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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 99
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Winke für die Reise

Es scheint, daß wir uns in einer neuen Völkerwanderung befinden.

Wie damals im Jahre 350 n.Chr. die Chaucen, Bructerer, Heruler und Vandalen über die Alpen zogen, so brechen jetzt die Bautzener, Grimmaer und Cottbuser, der Valuta wegen, in das Land des Südens ein.

Die Chaucen sind auch einer Art von Valuta wegen gekommen, doch werden sie dafür eine andere Bezeichnung gehabt haben.

 

Als ich mich in Berlin auf die Fahrt vorbereitete, ging ich zu Gsellius, um einige Bücher zu kaufen. Dort stand ein junger Mann von vornehmem Exterieur, der sich Reiseführer für Italien vorlegen ließ.

Er hatte einmal etwas von Jakob Burckhardts »Cicerone« gehört und fragte nun den Verkäufer, ob von diesem »Cicerone« eine neue Ausgabe mit den jetzigen Hotelpreisen zu haben sei. Als der Verkäufer diese Frage entschieden verneinte, war der junge Mann von vornehmem Exterieur verstimmt.

In diesem Geiste werden die kunstreichen Länder am Mittelmeer jetzt häufig besucht werden; und für einige nützliche Ratschläge wird man dankbar sein.

 

Sehr bedauerlich, daß der Reisende gezwungen ist, in den Hotels die Pension abzuessen. Es ist nicht schlecht, aber doch immer nur die internationale Soupe à la Reine sowie die Petits pois à la Parisienne. Man ißt es herunter und denkt dabei voll Sehnsucht an die kleinen Beiseln, die hellenischen, da draußen in den heimlichen Straßen, die kennenzulernen nicht nur eine Freude, sondern auch eine Aufgabe wäre.

Ich habe die Schwierigkeit so gelöst: zuerst die ganze Table d'hôte und das Hotelmenü durchgegessen, weil es nun einmal bezahlt ist – »lieber den Bauch gesprengt, als dem Wirt was geschenkt«, lehrte uns unser guter Turnlehrer –; dann den Mund abgewischt, hinunter auf die Straße und in die Bratküche, um noch einmal mit dem Abendbrot von vorne anzufangen.

 

Sankt-Peters-Fische: so genannt, weil es der Fisch ist, den Petrus mit zwei Fingern aus dem Wasser hob, und in dessen Maul er den Zinsgroschen fand.

Man sieht die Fingerabdrücke des Heiligen noch auf der rechten und linken Seite des platten Tieres.

Lammfleisch, vor deinen Augen am Spieß gebraten.

Aber höchst bemerkenswerterweise liegt der Bratspieß nicht waagerecht, er steht senkrecht, und das Holzkohlenfeuergeglüh befindet sich seitwärts davon in einem kleinen Aufbau.

Rezinatowein, der wie ein Weihnachtsbaum schmeckt; Krebsgekrabbel; Muscheltiere, roh zu essen. Und um uns all die Griechen und Armenier und Smirniolen; und die Gebärden und Laute der Fremde.

Wer nein sagen will, legt den Kopf nach hintenüber. Den Kellner ruft man »Puhse«, auf deutsch »wo bist du?« Und der Kellner, der mich bedient, heißt Paris.

Mit dem Ton auf dem a. Der bekannte Apfelmensch.

 

Zum Schluß des Gelages, wenn wir alle bei Mandarinen und Nüssen einen Heidenlärm machen, erscheint ein Greis, stellt sich neben der Tür auf und beginnt die Hirtenflöte zu blasen.

Auch die Pansflöte genannt. Ungefähr fünfzehn Pfeifen, verschieden lang, sind in einem Halbkreis zusammengebunden. Der Greis schliddert mit den Lippen die Pfeifen auf und nieder und erzeugt die gewünschten Töne.

Es sieht nicht schön aus. Es hört sich auch gar nicht schön an. Aber es ist die Pansflöte.

 

Meyers gründlicher Reiseführer – er erwähnt sogar die lesbische Liebe, allerdings ohne genauere Erläuterungen – Meyer also rät den hierherkommenden Deutschen, sie sollten nicht auf deutsch schimpfen, denn sie könnten verstanden werden. Diese Ermahnung ist ganz ausgezeichnet. Sie ließe sich aber insofern ergänzen, daß weder auf deutsch noch auf griechisch, noch in einer anderen Sprache geschimpft werden sollte. Erstens gibt es nichts zu schimpfen bei diesem geistreichen und gastlichen Volke. Zweitens sind wir Deutsche im Ausland nun allmählich beliebt genug.

Bemerkungen wie: »Ist ja alles ganz schön, aber mir fehlt mein deutscher Hochwald«, solche Bemerkungen, die der völkische Wanderer liebt, sind auf der Akropolis besser zu unterlassen.

Vielmehr die kurzen Tage sich ganz der Fremde anzuvertrauen, das wäre mein Rat. Und sich freuen, daß es noch etwas anderes gibt auf dieser Welt.

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