird Ihr Tier mir folgen?« fragte Genestas, seinem Pferde »Hott, Neptun!« zurufend.

In einem Nu wurde der Offizier hundert Schritte weit fortgetragen und verschwand in einer Staubwolke; trotz der Schnelligkeit seines Pferdes aber hörte er den Arzt immer an seiner Seite. Benassis sagte ein Wort zu seinem Pferde und überholte den Major, der ihn erst bei der Ziegelei in dem Augenblicke einholte, wo der Arzt sein Pferd ruhig an dem Pfosten eines Reisigzauns anband.

»Daß Sie der Teufel hole!« rief Genestas, indem, er das Pferd ansah, das weder schwitzte noch schnaufte. »Was haben Sie denn da für ein Tier?«

»Ach!« antwortete lachend der Arzt, »Sie haben's für einen alten Klepper gehalten. Für den Moment würde uns die Geschichte dieses schönen Tieres zuviel Zeit fortnehmen; möge es Ihnen genügen, zu wissen, daß Rustan ein veritabler, vom Atlas gekommener Berber ist. Ein Berberroß wiegt einen Araber auf. Meines erklimmt die Berge im schnellen Galopp, ohne daß sein Fell feucht wird, und trabt sicheren Fußes Abgründe entlang. Es ist übrigens ein auf hübsche Weise gewonnenes Geschenk. Ein Vater glaubte mir so das Leben seiner Tochter zu bezahlen, einer der reichsten Erbinnen Europas, die ich sterbend auf dem Wege nach Savoyen angetroffen habe. Wenn ich Ihnen sagen wollte, wie ich die junge Person geheilt habe, würden Sie mich für einen Quacksalber halten ... Ei, ei, ich höre Pferdeschellen und Wagenlärm auf dem Pfade: wir wollen schauen, ob es zufällig Vigneau selber ist, und sehen Sie sich den Mann gut an!«

Bald bemerkte der Offizier vier schwere Pferde, aufgeschirrt wie jene, welche die wohlhabendsten Bauern der Brie besitzen. Die wollenen Quasten, die Schellen, das Lederzeug waren von einer gewissen großartigen Sauberkeit. Auf dem großen blauangestrichenen Karren befand sich ein großer, pausbäckiger, sonnenverbrannter Bursche, der vor sich hinpfiff und seine Peitsche wie ein Gewehr schulterte.

»Nein, es ist nur der Karrenführer,« sagte Benassis. »Bewundern Sie ein wenig, wie der industrielle Wohlstand des Herrn sich in allem, selbst in der Ausrüstung dieses Wagenführers widerspiegelt! Ist das nicht das Anzeichen einer auf dem flachen Lande ziemlich seltenen kommerziellen Intelligenz?«

»Ja, ja, all das scheint mit vieler Sorgfalt gearbeitet,« erwiderte der Offizier.

»Nun, Vigneau besitzt zwei ähnliche Fahrzeuge. Außerdem hat er das kleine Reitpferd, auf dem er seinen Geschäften nachgeht; denn sein Handel dehnt sich jetzt sehr weit aus; und vier Jahre vorher besaß dieser Mann nichts! Ich irre mich, er hatte Schulden ... Doch gehen wir hinein.«

»Madame Vigneau muß wohl zu Hause sein, Junge?« fragte Benassis den Karrenführer.

»Sie ist im Garten, Herr; ich sah sie eben dort über die Hecke weg; ich will sie von Ihrer Ankunft benachrichtigen.«

Genestas folgte Benassis, der ihn ein weites, durch Hecken abgeschlossenes Gelände durchqueren ließ. In einer Ecke waren die für die Ziegel- und Fliesenherstellung nötigen weißen Erden und der Ton aufgeschichtet, auf der anderen Seite lagen Reisig- und Holzbündel in Haufen für den Ofen. Weiter fort, auf einem mit Gittern umgebenen freien Platze zerkleinerten mehrere Arbeiter weiße Steine oder formten die Erden zu Backsteinen. Dem Eingang gegenüber unter den hohen Ulmen fand die Fabrikation von runden und viereckigen Ziegeln statt; auf einem großen Platz im Grünen, der durch die Dächer der Trockenschuppen abgeschlossen wurde, in deren Nähe man den Ofen mit seiner weiten Oeffnung, seinen langen Schaufeln, seinem hohlen und schwarzen Gange sah. Es befand sich dort, parallel mit diesen Gebäuden, ein Bauwerk von ziemlich elendem Aussehen, das der Familie als Wohnung diente, und wo die Remisen, die Pferde-, Kuhställe und die Scheune untergebracht waren. Geflügel und Schweine trieben sich auf dem großen Areal herum. Die Sauberkeit, die in diesen verschiedenen Gebäuden herrschte, und ihr guter Ausbesserungszustand bezeugten die Wachsamkeit des Herrn.

»Vigneaus Vorbesitzer«, sagte Benassis, »war ein Unglücksmensch, ein Nichtstuer, der nur den Trunk liebte. Früher Arbeiter, verstand er seinen Ofen zu heizen und seine Löhne zu bezahlen, das war alles; im übrigen besaß er weder Tätigkeitsdrang noch kaufmännischen Geist. Wenn die Käufer nicht zu ihm kamen und seine Waren abholten, blieben sie da, wurden schlechter und verdarben. Er starb denn auch Hungers. Seine Frau, die er durch schlechte Behandlung fast schwachsinnig gemacht hatte, verkam im Elend. Diese Faulheit, diese unheilbare Stupidität haben mir so viel zu schaffen gemacht, und der Anblick dieser Fabrik war mir derartig unangenehm, daß ich es vermied, hier vorbeizukommen. Glücklicherweise waren Mann und Frau alt. Eines schönen Tages hatte der Ziegelbrenner einen Paralyseanfall, und ich ließ ihn sofort im Grenobler Hospital unterbringen. Der Besitzer der Ziegelei willigte ein, sie ohne Widerrede in dem Zustande, in dem sie sich befand, zurückzunehmen, und ich suchte neue Mieter, die an den Verbesserungen, die ich in allen Industrien des Bezirks einführen wollte, sich beteiligen konnten. Der Gatte einer Kammerfrau Madame Graviers, ein armer Arbeiter, der sehr wenig Geld bei einem Töpfer, wo er arbeitete, verdiente, und seine Familie nicht erhalten konnte, hörte von meinen Absichten. Der Mann besaß Mut genug, unsere Ziegelei in Pacht zu nehmen, ohne einen roten Heller zu haben. Er richtete sich hier ein, lehrte seine Frau, die alte Mutter seiner Frau und seine eigene Dachziegel formen und machte sie zu seinen Arbeitern. Bei meiner Ehre, ich weiß nicht, wie sie sich einrichteten. Wahrscheinlich borgte sich Vigneau das Holz, um seinen Ofen zu heizen, zweifelsohne holte er seine Materialien nachts tragkorbweise und verarbeitete sie tagsüber. Kurz, er entfaltete heimlich eine grenzenlose Energie, und die beiden alten Mütter in Lumpen arbeiteten wie Neger. Vigneau wußte so einige Oefen voll zu brennen und verbrachte das erste Jahr, indem er durch die Schweißtropfen seines Haushalts teuer bezahltes Brot aß; aber er hielt durch. Sein Mut, seine Geduld, seine guten Eigenschaften erweckten die Anteilnahme vieler Leute für ihn, und er wurde bekannt. Unermüdlich lief er des Morgens nach Grenoble, verkaufte dort seine Ziegel und Backsteine; dann kehrte er um Mittag nach Hause zurück und kam in der Nacht wieder in die Stadt; er schien sich zu vervielfachen. Gegen Ende des ersten Jahres stellte er zwei kleine Jungen als Helfer ein. Als ich das sah, lieh ich ihm einiges Geld. Nun verbesserte sich das Los dieser Familie von Jahr zu Jahr. Seit dem zweiten Jahre machten die beiden alten Mütter keine Ziegel, zerstießen keine Steine mehr; sie bearbeiteten die kleinen Gärten, kochten Suppe, flickten Kleider, spannen des Abends und gingen tagsüber ins Holz. Die junge Frau, die lesen und schreiben kann, führte die Bücher. Vigneau hatte ein kleines Pferd, um in die Umgegend zu fahren und dort Kunden zu suchen; dann studierte er die Kunst des Ziegelbrenners, fand das Mittel, schöne weiße Fliesen herzustellen und verkaufte sie unter dem üblichen Preise. Im dritten Jahre hatte er einen Karren und zwei Pferde. Als er seinen ersten Wagen bestieg, wurde seine Frau beinahe elegant. Alles in seinem Haushalte hielt sich mit seinen Gewinsten im Einklang, und stets hielt er dort Ordnung, Sparsamkeit und Sauberkeit aufrecht, die Quellen seines kleinen Vermögens. Endlich konnte er sich sechs Arbeiter halten und bezahlte sie gut. Er nahm einen Wagenführer und setzte alles bei sich auf sehr guten Fuß, kurz, nach und nach ist er, indem er seinen Verstand anstrengte und seine Arbeiten und seinen Handel ausdehnte, zu Wohlstand gelangt. Im letzten Jahre hat er sich die Ziegelei gekauft; im nächsten Jahre wird er sein Haus erneuern. Jetzt befinden sich alle diese guten Leute wohl und sind gut gekleidet. Die magere und blasse Frau, die anfangs die Sorgen und Unruhen des Herrn teilte, ist wieder rund, frisch und hübsch geworden. Die beiden alten Mütter sind sehr glücklich und sorgen für die kleinen Einzelheiten in Haus und Handel. Die Arbeit hat Geld hervorgebracht, und das Geld hat, indem es Ruhe schuf, Gesundheit, Ueberfluß und Freude wiedergebracht. Wahrlich, dieser Haushalt ist für mich die lebende Geschichte meiner Gemeinde und junger Handelsstaaten. Diese Ziegelei, die ich einst düster, leer, unsauber und unproduktiv sah, ist jetzt in voller Tätigkeit, voller Menschen, reich und gut versorgt. Da liegt für ein gutes Stück Geld Holz und alle Materialien, die für die Saisonarbeit nötig sind: denn, wie Sie wissen, stellt man Ziegel nur während einer bestimmten Jahreszeit zwischen Juni und September her. Macht diese Betriebsamkeit nicht Vergnügen? Mein Ziegelbrenner hat zu allen Bauten des Fleckens mit beigetragen. Stets munter, immer unterwegs, immer tätig, wird er von den Leuten des Bezirks ›der Fresser‹ genannt.«

Kaum hatte Benassis diese Worte beendigt, als eine junge, gut gekleidete Frau mit einer hübschen Haube, in weißen Strümpfen, einer seidenen Schürze, einem rosa Kleide – ein Anzug, der ein bißchen an ihren ehemaligen Kammerfrauenberuf erinnerte – die leichtvergitterte Tür, die in den Garten führte, öffnete und, so schnell es ihr Zustand erlauben mochte, herbeieilte; doch die beiden Reiter gingen ihr entgegen. Madame Vigneau war tatsächlich eine hübsche, ziemlich rundliche Frau mit gebräuntem Gesicht, dessen Haut aber weiß sein mußte. Obwohl ihre Stirn einige Falten bewahrte, Spuren ihrer früheren Not, hatte sie einen glücklichen und einnehmenden Gesichtsausdruck.

»Monsieur Benassis,« sagte sie in schmeichelndem Tone, als sie ihn stehenbleiben sah, »wollen Sie mir nicht die Ehre erweisen und sich einen Augenblick bei mir ausruhen?«

»Sehr gern,« antwortete er, »kommen Sie, Rittmeister.«

»Die Herren müssen's recht warm haben! Wollen Sie ein bißchen Milch oder Wein? – Monsieur Benassis, kosten Sie doch den Wein, den mein Mann so lieb gewesen ist, für meine Niederkunft zu besorgen! Sie sollen mir sagen, ob er gut ist.«

»Sie haben einen braven Mann zum Gatten.«

»Ja, mein Herr,« antwortete sie ruhig, indem sie sich umdrehte, »ich hab' es sehr gut getroffen.«

»Wir wollen nichts genießen, Madame Vigneau; ich wollte nur sehen, ob Ihnen kein böser Zufall begegnet ist.«

»Nichts,« sagte sie. »Sie sehen, ich war im Garten mit Krauten beschäftigt, um etwas zu tun zu haben.«

In diesem Augenblicke kamen die beiden Mütter, um Benassis zu sehen, und der Karrenführer blieb unbeweglich im Hofe stehen, an einer Stelle, die ihm den Arzt zu sehen erlaubte.

»Lassen Sie sehn, geben Sie mir Ihre Hand,« sagte Benassis zu Madame Vigneau.

Er fühlte der jungen Frau mit gewissenhafter Aufmerksamkeit den Puls, indem er sich sammelte und in Schweigsamkeit verharrte. Während dieser Zeit studierten die drei Frauen den Major mit jener naiven Neugierde, die zu zeigen Landleute sich durchaus nicht schämen.

»Sehr gut,« rief der Arzt fröhlich.

»Wird sie bald niederkommen?« riefen die beiden Mütter.

»Zweifelsohne diese Woche. – Ist Vigneau unterwegs?« fragte er nach einer Pause.

»Ja, mein Herr,« antwortete die junge Frau, »er beeilt sich, seine Geschäfte zu erledigen, um während meiner Niederkunft zu Hause bleiben zu können, der liebe Mann!«

»Auf, meine Kinder, frohes Gedeihen! Fahrt fort, Vermögen zu erwerben und Kinder zu kriegen.«

Genestas war voller Bewunderung für die Sauberkeit, die im Innern dieses fast verfallenen Hauses herrschte. Als er des Offiziers Erstaunen sah, sagte Benassis zu ihm:

»Nur Madame Vigneau versteht einen Haushalt so sauber zu halten. Ich wollte, daß manche Leute aus dem Flecken kämen und hier Unterricht nähmen.«

Die Frau des Ziegelbrenners wandte den Kopf errötend weg; die beiden Mütter aber ließen auf ihren Gesichtern all das Vergnügen strahlen, das ihnen des Arztes Lobsprüche bereiteten, und alle drei begleiteten ihn bis zu dem Platze, wo die Pferde standen.

»Nun,« sagte Benassis, sich an die beiden Alten wendend, »Sie sind jetzt wohl recht glücklich! Möchten Sie nicht Großmütter sein?«

»Ach, reden Sie mir nicht davon,« sagte die junge Frau. »Sie machen mich ganz wild. Meine beiden Mütter wollen einen Jungen, mein Mann wünscht sich ein kleines Mädchen: ich glaube, es wird mir recht schwer werden, sie alle zu befriedigen.«

»Doch Sie, was wünschen Sie sich?« fragte lachend Benassis.

»Ach ich, Monsieur, ich will ein Kind haben.«

»Sehen Sie, sie ist schon Mutter,« sagte der Arzt zu dem Offizier, indem er sein Pferd beim Zügel nahm.

»Leben Sie wohl, Monsieur Benassis,« sagte die junge Frau. »Meinen Mann wird es recht betrüben, nicht dagewesen zu sein, wenn er erfährt, daß Sie hier waren.«

»Hat er nicht vergessen, mir meine tausend Ziegel nach der Grange-aux-Belles zu schicken?«

»Sie wissen doch, daß er alle Aufträge aus dem Bezirke hintansetzen würde, um Ihnen zu dienen. Ach, sein größter Kummer ist's, Ihnen Ihr Geld abnehmen zu sollen; doch ich sag' ihm, daß Ihre Taler Glück bringen, und das stimmt.«

»Auf Wiedersehn!« sagte Benassis.

Die drei Frauen, der Fuhrknecht und die beiden Arbeiter, die aus den Werkstätten herausgekommen waren, um den Arzt zu sehen, blieben um den Reisigzaun, welcher der Ziegelei als Tür diente, gruppiert stehen, um sich seiner Gegenwart bis zum letzten Moment zu erfreuen, so wie es jeder bei geliebten Menschen tut. Die Eingebungen des Herzens müssen überall gleich sein, auch die süßen Gebräuche der Freundschaft werden natürlicherweise in jedem Lande befolgt.

Nachdem er den Sonnenstand geprüft hatte, sagte Benassis zu seinem Gefährten:

»Wir haben noch zwei Stunden Tag, und wenn Sie nicht allzu ausgehungert sind, wollen wir noch ein reizendes Geschöpf besuchen, dem ich fast immer die Zeit widme, die mir zwischen der Essensstunde und der bleibt, wo meine Besuche beendigt sind. Man nennt sie meine ›gute Freundin‹ im Bezirk; doch glauben Sie nicht, daß dieser Beiname, der hier gebräuchlich ist, um eine zukünftige Gattin zu bezeichnen, die geringste Verleumdung decken oder autorisieren kann. Obwohl meine Sorge für dies arme Kind sie zum Gegenstande einer ziemlich begreiflichen Eifersucht macht, verbietet die Meinung, die jeder von meinem Charakter gefaßt hat, jede böse Nachrede. Wenn sich auch niemand die Laune erklären kann, der ich scheinbar nachgebe, wenn ich der Fosseuse eine Rente aussetze, damit sie leben könne, ohne zur Arbeit genötigt zu sein, so glaubt doch jeder an ihre Tugend. Alle Welt weiß, daß ich, wenn meine Liebe einmal die Grenzen freundschaftlicher Protektion überschritte, nicht einen Augenblick zaudern würde, sie zu heiraten. Doch,« fügte der Arzt, sich zu einem Lächeln zwingend, hinzu, »gibt es für mich weder in dem Bezirke hier noch anderswo eine Frau. Ein sehr expansiver Mann, mein lieber Herr, empfindet ein unbesiegliches Bedürfnis, sich an eine Sache oder an ein Wesen von all den Wesen und Sachen, die ihn umgeben, besonders nahe anzuschließen, vor allem, wenn das Leben für ihn öde ist. Auch dürfen Sie, glauben Sie mir, stets einen Menschen günstig beurteilen, der seinen Hund oder sein Pferd liebt! Unter der leidenden Schar, die der Zufall mir anvertraut hat, ist diese arme kleine Kranke für mich, was in meinem Sonnenland, in dem Languedoc, das Lieblingslamm ist, dem die Schäferinnen verblichene Bänder umbinden, mit dem sie sprechen, das sie längs der Getreidefelder weiden lassen und dessen lässigen Gang der Hund niemals beschleunigt!«

Während Benassis diese Worte sagte, blieb er aufgerichtet stehen, die Hand in der Mähne seines Pferdes, bereit aufzusitzen, aber doch nicht aufsitzend, wie wenn das Gefühl, von dem er erregt wurde, sich nicht mit jähen Bewegungen vertrüge.

»Auf!« rief er, »kommen Sie und sehen Sie sie. Heißt Sie zu ihr führen, nicht, Ihnen sagen, daß ich sie wie eine Schwester behandle?«

Als die beiden Reiter zu Pferde saßen, sagte Genestas zum Arzte:

»Würde ich taktlos sein, wenn ich Sie noch um einige Aufschlüsse über Ihre Fosseuse bäte? Von all den Existenzen, die Sie mich haben kennenlernen lassen, muß sie nicht die am wenigsten merkwürdige sein.«

»Mein Herr,« antwortete Benassis, sein Pferd anhaltend, »vielleicht werden Sie das Interesse, das mir die Fosseuse einflößt, nicht ganz teilen. Ihr Schicksal ähnelt dem meinigen: unser innerer Beruf ist enttäuscht worden. Das Gefühl, das ich zu ihr hege, und die Erregung, die mich bei ihrem Anblick überkommt, entspringt der Gleichheit unserer Lage. Als Sie das Waffenhandwerk einmal ergriffen hatten, sind Sie Ihrer Neigung gefolgt, oder haben diesem Berufe Geschmack abgewonnen; denn sonst würden Sie nicht bis zu Ihrem Alter unter dem drückenden Harnisch der Militärdisziplin ausgehalten haben. Sie können daher weder das Unglück einer Seele, deren Wünsche immer neu entstehen und immer wieder verraten werden, noch den beständigen Gram einer Kreatur begreifen, die gesonnen ist, woanders wie in ihrer Sphäre zu leben. Derartige Leiden bleiben ein Geheimnis zwischen solchen Wesen und Gott, der ihnen diese Trübsal schickt, denn sie allein kennen die Gewalt der Eindrücke, die ihnen die Ereignisse des Lebens verursachen. Hat Sie, ein abgestumpfter Zeuge so vieler, durch einen langen Kriegslauf verursachter Schicksalsschläge, indessen nicht selber in Ihrem Herzen eine leise Traurigkeit überrascht, wenn Sie einem Baume begegneten, dessen Blätter mitten im Frühling gelb waren, einem Baum, der dahinsiechte und starb, weil er in einen Boden gepflanzt worden war, wo die für seine volle Entwicklung notwendigen Bedingungen fehlten? Seit meinem zwanzigsten Lebensjahre tat es mir weh, die passive Melancholie einer verkümmerten Pflanze zu sehen; heute wende ich bei einem solchen Anblick stets die Augen ab. Mein Kinderschmerz war das vage Vorgefühl meiner Mannesschmerzen; eine Art Sympathie zwischen meiner Gegenwart und einer Zukunft, die ich instinktiv in jenem vegetalen Leben wahrnahm, das vor der Zeit sich dem Ziele zuneigt, dem Bäume und Menschen entgegengehen!«

»Als ich Ihre Güte sah, dachte ich mir schon, daß Sie gelitten hätten!«

»Sie begreifen, mein Herr,« fuhr der Arzt, ohne auf Genestas' Worte zu entgegnen, fort, »daß von der Fosseuse sprechen, von mir sprechen heißt. Die Fosseuse ist eine auf fremden Boden versetzte Pflanze, aber eine Menschenpflanze, die fortwährend von traurigen oder tiefen Gedanken, die sich gegenseitig vervielfachen, verzehrt wird. Das arme Mädchen leidet beständig. Bei ihr tötet die Seele den Körper. Könnte ich wohl eine schwache Kreatur, welche die Beute des größten und am wenigsten gewürdigten Unglücks ist, das es in unserer egoistischen Welt gibt, kühlen Herzens ansehen, wenn ich ein Mann und Leiden gegenüber stark, mich allabendlich versucht fühle, mich zu weigern, die Last eines ähnlichen Unglücks zu tragen? Vielleicht würd' ich mich sogar weigern ohne einen religiösen Gedanken, der meinen Kümmernissen den Stachel nimmt und süße Illusionen in meinem Herzen verbreitet. Auch wenn wir nicht alle Kinder ein und desselben Gottes wären, würde die Fosseuse noch meine Schwester im Leiden sein!«

Benassis preßte die Flanken seines Pferdes und riß den Major Genestas mit fort, wie wenn er sich fürchtete, die angefangene Unterhaltung in diesem Tone weiterzuführen.

»Mein Herr,« fuhr er fort, als die Pferde wieder nebeneinander trabten, »die Natur hat das arme Mädchen sozusagen für den Schmerz erschaffen, wie sie andere Frauen für das Vergnügen erschaffen hat. Wenn man derartige Prädestinationen sieht, muß man notgedrungen an ein anderes Leben glauben. Alles wirkt auf die Fosseuse: wenn graues und trübes Wetter herrscht, ist sie traurig und ›weint mit dem Himmel‹; das ist ihr eigener Ausdruck. Sie singt mit den Vögeln; sie beruhigt sich und wird mit dem Himmel heiter; endlich wird sie an einem schönen Tage schön. Ein zarter Duft ist ein beinahe unerschöpfliches Vergnügen für sie. Einen ganzen Tag über sah ich sie nach einem jener Regenmorgen, welche die Seele der Blumen öffnen und dem Tage unsagbare Frische und Glanz verleihen, den Duft genießen, den Reseden ausströmten; mit der Natur, mit allen Pflanzen hatte sie sich entfaltet. Wenn die Atmosphäre drückend und elektrisierend ist, hat die Fosseuse Beschwerden, die nichts beruhigen kann; sie legt sich ins Bett und klagt über tausend verschiedene Leiden, ohne zu wissen, was ihr fehlt. Wenn ich sie frage, antwortet sie mir, ihre Knochen würden weich und ihr Fleisch löse sich in Wasser auf. Während solcher leblosen Stunden fühlt sie das Leben nur durch das Leiden; ihr Herz ist ›außerhalb von ihr‹, um Ihnen noch eines ihrer Worte anzuführen. Manchmal hab' ich das arme Mädchen weinend beim Anblicke gewisser Bilder überrascht, die in unseren Bergen beim Sonnenuntergange sichtbar werden, wenn viele und prachtvolle Wolken sich über unseren goldenen Berggipfeln vereinigen. ›Warum weinen Sie, meine Kleine?‹ fragte ich sie. – ›Ich weiß es nicht,‹ antwortete sie mir; ›ich bin wie von Sinnen, wenn ich das da droben betrachte, und ich weiß vor lauter Sehen nicht, wo ich bin.‹ – ›Aber was sehen Sie denn?‹ – ›Ich kann es Ihnen nicht sagen.‹ Dann möchten Sie sie den langen Abend über noch soviel fragen, Sie würden von ihr nicht ein einziges Wort hören; sie würde Ihnen gedankenvolle Blicke zuwerfen oder mit feuchten Augen, schweigsam, sichtlich gesammelt, verharren. Ihre Sammlung ist so tief, daß sie sich mitteilt; wenigstens wirkt sie dann auf mich wie eine mit Elektrizität überladene Wolke. Eines Tages hab' ich sie mit Fragen bedrängt, ich wollte sie mit aller Gewalt zum Sprechen bringen und sagte ihr einige allzu lebhafte Worte; – ja, mein Herr, da brach sie in Tränen aus. In anderen Augenblicken ist die Fosseuse froh, artig, lachlustig, lebhaft und geistreich; sie plaudert mit Vergnügen und äußert neue, originelle Gedanken. Uebrigens ist sie unfähig, sich irgendeiner fortlaufenden Arbeit zu widmen: wenn sie in die Felder geht, bleibt sie ganze Stunden über mit dem Ansehen einer Blume beschäftigt, betrachtet das fließende Wasser und beschaut sich die malerischen Wunder, die sich unter den klaren und ruhigen Gewässern zeigen, jene hübschen, aus Kieseln, Erde, Sand, Wasserpflanzen, Moos und braunen Niederschlägen zusammengesetzten Mosaiken, deren Farben so mild sind und deren Töne so seltsame Kontraste bilden. Als ich ins Land kam, starb das arme Mädchen Hungers. Gedemütigt wie sie war, fremdes Brot anzunehmen, nahm sie zur öffentlichen Barmherzigkeit nur in dem Augenblicke ihre Zuflucht, wo sie durch äußerstes Leiden dazu gezwungen wurde. Oft verlieh ihr die Scham Energie. Einige Tage lang verrichtete sie dann Landarbeit; schnell erschöpft, zwang sie eine Krankheit, ihre begonnene Arbeit aufzugeben. Kaum war sie wiederhergestellt, als sie sich in irgendeiner Meierei der Nachbarschaft einstellte, indem sie bat, dort für die Tiere sorgen zu dürfen; nachdem sie aber ihren Pflichten mit Umsicht nachgekommen war, verließ sie die Stellung, ohne zu sagen weshalb. Zweifelsohne war ihre Tagesarbeit ein zu drückendes Joch für sie, die ganz Unabhängigkeit und ganz Laune ist. Dann schickte sie sich an, Trüffeln oder Champignons zu suchen und verkaufte sie in Grenoble. Durch Schnurrpfeifereien angezogen, vergaß sie in der Stadt ihr Elend, und da sie nun ein paar Sous besaß, kaufte sie sich Bänder, Flitterkram, ohne an ihr Brot für den kommenden Tag zu denken. Wenn dann irgendein Mädchen des Fleckens sich ihr Kupferkreuz, ihr Jeannettenherz oder ihr Samtbändchen wünschte, gab sie es ihr, glücklich, ihr eine Freude machen zu können; denn sie lebt durch ihr Herz. Auch war die Fosseuse der Reihe nach geliebt, beklagt und mißachtet. Das arme Mädchen litt an allem, an ihrer Trägheit, ihrer Güte, ihrer Gefallsucht; denn sie ist gefallsüchtig, naschhaft und neugierig, kurz, sie ist ein Weib. Mit kindlicher Naivität überläßt sie sich ihren Eindrücken und ihren Neigungen. Erzählen Sie ihr irgendeine schöne Handlung, so bebt und errötet sie, ihr Busen wogt, sie weint vor Freude. Wenn Sie ihr eine Diebsgeschichte erzählen, wird sie vor Schrecken blaß. Sie ist die wahrste Natur, das aufrichtigste Herz und die zartfühlendste Rechtschaffenheit, der man begegnen kann; wenn Sie ihr hundert Goldstücke anvertrauten, würde sie sie in einer Ecke vergraben und weiter um ihr Brot betteln.« Benassis' Stimme ward erregt, als er diese Worte sagte. »Ich habe sie prüfen wollen, mein Herr,« fuhr er fort, »und ich hab' es bereut. Ist eine Prüfung nicht Spionage, mindestens Mißtrauen?«

Hier hielt der Arzt inne, wie wenn er eine heimliche Erwägung anstellte, und bemerkte die Verwirrung nicht, in die seine Worte seinen Gefährten versetzt hatten, der, um seine Verlegenheit nicht merken zu lassen, sich damit beschäftigte, seines Pferdes Zügel in Ordnung zu bringen. Benassis ergriff das Wort bald wieder:

»Ich würde meine Fosseuse verheiraten, würde gern eine meiner Meiereien irgendeinem braven Burschen geben, der sie glücklich machen könnte, und sie würde es sein. Ja, das arme Mädchen würde ihre Kinder unendlich lieben, und alle Gefühle, die sie überreichlich besitzt, würden sich in das ergießen, welches beim Weibe alles umfaßt, in die Mütterlichkeit; doch kein Mann hat ihr zu gefallen gewußt. Sie ist indessen von einer für sie gefährlichen Sensibilität; sie weiß es und hat mir das Geständnis ihrer nervösen Empfänglichkeit gemacht, als sie sah, daß ich sie bemerkte. Sie gehört zu der kleinen Zahl Frauen, bei denen die geringste Berührung ein gefährliches Beben hervorruft; deshalb muß man ihrer Klugheit und ihrem Frauenstolz Dank wissen. Sie ist scheu wie eine Schwalbe. Ach, welch eine reiche Natur! Sie war dazu geschaffen, eine im Behagen lebende geliebte Frau zu sein; sie wäre wohltätig und beständig gewesen. Mit zweiundzwanzig Jahren siecht sie bereits unter der Last ihrer Seele dahin und wird ein Opfer ihrer allzu vibrierenden Fibern, ihrer zu starken oder zu zarten Organisation. Eine verratene lebhafte Leidenschaft würde sie wahnsinnig machen, meine arme Fosseuse! Nachdem ich ihr Temperament studiert, nachdem ich die Tatsache ihrer langwierigen Nervenanfälle, ihre elektrische Empfänglichkeit festgestellt, nachdem ich sie in offenbarer Uebereinstimmung mit den Wechselfällen der Atmosphäre, mit den Mondveränderungen gefunden hatte – ein Faktum, das ich sorgfältig geprüft –, hab' ich mich ihrer angenommen, mein Herr, wie eines Geschöpfes, das anders geartet ist wie die übrigen Menschen, dessen krankhafte Existenz nur von mir begriffen werden konnte. Sie ist, wie ich Ihnen sagte, das Bänderlamm. Doch Sie werden sie jetzt sehen, da ist ihr Häuschen!«

In diesem Augenblick waren sie etwa auf ein Drittel Höhe des Berges angelangt, auf von Buschwerk umsäumten Zickzackwegen, die sie im Schritt erklommen. Als sie die Biegung einer dieser Schleifen erreicht hatten, erblickte Genestas das Haus der Fosseuse. Es lag auf einem der Hauptbuckel des Berges. Dort war eine etwas abfallende Rasenfläche von annähernd drei Arpents, die mit Bäumen bepflanzt war und von mehreren Kaskaden genetzt wurde, mit einer kleinen Mauer umgeben worden, die hoch genug, um als Einfriedigung zu dienen, aber nicht so hoch war, daß sie den Blick ins Land versperrt hätte. Das aus Ziegelsteinen erbaute und mit einem flachen Dache, das einige Fuß über den Rand vorsprang, gedeckte Haus, bot in der Landschaft einen reizenden Anblick. Es bestand aus einem Erdgeschoß und einem ersten Stockwerk mit grüngestrichener Tür und Fensterläden. Nach Süden gelegen, hatte es weder Breite noch Tiefe genug, um andere Oeffnungen wie die der Fassade zu haben, deren ländliche Eleganz in peinlichster Sauberkeit bestand. Das vorspringende Wetterdach war nach deutscher Weise mit weiß gestrichenen Planken gefüttert. Einige blühende Akazien und andere wohlriechende Bäume, Rotdorne, Schlinggewächse, ein dicker Nußbaum, den man hatte stehen lassen, dann einige an den Bächen entlang gepflanzte Trauerweiden wuchsen um das Haus herum. Hinter ihm befand sich ein dichter Buchen- und Fichtenwald, ein breiter dunkler Grund, von dem sich das hübsche Bauwerk lebhaft abhob. In diesem Augenblick des Tages war die Luft von den verschiedenen Düften des Berges und des Gartens der Fosseuse geschwängert. Der reine und ruhige Himmel war am Horizonte bewölkt. In der Ferne begannen die Gipfel die lebhaften roten Tinten anzunehmen, die ihnen der Sonnenuntergang häufig verleiht. Von dieser Höhe aus übersah man das ganze Tal von Grenoble bis zu jener kreisförmigen Felsenschranke, an deren Fuß der kleine See liegt, an welchem Genestas am Vortage vorübergekommen war. Oberhalb des Hauses und in einer ziemlich großen Entfernung erschien die Pappelreihe, welche die große Straße vom Flecken nach Grenoble anzeigte. Endlich glänzte der Flecken, von den schrägen Sonnenstrahlen getroffen, wie ein Diamant, indem er aus all seinen Fensterscheiben rote Lichter widerstrahlte, die zu rieseln schienen. Bei diesem Anblick hielt Genestas sein Pferd an, wies auf die Gebäulichkeiten des Tales, den neuen Flecken und das Haus der Fosseuse hin, indem er seufzend sagte:

»Nach dem Siege bei Wagram und Napoleons Rückkehr in die Tuilerien anno 1815 hat mich dies am tiefsten bewegt. Ihnen verdank' ich diesen Genuß, mein Herr; denn Sie haben mich die Schönheiten kennen gelehrt, die ein Mensch beim Anblick eines Landes finden kann.«

»Ja,« erwiderte lächelnd der Arzt, »Städte bauen ist mehr als Städte einnehmen!«

»Oh, mein Herr, die Einnahme Moskaus und die Uebergabe von Mantua! Aber Sie wissen ja nicht, was das heißt! Ist's nicht unser aller Ruhm? Sie sind ein braver Mann, doch Napoleon war auch ein guter Mann; ohne England hätten Sie sich gegenseitig verstanden und unser Kaiser würde nicht gestürzt sein. Wohl kann ich jetzt eingestehen, daß ich ihn liebe, er ist ja tot! ... und,« sagte der Offizier, indem er sich umsah, »es gibt keine Spione hier. Welch ein Herrscher! Er sah durch jeden hindurch. Er würde Sie in seinen Staatsrat berufen haben, weil er Verwalter war, und ein großer Verwalter dazu; er wußte sogar genau, wie viele Kartuschen nach einer Schlacht in den Patronentaschen noch vorhanden waren. Armer Mann! Während Sie mir von Ihrer Fosseuse erzählten, dacht' ich daran, daß er auf Sankt Helena gestorben ist! Hm! war das vielleicht ein Klima und eine Behausung, die einem Manne genügen konnten, der gewohnt war, die Füße im Steigbügel und den Hintern auf einem Throne zu leben? Man erzählt, er habe dort Gartenarbeit getan. Zum Teufel auch! er war nicht dazu geschaffen, Kohl zu pflanzen ... Jetzt müssen wir den Bourbons dienen, und das ohne Falsch, mein Herr, denn alles in allem, Frankreich ist Frankreich, wie Sie gestern gesagt haben.«

Mit diesem letzten Worte stieg Genestas vom Pferde und ahmte Benassis mechanisch nach, der das seinige mit dem Zügel an einen Baum band.

»Sollte sie nicht zu Hause sein?« sagte der Arzt, als er die Fosseuse nicht auf der Türschwelle sah.

Sie traten ein und fanden in dem Wohnräume des Erdgeschosses niemanden vor.

»Sie wird das Getrappel zweier Pferde gehört haben,« sagte Benassis lächelnd, »und hinaufgegangen sein, um ein Häubchen, einen Gürtel, irgendwelchen Putz anzulegen.«

Er ließ Genestas allein und ging selber hinauf, um die Fosseuse zu holen. Der Major inspizierte das Wohnzimmer. Die Mauer war mit einer graugrundigen Tapete mit Rosenmustern beklebt und die Diele mit einer Strohmatte wie mit einem Teppich belegt. Stühle, Sessel und Tisch bestanden aus Holz, das noch mit seiner Rinde bekleidet war. Verschiedene aus Reifen und Weidengeflecht gefertigte Pflanzenkästen waren mit Blumen und Moos gefällt und schmückten das Zimmer, dessen Fenster Perkalvorhänge mit roten Fransen drapierten. Auf dem Kamin stand ein Spiegel und eine einfarbige Porzellanvase zwischen zwei Lampen; bei dem Sessel eine fichtene Fußbank. Dann auf dem Tisch zugeschnittene Leinwand, einige zusammengesteckte Achselstücke, angefangene Hemden, kurz das ganze Werkzeug einer Weißnäherin, ihr Korb, ihre Schere, Nähfaden und Nadeln. All das war sauber und frisch wie eine vom Meere an einen Strandwinkel ausgeworfene Muschel. Auf der anderen Seite des Flurs, an dessen Ende eine Treppe emporführte, bemerkte Genestas eine Küche. Der erste Stock mußte wie das Erdgeschoß aus nur zwei Zimmern bestehen.

»Haben Sie doch keine Furcht!« sagte Benassis zur Fosseuse. »Auf, kommen Sie ...«

Als er diese Worte hörte, trat Genestas schnell wieder ins Zimmer. Ein dünnes und wohlgebautes junges Mädchen in einem Kleide mit einem vielgefälteten rosa Perkalinbrusttuch ließ sich bald, glühend vor Scham und Schüchternheit, sehen. Ihr Gesicht fiel nur durch eine gewisse Flachheit der Züge auf, die sie jenen Russen- oder Kosakengesichtern ähneln ließ, welche das Unglück von 1814 in so unseliger Weise in Frankreich populär gemacht hat. Die Fosseuse hatte tatsächlich wie die Nordländer eine an der Spitze aufgestülpte und sehr wenig vorspringende Nase. Ihr Mund war groß, ihr Kinn klein, ihre Hände und Arme waren rot, ihre Füße breit und kräftig wie die der Bäuerinnen. Obwohl sie der Wirkung des Windes, der Sonne und der frischen Luft ausgesetzt war, war ihr Teint bleich wie ein welkes Kraut, doch lenkte diese Farbe gleich beim ersten Anblick die Aufmerksamkeit auf ihre Physiognomie. Sodann hatte sie in ihren blauen Augen einen so sanften Ausdruck, in ihrer Stimme soviel Seele, in ihren Bewegungen soviel Anmut, daß trotz des offenbaren Nichtübereinstimmens ihrer Züge mit den Eigenschaften, die Benassis dem Major gegenüber gerühmt hatte, dieser das kapriziöse und kränkliche Geschöpf, das den Leiden einer in ihrer Entwicklung gehemmten Natur ausgeliefert war, in ihr erkannte. Nachdem sie schnell ein Feuer aus Torf und trocknem Gezweig angefacht hatte, setzte sich die Fosseuse in einen Sessel, nahm ein angefangenes Hemd zur Hand und blieb unter den Augen des Offiziers ein wenig schamhaft, die Augen nicht aufzuheben wagend, anscheinend ruhig; doch die schnellen Bewegungen ihres Mieders, dessen Schönheit Genestas in Erstaunen setzte, offenbarte ihre Furcht.

»Nun, mein armes Kind, sind Sie gut vorangekommen?« fragte Benassis, die zum Hemdennähen bestimmten Leinenstücke anfassend.

Die Fosseuse sah den Arzt mit furchtsamer und flehender Miene an.

»Schelten Sie mich nicht, Herr,« antwortete sie, »ich hab' heute nichts daran getan, obwohl sie mir von Ihnen und für Leute, die sie sehr nötig haben, in Auftrag gegeben worden sind; doch das Wetter war so schön! Ich bin spazierengegangen, habe Champignons und weiße Trüffeln für Sie gesucht und Jacquotte gebracht. Sie ist recht zufrieden gewesen, denn Sie haben Besuch zum Essen. Ich war ganz glücklich, das erraten zu haben. Irgend etwas befahl mir, deren zu suchen.«

Und sie fing wieder an, die Nadel zu führen.

»Sie haben da ein sehr hübsches Haus, mein Fräulein,« sagte Genestas zu ihr.

»Es ist nicht meins, mein Herr,« antwortete sie, den Fremden mit Augen betrachtend, die rot zu werden schienen, »es gehört Monsieur Benassis.«

Und ihr Blick suchte wieder den Arzt.

»Sie wissen genau, mein Kind,« sagte er, ihre Hand ergreifend, »daß man Sie niemals daraus vertreiben wird.«

Mit einer brüsken Bewegung stand die Fosseuse auf und ging hinaus.

»Nun,« sagte der Arzt zu dem Offizier, »wie finden Sie sie?«

»Sie hat mich merkwürdig bewegt,« antwortete Genestas. »Ah! Hübsch haben Sie ihr ihr Nest eingerichtet!«

»Bah, Tapete zu fünfzehn oder zwanzig Sous, doch gut ausgewählt, das ist alles. Die Möbel sind nicht wertvoll, sie sind von meinem Korbflechter hergestellt worden, der mir seine Dankbarkeit bezeigen wollte. Die Vorhänge hat die Fosseuse selber aus einigen Ellen Kaliko gemacht. Ihre Behausung, ihr so einfacher Hausrat, erscheinen Ihnen als hübsch, weil Sie ihnen an einem Bergabhange, in einem abgelegenen Winkel begegnen, wo Sie nicht darauf gefaßt waren, etwas Rechtes zu finden. Das Geheimnis dieser Anmut aber beruht auf einem gewissen Einklang des Hauses mit der Natur, die da Bäche, einige schön gruppierte Bäume vereinigt und auf diesen Rasen ihre schönsten Kräuter, ihre duftenden Erdbeeren und ihre hübschen Veilchen gestreut hat ...«

»Nun, was haben Sie?« fragte Benassis die Fosseuse, die zurückkam.

»Nichts, nichts,« antwortete sie; »ich hab' geglaubt, eins meiner Hühner wäre nicht zurückgekommen.«

Sie log; der Arzt allein merkte es und sagte ihr ins Ohr:

»Sie haben geweint!«

»Warum sagen Sie mir solche Dinge vor andern Leuten?« antwortete sie.

»Mein Fräulein,« sagte Genestas zu ihr, »Sie tun sehr Unrecht, hier ganz allein zu bleiben; in einem so reizenden Käfig, wie dem hier, müßten Sie einen Ehemann haben.«

»Das ist wahr,« antwortete sie, »doch was wollen Sie, mein Herr? Ich bin arm und bin schwer zu behandeln. Ich fühle mich nicht immer bei Laune, die Suppe auf die Felder zu bringen oder einen Karren zu fahren, das Unglück derer, die ich lieben würde, zu fühlen, ohne es beseitigen zu können, den ganzen Tag über Kinder auf meinen Armen zu tragen und eines Mannes Lumpen zu flicken. Der Herr Pfarrer hat mir gesagt, solche Gedanken wären wenig christlich, ich weiß das auch, doch was soll ich tun? An gewissen Tagen esse ich lieber ein Stück trockenes Brot als mir etwas zu Mittag zuzubereiten. Warum soll ich einen Mann durch meine Fehler betrüben? Er würde sich vielleicht umbringen, um meine Launen zu befriedigen, und das würde nicht billig sein. Genug, man hat mir ein übles Los geworfen und ich muß es ganz allein tragen.«

»Ueberdies ist sie als Nichtstuerin geboren, meine arme Fosseuse,« sagte Benassis, »man muß sie nehmen, wie sie ist. Doch was sie Ihnen da sagt, beweist, daß sie noch niemanden geliebt hat,« fügte er lachend hinzu. Dann stand er auf und ging einen Augenblick auf den Rasenplatz.

»Sie müssen Monsieur Benassis sehr lieb haben?« fragte Genestas sie.

»Oh! ja, mein Herr! Und gleich mir haben sehr viele Leute im Bezirke Lust, sich für ihn in Stücke zu reißen. Ihm aber, der andere Menschen heilt, fehlt etwas, was nichts heilen kann. Sie sind sein Freund, Wissen Sie vielleicht, was er hat? Wer hat denn einem Manne wie ihm Kummer bereiten können, ihm, der das wahre Abbild des lieben Gottes auf Erden ist? Ich kenne hier mehrere Leute, die glauben, daß ihr Getreide besser wächst, wenn er morgens an ihren Feldern entlang gekommen ist.«

»Und Sie, was glauben Sie?«

»Ich, mein Herr, wenn ich ihn gesehen habe ...«

Sie schien zu zögern, dann fügte sie hinzu:

»Bin ich den ganzen Tag über glücklich ...«

Sie senkte den Kopf und führte ihre Nadel mit merkwürdiger Schnelligkeit.

»Nun, der Rittmeister hat Ihnen wohl etwas von Napoleon erzählt?« fragte der Arzt, der wieder hereinkam.

»Der Herr hat den Kaiser gesehen?« rief die Fosseuse, das Gesicht des Offiziers mit leidenschaftlicher Neugier betrachtend.

»Wahrhaftig!« sagte Genestas, »mehr als tausendmal.«

»Ach, wie gerne würde ich etwas vom Militär hören.«

»Morgen. Wir werden vielleicht eine Tasse Milchkaffee bei Ihnen trinken. Und man wird dir ,etwas vom Militär< erzählen, mein Kind,« sagte Benassis, sie um den Hals fassend und auf die Stirn küssend. – »Das ist meine Tochter, sehen Sie!« fügte er, sich nach dem Major umdrehend, hinzu; »wenn ich sie nicht auf die Stirn geküßt habe, fehlt mir den Tag über etwas.«

»Oh, Sie sind sehr gut.«

Sie verließen sie; doch sie folgte ihnen, um sie zu Pferde steigen zu sehen. Als Genestas im Sattel saß, flüsterte sie Benassis ins Ohr:

»Wer ist der Herr denn?«

»Ah! Ah!« antwortete der Arzt, den Fuß in den Steigbügel setzend, »vielleicht ein Mann für dich ...«

Sie blieb stehen, damit beschäftigt, sie die Straßenschleife hinunterreiten zu sehen; und als sie am Ende des Gartens vorbeikamen, sahen sie sie bereits auf einen Steinhaufen geklettert, um sie noch zu sehen und ihnen noch ein letztes Mal zuzunicken.

»Dies Mädchen hat etwas ganz Ungewöhnliches,« sagte Genestas zum Arzte, als sie weit vom Hause entfernt waren.

»Nicht wahr?« antwortete er. »Ich habe mir zwanzigmal gesagt, daß sie eine reizende Frau abgeben würde; aber ich könnte sie nicht anders lieben, als wie man seine Schwester oder seine Tochter liebt; mein Herz ist tot.«

»Hat sie Verwandte?« fragte Genestas. »Was tun ihr Vater und ihre Mutter?«

»Oh, das ist eine ganze Geschichte,« erwiderte Benassis. »Sie besitzt weder Vater noch Mutter, noch Verwandte mehr. Für alles, einschließlich ihres Namens, habe ich mich interessiert. Die Fosseuse ist im Flecken geboren. Ihr Vater, ein Tagelöhner aus Saint-Laurent-du-Pont, hieß le Fosseur, eine Abkürzung zweifelsohne von Fossoyeur (Totengräber); denn seit undenklichen Zeiten war das Amt, die Toten zu begraben, in seiner Familie geblieben. In diesem Namen sind alle Melancholien des Friedhofs enthalten. Kraft einer römischen Sitte, die sich hier, wie in einigen anderen französischen Landstrichen, noch erhalten hat, und die darin besteht, Frauen den Namen ihrer Ehemänner zu geben, indem man eine weibliche Endung daranfügt, ist das Mädchen nach ihres Vaters Namen die Fosseuse genannt worden. Dieser Tagelöhner hatte aus Liebe die Kammerfrau, ich weiß nicht, welcher Gräfin, geheiratet, deren Besitzung einige Meilen von dem Flecken entfernt liegt. Hier, wie in allen Landkreisen, hat Liebe wenig mit Heiraten zu tun. Gewöhnlich wollen Bauern eine Frau, um Kinder zu bekommen, um eine Haushälterin zu haben, die eine gute Suppe kocht und ihnen ihr Essen aufs Feld bringt, die Hemden webt und ihre Kleider flickt. Seit langem war solch ein Abenteuer im Lande nicht vorgekommen, wo ein junger Mann häufig seine »Verlobte« um eines jungen Mädchens willen verläßt, die drei oder vier Arpents Land mehr als sie besitzt. Das Schicksal des Fosseur und seiner Frau ist nicht glücklich genug gewesen, um unsere Dauphineser von ihren eigennützigen Berechnungen abzubringen. Die Fosseuse, die eine hübsche Person war, ist bei der Geburt ihrer Tochter gestorben. Der Mann nahm sich diesen Verlust so zu Herzen, daß er ihr im selben Jahre nachgefolgt ist, seinem Kinde nichts weiter auf der Welt wie ein schwankendes und natürlicherweise sehr unsicheres Leben hinterlassend. Aus Barmherzigkeit wurde die Kleine von einer Nachbarin aufgenommen, die sie bis zum Alter von neun Jahren aufzog. Die Ernährung der Fosseuse wurde eine zu schwere Last für die gute Frau, und sie schickte ihr Mündel im Sommer, wo es Reisende auf den Straßen gibt, zum Brotbetteln fort. Als die Waise eines Tages bettelnd ins Schloß der Gräfin gekommen war, wurde sie in Erinnerung an ihre Mutter dortbehalten. Sie wurde dann erzogen, um eines Tages die Kammerjungfer der Tochter des Hauses zu werden, die sich fünf Jahre später verheiratete. Während dieser Zeit ist die arme Kleine das Opfer aller Launen der reichen Leute gewesen, die in ihrer Mehrzahl weder Beständigkeit noch Folgerichtigkeit in ihrem Edelmute zeigen. Wohltätig aus Anwandlung oder Laune, bald Freunde, bald Herren und bald Beschützer, verschiefen sie die ohnehin schon schiefe Stellung der unglücklichen Kinder, für die sie sich interessieren und spielen sorglos mit deren Herzen, Leben oder Zukunft, indem sie diese für etwas Geringfügiges halten. Die Fosseuse wurde anfänglich fast die Gefährtin der jungen Erbin: man lehrte sie lesen und schreiben und ihrer zukünftigen Herrin machte es manchmal Spaß, ihr Musikstunden zu geben. Abwechselnd ließ man sie Gesellschafterin und Kammerfrau sein und machte ein unvollkommenes Wesen aus ihr. Sie fand Geschmack an Luxus und Putz und nahm Manieren an, die im Mißverhältnis zu ihrer wirklichen Lage standen. Später hat das Unglück ihre Seele mit rauher Hand verändert, hat aber das vage Gefühl einer höheren Bestimmung in ihr nicht auszulöschen vermocht. Eines Tages endlich – ein recht düsterer Tag war es für das arme Mädchen – überraschte die inzwischen verheiratete junge Gräfin die Fosseuse, die nur noch ihre Kammerjungfer war, mit einem ihrer Ballkleider angetan vor einem Spiegel tanzend. Die damals sechzehnjährige Waise wurde daraufhin mitleidslos fortgeschickt. Ihre Indolenz ließ sie ins Unglück zurücksinken, auf den Straßen herumirren, betteln und arbeiten, wie ich Ihnen erzählt habe. Oft wollte sie sich ins Wasser stürzen, manchmal sich dem Nächstbesten an den Hals werfen; die meiste Zeit über schlief sie in der Sonne längs einer Mauer, düster, nachdenklich, den Kopf im Grase. Die Reisenden warfen ihr dann einige Sous zu, eben weil sie nichts verlangte. Ein Jahr lang ist sie im Hospital in Annecy gewesen, nach einer arbeitsreichen Ernte, in der sie nur in der Hoffnung zu sterben gearbeitet hatte. Man muß sie selber ihre Gefühle und ihre Gedanken während dieser Lebensperiode erzählen hören, oft ist sie recht merkwürdig in ihren naiven Geständnissen. Schließlich ist sie in der Zeit, wo ich mich entschloß, mich hier niederzulassen, in den Flecken zurückgekehrt. Ich wollte die Moral der von mir Verwalteten kennenlernen, studierte also auch ihren Charakter, der mich überraschte; nachdem ich dann ihre organischen Mängel beobachtet hatte, entschloß ich mich, für sie zu sorgen. Vielleicht wird sie sich mit der Zeit endlich an Näharbeit gewöhnen; doch habe ich auf alle Fälle ihr Los gesichert.«

»Sie ist nicht allein dort!« sagte Genestas.

»Nein; eine meiner Hirtinnen schläft bei ihr,« antwortete der Arzt. »Sie haben die Gebäulichkeiten meiner Meierei nicht gesehen, die oberhalb des Hauses stehen. Sie sind durch Fichten verdeckt. Oh, sie ist in Sicherheit. Uebrigens gibt's keine üblen Subjekte in unserem Tale; wenn ich zufällig auf solche stoße, schiebe ich sie zur Armee ab, wo sie ausgezeichnete Soldaten sind.«

»Armes Mädchen!« sagte Genestas.

»Ah! die Leute im Bezirk beklagen sie gar nicht,« erwiderte Benassis, »sie finden sie im Gegenteil recht glücklich; doch besteht der Unterschied zwischen ihr und den andern Weibern, daß Gott denen Kraft und ihr Schwäche verliehen hat; und sie sehen das nicht!«

In dem Augenblick, wo die Reiter in die Grenobler Straße einbogen, machte Benassis, der die Wirkung dieses neuen Anblicks auf Genestas voraussah, mit befriedigter Miene halt, um sich an seiner Ueberraschung zu weiden. Zwei sechzig Fuß hohe Laubbahnen schmückten, so weit das Auge reichte, einen breiten, wie eine Gartenallee gewölbten Weg und bildeten ein natürliches Denkmal, das geschaffen zu haben, eines Menschen Stolz bilden konnte. Die nicht beschnittenen Bäume zeigten alle die ungeheure grüne Krone, welche die italienische Pappel zu einem der prächtigsten Gewächse macht. Eine Straßenseite, die bereits im Schatten lag, stellte eine unendliche Mauer aus dunklen Blättern dar, während die andere, stark belichtet durch den Sonnenuntergang, der den jungen Trieben Goldtinten verlieh, den Kontrast der Spiele und Reflexe zeigte, welche Licht und sanfter Wind auf ihrem bewegten Vorhange hervorriefen.

»Sie müssen sehr glücklich hier sein,« rief Genestas. »Alles hier ist ein Vergnügen für Sie.«

»Die Liebe zur Natur, mein Herr,« antwortete der Arzt, »ist die einzige, welche menschliche Hoffnungen nicht täuscht. Da gibt's keine Enttäuschungen. Das sind zehnjährige Pappeln. Haben Sie je welche gesehen, die so schön gekommen sind wie meine?«

»Gott ist groß!« sagte der Offizier, in der Mitte der Straße, von der er weder Anfang noch Ende entdeckte, haltmachend.

»Sie erweisen mir eine Wohltat!« rief Benassis. »Mit Vergnügen höre ich Sie wiederholen, was ich oft inmitten dieser Allee gesagt habe. Sicherlich waltet hier etwas Religiöses. Wir sind hier wie zwei Punkte, und das Gefühl unserer Kleinheit führt uns immer zu Gott zurück.«

Sie ritten nun langsam und schweigend einher und horchten auf den Tritt ihrer Pferde, der in dieser Laubgalerie widerhallte, wie wenn sie unter einem Domgewölbe gewesen wären.

»Wie viele Gemütsbewegungen gibt es doch, von denen die Stadtleute gar keine Ahnung haben!« sagte der Arzt. »Riechen Sie den Duft, den das Bienenharz der Pappeln und die Ausschwitzungen der Lärchenbäume ausströmen? Welche Köstlichkeiten!«

»Horchen Sie!« rief Genestas. »Halten wir!«

Da hörten sie in der Ferne Gesang.

»Ist's eine Frau oder ein Mann? Ist's ein Vogel?« fragte der Major ganz leise. Ist's die Stimme dieser großen Landschaft?«

»Von alledem etwas,« antwortete der Arzt, der von seinem Pferde stieg und es an einen Pappelzweig band. Dann gab er dem Offizier ein Zeichen, ihn nachzuahmen und ihm zu folgen. Mit langsamen Schritten gingen sie einen Saumpfad entlang, der von zwei in Blüte stehenden Weißdornhecken, die in der feuchten Abendluft betäubende Düfte ausströmten, umsäumt wurde. Die Sonnenstrahlen drangen mit einer gewissen Wucht, die der von dem langen Pappelvorhang geworfene Schatten noch fühlbarer machte, auf den Pfad, und diese kräftigen Lichtstrahlen hüllten mit ihren roten Tinten eine am Rande dieses Landweges liegende Hütte ein. Goldstaub schien auf ihr Strohdach geworfen zu sein, das gewöhnlich braun wie eine Kastanienschale war und dessen zerfallene Firste von Hauswurz und Moos begrünt waren. Man sah die Hütte in diesem Lichtnebel kaum; die alten Mauern aber, die Tür, alles wies einen flüchtigen Glanz auf, alles war so unvermutet schön, wie es ein Menschenantlitz unter der Herrschaft einer Leidenschaft, die es erhitzt und färbt, für Augenblicke ist. Man begegnet im Freiluftleben jenen ländlichen und vergänglichen Lieblichkeiten, die einem den Wunsch des Apostels entfahren lassen, der zu Jesus Christus im Gebirge sagte: »Hier laßt uns Hütten bauen, hier ist gut sein.« Die Landschaft schien in diesem Augenblick eine reine und süße Stimme zu besitzen, so rein und süß war sie, eine traurige Stimme jedoch, wie der im Westen verglühende Schimmer, ein unbestimmtes Bild des Todes, eine durch die Sonne am Himmel göttlich gegebene Ankündigung, wie sie auf Erden die Blumen und die hübschen Eintagsinsekten geben. Zu dieser Stunde sind die Sonnentöne von Melancholie geschwängert, und jener Gesang war melancholisch; ein Volkslied übrigens, ein Sang von Liebe und Leid, der ehedem dem Nationalhasse Frankreichs gegen England gedient, dem Beaumarchais aber seine wahre Poesie wiedergegeben hat, indem er ihn auf die französische Bühne übertrug und ihn einem Pagen in den Mund legte, der seiner Herrin sein Herz öffnet. Diese Weise war ohne Worte auf einen klagenden Ton moduliert, von einer Stimme, die in die Seele bebte und sie rührte.

»Das ist der Schwanengesang,« sagte Benassis. »In dem Zeitraume eines Jahrhunderts tönt diese Stimme keine zwei Mal in die Ohren der Menschen. Beeilen wir uns, wir müssen ihn am Singen hindern! Das Kind bringt sich um, es wäre grausam, ihm noch länger zuzuhören ... Schweig doch still, Jacques! Heda, sei still!« rief der Arzt.

Die Musik hörte auf. Genestas blieb unbeweglich und verdutzt stehen. Eine Wolke bedeckte die Sonne, Landschaft und Stimme waren zugleich still geworden. Schatten, Kühle und Schweigen machten den sanften Lichtfluten, den heißen Ausstrahlungen der Atmosphäre und den Gesängen des Kindes Platz.

»Warum bist du mir ungehorsam?« fragte Benassis. »Ich werde dir weder Reiskuchen, noch Schneckensuppe, noch frische Datteln, noch Weißbrot mehr geben! Du willst also sterben und deine arme Mutter trostlos machen?«

Genestas trat in einen kleinen, ziemlich sauber gehaltenen Hof ein und erblickte einen fünfzehnjährigen Jungen, der schwach wie ein Weib und blond war, aber wenig Haare besaß und Farben aufwies, wie wenn er Rot aufgelegt hätte.

Er stand langsam von der Bank auf, wo er unter einem großen Jasminstrauch und unter blühendem Flieder gesessen hatte, die aufs Geratewohl wuchsen und ihn mit ihrem Laubwerk einhüllten.

»Du weißt genau,« sagte der Arzt, »daß ich dir gesagt habe, du sollst mit der Sonne schlafen gehen, dich nicht der Abendkühle aussetzen und nicht sprechen; wie kommst du dazu zu singen?«

»Ei, Monsieur Benassis, es war sehr warm dort, und es ist so schön, es warm zu haben! Ich hab's immer kalt. Als ich mich wohlfühlte, hab' ich, ohne daran zu denken, um mich zu unterhalten: ,Malbrouk s'en va-t-en guerre' gesungen und habe mir selber zugehört, weil meine Stimme fast jener der Flöte Ihres Hirten glich.«

»Also, mein armer Jacques, das kommt mir nicht wieder vor, hörst du? ... Gib mir die Hand.«

Der Arzt fühlte seinen Puls. Das Kind hatte blaue Augen, die gewöhnlich einen schmerzlichen Ausdruck zeigten, die nun aber ein fieberhafter Zustand leuchtend machte.

»Ich war davon überzeugt; du bist in Schweiß,« sagte Benassis. »Deine Mutter ist also nicht da?«

»Nein, Herr!«

»Auf, geh hinein und leg' dich nieder.«

Der junge Kranke trat, von Benassis und dem Offiziere gefolgt, in die Hütte.

»Zünden Sie doch eine Kerze an, Rittmeister Bluteau,« sagte der Arzt, der Jacques half, seine derben Lumpen auszuziehen.

Als Genestas die Hütte erleuchtet hatte, war er überrascht über die äußerste Magerkeit des Kindes, das nur noch aus Haut und Knochen bestand. Wie der kleine Bauer im Bett lag, klopfte ihm Benassis die Brust ab, indem er auf das Geräusch horchte, das seine Finger hervorriefen; dann, nachdem er Töne von übler Vorbedeutung gehört hatte, zog er die Decke über Jacques, entfernte sich auf vier Schritte, kreuzte die Arme und forschte ihn aus.

»Wie fühlst du dich, mein kleiner Mann?«

»Gut, Herr.«

Benassis zog einen Tisch mit vier gedrechselten Füßen an das Bett heran, suchte ein Glas und ein kleines Fläschchen auf der Kaminverkleidung und bereitete einen Trank, indem er reines Wasser mit einigen Tropfen einer braunen, in dem Fläschchen enthaltenen Flüssigkeit mischte, die er sorgfältig beim Lichte der Kerze, die Genestas ihm hielt, abmaß.

»Deine Mutter läßt lange auf ihre Rückkehr warten.«

»Sie kommt gerade, Herr,« sagte das Kind, »ich höre sie auf dem Pfade.«

Der Arzt und der Offizier warteten, indem sie um sich blickten. Am Fuße des Bettes lag eine Moosmatratze ohne Bettlaken und Ueberdecke, auf welcher die Mutter, zweifelsohne völlig angezogen, schlief. Genestas wies Benassis mit dem Finger auf dies Lager hin, der leise den Kopf neigte, wie um auszudrücken, daß auch er diese mütterliche Aufopferung schon bewundert habe. Ein Geräusch von Holzschuhen hallte auf dem Hofe wieder, und der Arzt ging hinaus.

»Heute nacht muß bei Jacques gewacht werden, Mutter Colas. Wenn er Euch sagt, daß er ersticke, sollt Ihr ihm von dem, was ich in einem Glase auf den Tisch gestellt habe, trinken lassen. Sorgt aber dafür, ihn jedesmal nur zwei oder drei Schlucke zu sich nehmen zu lassen. Das Glas muß Euch für die ganze Nacht reichen. Vor allem, rührt das kleine Fläschchen nicht an und laßt Euer Kind gleich die Wäsche wechseln, es ist in Schweiß.«

»Ich hab' seine Hemden heute nicht waschen können, mußte meinen Hanf nach Grenoble bringen, um Geld zu kriegen.«

»Gut, ich werd' Euch Hemden schicken.«

»Meinem armen Jungen geht es also schlechter?« fragte die Mutter.

»Man darf nichts Gutes erwarten, Mutter Colas; er ist so unvernünftig gewesen, zu singen; scheltet ihn aber nicht aus, fahrt ihn nicht an, habt Mut. Wenn Jacques zu sehr klagen sollte, laßt mich durch eine Nachbarin holen. Lebt wohl.«

Der Arzt rief seinen Gefährten und schritt auf den Pfad zurück.

»Der kleine Bauernbursche ist brustkrank?« fragte Genestas.

»Mein Gott, ja,« antwortete Benassis. »Wenn nicht ein Wunder in der Natur geschieht, kann ihn die Wissenschaft nicht retten. Unsere Professoren an der Pariser medizinischen Fakultät haben uns häufig von dem Phänomen erzählt, dessen Zeuge Sie soeben gewesen sind. Gewisse Krankheiten dieser Art erzeugen in den Stimmorganen Veränderungen, die den Kranken für den Augenblick die Fähigkeit verleihen, Gesänge ertönen zu lassen, deren Vollendung von keinem Virtuosen erreicht werden kann ... Ich hab' Sie einen traurigen Tag verbringen lassen, mein Herr,« sagte der Arzt, als er zu Pferde saß. »Ueberall Leiden und überall Tod, aber auch überall Resignation. Die Landleute sterben alle ganz philosophisch, sie leiden, schweigen und legen sich nach Art der Tiere nieder. Doch reden wir nicht mehr vom Tode und beschleunigen wir den Schritt unserer Pferde: wir müssen noch vor Nacht den Flecken erreichen, damit Sie den neuen Teil desselben sehen können!«

»Ei! da ist irgendwo Feuer,« sagte Genestas, auf eine Stelle im Gebirge hinweisend, wo eine Feuergarbe aufwirbelte.

»Dieses Feuer ist nicht gefährlich. Zweifelsohne macht unser Kalkbrenner einen Ofen voll Kalk. Diese jüngst entstandene Industrie nützt unser Heideland aus.«

Ein Büchsenschuß knallte plötzlich; Benassis ließ sich einen unwillkürlichen Ausruf entschlüpfen und sagte mit einer ungeduldigen Bewegung:

»Wenn das Butifer ist, wollen wir doch sehen, wer von uns beiden der Stärkere ist.«

»Dort hat man geschossen,« sagte Genestas, einen oberhalb von ihnen im Gebirge gelegenen Buchenwald bezeichnend. »Jawohl, da oben; glauben Sie dem Ohre eines alten Soldaten!«

»Auf, sofort hin!« rief Benassis, der, sich in gerader Richtung nach dem kleinen Holz wendend, sein Pferd durch die Gräben und Felder fliegen ließ, wie wenn es sich um ein Kirchturmrennen handelte; so sehr wünschte er den Schützen auf frischer Tat zu ertappen.

»Der von Ihnen gesuchte Mensch bringt sich in Sicherheit!« rief ihm Genestas zu, der ihm nur mit Mühe folgte.

Benassis ließ sein Pferd schnell kehrtmachen, ritt zurück, und der gesuchte Mann zeigte sich bald auf einem jähen Felsen, hundert Fuß über den beiden Reitern.

»Butifer,« rief Benassis, als er eine lange Flinte sah, »komm herunter!«

Butifer erkannte den Arzt und antwortete mit einem respektvoll-freundschaftlichen Zeichen, das auf völligen Gehorsam hindeutete.

»Verstehen kann ich,« sagte Genestas, »daß ein von der Furcht oder irgendeinem heftigen Gefühle erfaßter Mensch auf diese Felsspitze da hat hinaufklettern können; wie aber will er es anstellen, wieder herunterzukommen?«

»Da bin ich nicht in Sorge,« antwortete Benassis, »die Ziegen dürften auf den Leichtfuß da eifersüchtig sein. Sie werden ja sehen.«

Durch die Kriegsereignisse gewöhnt, Männer nach ihrem inneren Werte zu beurteilen, bewunderte der Major die ungewöhnliche Schnelligkeit, die elegante Sicherheit der Bewegungen Butifers, während er den zerklüfteten Hang des Felsens entlang hinabstieg, auf dessen Gipfel er kühn gelangt war. Des Jägers gertenschlanker und kräftiger Körper brachte sich mit Grazie in allen Stellungen ins Gleichgewicht, die des Weges steile Abdachung ihn einzunehmen zwang; er setzte den Fuß ruhiger auf eine Felszacke, als er ihn auf ein Parkett gesetzt haben würde, so sicher schien er, sich dort im Notfall halten zu können. Seine lange Flinte handhabte er, wie wenn er nur einen Stock in der Hand hielte. Butifer war ein junger Mann von mittlerer, aber magerer und nerviger Figur, dessen männliche Schönheit Genestas überraschte, als er ihn in der Nähe sah. Sicherlich gehörte er der Klasse der Schmuggler an, die ihren Beruf ohne Gewalttätigkeit ausüben und nur mit List und Geduld arbeiten, um den Fiskus zu betrügen. Er hatte ein männliches, sonnenverbranntes Gesicht. Seine hellgelben Augen funkelten wie die eines Adlers, mit dessen Schnabel seine dünne, an der Spitze leicht gebogene Nase viel Aehnlichkeit hatte. Seine Backenknochen waren mit Flaumhaaren bedeckt. Sein roter, halb offener Mund ließ Zähne von einem blendenden Weiß sehen. Sein roter Kinn-, Schnurr- und Backenbart, den er wachsen ließ und der sich natürlich kräuselte, erhöhte den männlichen und Furcht einflößenden Ausdruck seines Gesichtes noch. An ihm war alles Kraft. Die Muskeln seiner beständig geübten Hände besaßen eine merkwürdige Festigkeit und Dicke. Seine Brust war breit und auf seiner Stirn lag eine wilde Intelligenz. Er hatte die unerschrockene und entschlossene, aber ruhige Miene eines Mannes, der gewöhnt ist, sein Leben zu wagen und seine körperliche oder intellektuelle Kraft in Gefahren jeglicher Art so oft erprobt hat, daß er nicht mehr an sich zweifelt. Er war mit einer von Dornen zerrissenen Bluse bekleidet und trug an seinen Füßen Ledersohlen, die mit Aalhäuten befestigt waren. Eine geflickte, zerrissene blaue Leinenhose ließ seine schlanken roten Beine sehen, die mager und nervig waren wie die eines Hirsches.

»Sie sehen da den Mann, der einst einen Büchsenschuß auf mich abgegeben hat,« sagte Benassis mit leiser Stimme zu dem Major. »Wenn ich jetzt den Wunsch äußerte, von irgendwem befreit zu werden, würde er ihn bedenkenlos töten. – Butifer,« fuhr er, sich an den Wilddieb wendend, fort, »ich habe dich wahrhaftig für einen Ehrenmann gehalten, und hab' mein Wort verpfändet, weil ich deins hatte. Mein Versprechen dem Grenobler Staatsanwalt gegenüber stützte sich auf deinen Schwur, nicht mehr zu jagen und ein ordentlicher, sorgsamer, arbeitsamer Mensch zu werden. Du hast eben den Büchsenschuß abgegeben und befindest dich im Revier des Grafen von Labranchoir. He! wenn sein Wächter dich gehört hat, Unglücksmensch? Zu deinem Glücke werd' ich kein Protokoll aufnehmen, du würdest rückfällig sein und hast keinen Waffenschein. Aus Willfährigkeit habe ich dir um deiner Anhänglichkeit an die Waffe willen deine Flinte gelassen.«

»Sie ist schön,« sagte der Major, der eine Saint-Étienner Entenflinte erkannte.

Der Schmuggler wandte seinen Kopf nach Genestas hin, wie um ihm für diese beifällige Aeußerung zu danken.

»Butifer,« sagte Benassis fortfahrend, »dein Gewissen muß dir Vorwürfe machen. Wenn du dein altes Handwerk wieder anfängst, wirst du dich noch einmal in einem mit Mauern eingeschlossenen Pferch finden; keine Protektion könnte dich dann vor den Galeeren retten; du würdest dann gebrandmarkt. Heute abend noch wirst du mir deine Flinte bringen, ich will sie dir aufheben!«

Butifer preßte das Rohr seiner Waffe mit einer krampfhaften Bewegung an sich.

»Sie haben recht, Herr Bürgermeister,« sagte er, »ich hab' unrecht; ich habe meinen Bann gebrochen, bin ein Hund. Mein Gewehr muß zu Ihnen wandern, aber Sie werden meine Erbschaft haben, wenn Sie's mir nehmen. Der letzte Schuß, den meiner Mutter Sohn abgeben wird, soll meinen Hirnkasten treffen ... Was wollen Sie? Ich habe getan, was Sie gewollt haben; hab' mich den Winter über ruhig verhalten; im Frühling aber war die Kraft zu Ende. Ich kann nicht mehr arbeiten, mein Herz steht mir nicht danach, mein Leben damit zuzubringen, Geflügel fett zu machen; ich kann mich weder bücken, um Gemüse zu hacken, noch beim Wagenfahren die Peitsche in die Luft knallen, noch einen Pferderücken im Stall striegeln; ich muß also vor Hunger krepieren? Nur da oben kann ich gut leben!« sagte er nach einer Pause, in die Berge zeigend. »Seit acht Tagen bin ich dort; ich hatte eine Gemse gesehen, und die Gemse ist dort,« sagte er, auf die Höhe des Felsens hindeutend, »sie steht Ihnen zur Verfügung! Mein guter Monsieur Benassis, lassen Sie mir mein Gewehr! Hören Sie, bei Butifers Ehrenwort! ich werde die Gemeinde verlassen und will in die Alpen gehen, wo die Gemsenjäger mir nichts in den Weg legen werden; ganz im Gegenteil, sie werden mich mit Freuden aufnehmen und ich will dort in irgendeiner Gletscherspalte krepieren. Um offen zu sein: sehen Sie, ich will lieber ein oder zwei Jahre so auf den Höhen leben, ohne weder der Regierung, noch Zöllnern, noch Flurschützen, noch dem Staatsanwalt zu begegnen, als hundert Jahre in Ihrem Bruch verkommen. Nur Ihnen würd' ich nachtrauern, die anderen langweilen mich ja! Wenn Sie Vernunft haben, rotten Sie wenigstens nicht Leute aus ...«

»Und Louise?« fragte ihn Benassis.

Butifer versank in Nachdenken.

»He, mein Junge,« sagte Genestas, »lern' lesen und schreiben, komm in mein Regiment, setz' dich auf ein Pferd und werde Karabinier! Wenn einmal zum Aufsitzen geblasen wird und es in einen wirklichen Krieg geht, sollst du sehen, daß der liebe Gott dich erschaffen hat, um inmitten der Kanonen, Kugeln und Schlachten zu leben, und du wirst General werden.«

»Ja, wenn Napoleon zurückgekommen wäre,« antwortete Butifer.

»Du kennst doch unsere Abmachungen?« sagte der Arzt zu ihm. »Bei der zweiten Uebertretung hast du mir versprochen, wolltest du Soldat werden. Ich gebe dir sechs Monate zum Lesen- und Schreibenlernen, dann werde ich einen Familiensohn ausfindig machen, als dessen Stellvertreter du einrückst.«

Butifer blickte in die Berge.

»Oh, du wirst nicht in die Alpen gehen!« rief Benassis. »Ein Mann wie du, ein Ehrenmann voller guter Eigenschaften, muß seinem Vaterlande dienen, eine Brigade befehligen, und nicht mit einer Gemse abstürzen. Das Leben, das du führst, bringt dich geradewegs ins Bagno. Deine übermäßigen Arbeiten zwingen dich zu langen Ruhepausen; auf die Dauer wirst du die Gewohnheiten eines müßigen Lebens annehmen, das jede Vorstellung von Ordnung in dir zerstören, das dich daran gewöhnen würde, deine Kraft zu mißbrauchen und dir selber Recht zu verschaffen; und ich will dich trotz deines Widerstrebens auf den guten Weg bringen.«

»Ich soll also vor Langeweile und Kummer verrecken! Ich erstick', wenn ich in einer Stadt bin. Ich kann's nicht länger als einen Tag in Grenoble aushalten, wenn ich Louise dorthin bringe ...«

»Wir alle haben Neigungen, die wir entweder bekämpfen oder zu unseresgleichen Nutzen und Frommen anzuwenden lernen müssen. Aber es ist spät, ich hab's eilig. Du sollst morgen zu mir kommen und mir deine Flinte bringen, dann wollen wir von alledem plaudern, mein Kind. Leb wohl. Verkauf deine Gemse in Grenoble.«

Die beiden Reiter entfernten sich.

»Das nenne ich einen Mann,« sagte Genestas.

»Ein Mensch auf üblem Wege,« antwortete Benassis. »Doch, was tun? Sie haben ihn gehört. Ist's nicht jammervoll, solch schöne Eigenschaften verlorengehen zu sehen? Angenommen, der Feind überzöge Frankreich mit Krieg, so würde Butifer an der Spitze von hundert jungen Leuten in der Maurienne einen Monat lang eine Division aufhalten; in Friedenszeiten aber kann er seine Energie nur in Situationen entfalten, wo den Gesetzen Trotz geboten wird. Er muß irgendwelche Kraft zu besiegen haben. Wenn er sein Leben nicht wagt, kämpft er mit der Gesellschaft und hilft den Schmugglern. Dieser Leichtfuß fährt allein auf einem kleinen Boote über den Rhone, um Schuhe nach Savoyen zu bringen; rettet sich schwer bepackt auf eine unzugängliche Bergspitze, wo er zwei Tage, von Brotrinden lebend, bleiben kann. Kurz, er liebt die Gefahr wie ein anderer den Schlaf liebt. Durch den vielfachen Genuß der Freuden, welche außergewöhnliche Sensationen erregen, hat er sich außerhalb des gewöhnlichen Lebens gestellt. Ich, ich will nicht, daß ein solcher Mensch, indem er ganz allmählich auf eine schiefe Ebene gerät, ein Räuber wird und auf dem Schafott stirbt. Doch, sehen Sie, Rittmeister, wie sich unser Flecken präsentiert?«

Von weitem erblickte Genestas einen großen, runden, mit Bäumen bepflanzten Platz, in dessen Mitte sich ein von Pappeln umstandener Springbrunnen befand. Seine Einfriedigung war durch Böschungen bezeichnet, auf denen sich drei Reihen verschiedener Baumarten erhoben: erst Akazien, dann japanische Firnisbäume und oben auf der Bekrönung kleine Ulmen.

»Das ist der Platz, wo unser Jahrmarkt abgehalten wird,« sagte Benassis. »Dann fängt da die Hauptstraße an mit den beiden schönen Häusern, von denen ich Ihnen erzählt habe, dem des Friedensrichters und dem des Notars.«

Sie ritten nun in eine breite, ziemlich sorgfältig mit großen Kieseln gepflasterte Straße ein; jede ihrer Seiten wurde von etwa hundert neuen Häusern gebildet, die fast alle durch Gärten voneinander getrennt waren. Die Kirche, deren Portal eine hübsche Perspektive bildete, schloß diese Straße ab, in deren Mitte neuerdings zwei andere angelegt worden waren, an denen sich bereits mehrere Häuser erhoben. Die auf dem Kirchplatze gelegene Bürgermeisterei erhob sich dem Pfarrhaus gegenüber. Je tiefer Benassis in den Ort hineinritt, desto mehr Frauen, Kinder und Männer, deren Tagewerk beendigt war, kamen vor ihre Türen; die einen nahmen vor ihm die Mützen ab, die anderen sagten ihm guten Tag, die kleinen Kinder schrien und sprangen um sein Pferd herum, wie wenn die Güte des Tieres ihnen ebenso bekannt wäre wie die des Herrn. Es herrschte eine stille Fröhlichkeit, die, ähnlich allen tiefen Gefühlen, ihre besondere Schamhaftigkeit und ihre mitteilsame Anziehungskraft besaß. Als Genestas sah, welchen Empfang man dem Arzte bereitete, dachte er, daß dieser am Vorabend zu bescheiden in der Art und Weise gewesen sei, in der er ihm die Zuneigung der Bewohner des Bezirkes zu ihm geschildert hatte. Das war gewiß das mildeste der Königtümer, das, dessen Ehrentitel in den Herzen der Untertanen geschrieben stehen, ein wahres Königtum übrigens. Wie mächtig auch der Ruhm oder die Macht strahlen, deren sich ein Mensch erfreut, seine Seele hat sich bald ein richtiges Urteil über die Gefühle gebildet, die ihm jede äußere Tätigkeit verschafft; und er wird sich schnell klar über seine tatsächliche Nichtigkeit, indem er keine Veränderung, nichts Neues, nichts Größeres in der Ausübung seiner physischen Fähigkeiten entdeckt. Gehörte ihnen auch die Welt, so sind die Könige doch dazu verdammt wie die übrigen Menschen in einem kleinen Kreise zu leben, dessen Gresetzen sie unterworfen sind, und ihr Glück hängt von persönlichen Eindrücken ab, die sie dort haben. Benassis aber stieß überall im Bezirke nur auf Gehorsam und Freundschaft.

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