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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 96
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Endlich auf der Akropolis

Wer jetzt die Akropolis besteigt, der geht nicht mehr die alte Straße, die der Zug der Athene damals genommen hat; aber er wird diesen Gang immer noch in einer Art von Festzugsstimmung unternehmen. Mit einem inneren Zimbelschlagen. Widrigenfalls ihm geraten sei, lieber unten zu bleiben.

Man bricht vom Verfassungsplatz auf, wo das Schloß der verkrachten Dynastie Glücksburg steht, und muß nun die Hälfte des Hügels umschreiten. Und sonderbar genug: je näher die Straße dem Ziele ist, um so mehr nimmt sie ein volkstümlich-religiöses Wesen an; sie gleicht ganz den Zufahrtsstraßen katholischer Wallfahrtsorte und Gnadenkirchen.

Kleine Restaurants stehen rechts und links, und in Buden werden Früchte, Blumen, Bilder und geröstete Erbsen zum Verkauf angeboten. Der ungeduldige Wanderer wird an alledem vorbeieilen. Aber einen Strauß Narzissen kann er sich schon kaufen und mit hinaufnehmen.

Um etwas in der Hand zu haben.

 

Außerordentlich neugierig war ich nun darauf, welches das erste Gefühl beim Anblick dieses berühmten Parthenontempels sein würde.

Es vollzog sich da ein kleines Drama. Als ich die zerschmetterte Treppe hinaufstürmte, über Marmorplatten stolpernd, und den Tempel noch nicht sah, da war es ein Taumel, denn, du lieber Gott, dieses ist ja der Weg auf die Höhe des Lebens. Aber wie ich nun davor stand, wurde alles still und rein; fast kalt.

Durchaus nicht etwa eine Enttäuschung; es ist ja viel, viel herrlicher, als Bilder und Beschreibungen erwarten ließen ... aber das deutliche, fast körperliche Gefühl, daß sich da im Innern etwas legt und beruhigt und anders wird.

Jedoch gehen wir erst einmal durch die Säulenhallen des Tempels.

 

Wie der Schritt federt auf dem unvergleichlich herrlichen Stein; weich und fest zugleich. Wie man leichter und stolzer wird. Ach, wir schreiten nur viel zuwenig über pentelischen Marmor, das ist der Grund des ganzen Elends.

An einigen Stellen merkt man die Zerstörung kaum, nur die Verwitterung. Man hat die harfenklare Reihe der Säulen auf der einen Seite, die feste Steinwand zur anderen und sieht nun zwischen Säule und Säule, und zwischen Säule und Wand die ferne Gipfellinie der attischen Berge.

Diese Säulen und diese Linien zusammen bilden anerkanntermaßen das schönste Ding der Welt. Der Baumeister des Tempels hat es so gesehen wie wir, denn nichts hat sich geändert; er hat seinen Tempel vielleicht auf diese Wirkung hin gebaut.

Alle großen Touristen der Zeit sind hier stehengeblieben.

Hier hat Byron nach den kostbarsten Reimen seiner schwierigen Sprache gesucht.

Hier hat Renan gebetet.

Nun weiß ich, warum dieses Werk hier so ruhig wirkt, warum der Schauder ausblieb, den ich erwartet hatte.

Es ist nicht allein die Harmonie der Linie, es ist der Geist der Gottheit, die hier wohnte und die der Künstler und das Volk durch diese klare geheimnislose Harmonie zu ehren gedachte: Athene, dieser Backfisch; die lanzentragende Göttin der Vernunft.

Man beachte gütigst, daß außer den Athenern kein anderes Volk auf den verrückten Einfall gekommen ist, die Vernunft als Gottheit anzubeten. Kein anderes; nur noch einmal die Pariser; als die Pariser ganz den Verstand verloren hatten, setzten sie die Göttin der Vernunft auf den Altar.

Die Götter aller anderen Völker sind eifersüchtig, wild und voll Geheimnis, wie es sich gehört; mit innerem Widerspruch, daß jede Vernunft versagt und der Gläubige sich schaudernd beugt (1   1   1 = 1). Hier stand die Schützerin von Kunst, Wissenschaft und Gewerbe; die Erfinderin des nationalökonomisch so wichtigen Ölbaues und anderer nützlicher Institutionen.

Leuchtend, schlank, liebreich; aber mehr eine kommunale Angelegenheit als ein Objekt des Gemütes.

 

Hier oben heißt es Farbe bekennen; vor der Göttin, der eulenäugigen. Wer sich hier in eine künstliche Ekstase hineinredet, der weiß nicht, wo er steht.

Also geradeheraus: mein Herz ist im Dom von Freiburg voller gewesen als vor der klaren Folgerichtigkeit dieses Marmors.

 

Die Zerstörung des Parthenontempels ist einst – und zwar mit Recht – als eine artilleristische Leistung ersten Ranges angesehen worden.

Es waren die venezianischen Truppen – Bosniaken, Albanesen, Kroaten, Kutzowalachen –, die der General Königsmark kommandierte; General Graf v. Königsmark, Exzellenz. Die haben im Jahre 1672, oder so ähnlich, das Pulvermagazin, das in dem Parthenon war, hochgespritzt.

Am Abend des denkwürdigen Tages sandte der General seinen Heeresbericht nach Hause: »Unsere kutzowallachischen Batterien 1 bis 4 nahmen heute Stadt unter anhaltendes Feuer. Nachmittags 4 Uhr 30 Minuten gelang es dritter Batterie, durch wohlgezielten Meisterschuß Pulvermagazin, sogenannten Parthenon, Luft sprengen. Zwanzig Säulen erwähnten Parthenons eingestürzt, und ist derselbe hiermit als erledigt anzusehen. Gez. v. Königsmark.«

Darauf wurden zu Hause die Fahnen herausgesteckt; die Landesuniversität ernannte den General v. Königsmark zum Doktor der Philosophie hon.c; und die Dichter schrieben, das Leben eines kutzowallachischen Komitatschisoldaten sei mehr wert als alle dorischen Tempel Griechenlands.

 

Aber nun ist das Wunder, daß selbst diese grauenhafte Tat hier auf der Höhe der Weisheit sich in Ordnung vollzogen hat.

Ganz still und ruhig haben die Säulen sich zur Rechten und zur Linken hingelegt. Sauber, und fast witzig.

Um sich ein Bild davon zu machen, wie die Geschichte aussieht, nehme der Leser sein Damespiel, stelle zwölf Damesteine zu einer kleinen Säule aufeinander und werfe dann die Säule um. Die Steine werden sich, wenn das Experiment vorsichtig vollzogen wurde, glatt in einer Reihe hinlegen.

So liegt hier eine Marmorscheibe neben der anderen, man kann auch an aufgezählte Taler denken; und es scheint ein leichtes, Hebel heranzuschaffen und die Scheiben wieder aufeinander zu legen.

Ob man das tun darf oder nicht, darüber streiten sich die Archäologen einerseits, die Künstler andererseits; und darüber soll bei Gelegenheit noch ein Wort gesagt werden.

 

Es war Sonntag vormittag, als ich oben stand. An diesem Tage kostet der Eintritt auf die Burg nichts, deshalb war es ganz leer. Ein paar griechische Matrosen mit ihren hellenischen Mädchen.

Haubenlerchen huschen über den Boden, der Wind singt um die Säulen; ein brauner Falke streicht vorüber, er nistet dort unten im dritten Rang des Dionysostheaters.

Gegen Mittag fing unten in der Stadt eine Kirche an zu läuten. Diese Kirche heißt Panagia; und Panagia heißt auf deutsch: allerheiligste Jungfrau.

Denn auch in den Gebieten der Gegenwart wird immer noch zu einer Jungfrau gebetet. Nur daß diese Jungfrau nicht die Lanze schwingt, sondern auf den Mosaiken dargestellt wird mit dem siebenfachen Schwert des Erbarmens in der Brust.

 

Dann stieg ein Zug von Pensionsmädchen durch die Propyläen herauf. Es waren Schwedinnen oder so etwas, und sie kamen, um die Altertümer zu besehen.

Nun hatte es aber in der Nacht geschneit, und – eine Seltenheit in Attika – der Schnee war hier oben liegengeblieben. Und kaum hatten die Schwedinnen den Schnee erblickt, so vergaßen sie die Metopen und Architrave; sie stürzten sich auf das heimatliche Element, und ihr Mädchengeschrei schallte um die dorischen Säulen. Und – ich verstehe mich auf dorische Säulen – die dorischen Säulen haben sich unzweifelhaft gefreut.

Schöner, nachdenklicher Tag – ein Tag ganz voll Jungfrauen sei bedankt.

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