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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 95
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ionisches Meer

Wie ich frühmorgens das Fenster meiner Schiffskabine öffne, sehe ich dicht vor mir, so dicht, daß man hinüberschwimmen könnte, eine kleine grasbewachsene Insel. Auf der Insel steht, still und aufrecht, ein Hirt, und seine Herde schwarzer Ziegen weidet bis zum Wasser herunter.

Diese Insel, der Hirt und die Herde – das sind die ersten griechischen Dinge, die ich in meinem Leben mit eigenen Augen sehe. Und besser konnte es gar nicht anfangen.

Die hohen Schneeberge, die da hinanragen, das ist das Gebirge Akrokeraunos. Akrokeraunos ... man wiederhole sich das gewaltige Wort; akros die Bergspitze, keraunos der einschlagende Blitz.

Der Sprachreiniger würde es also wohl mit Gewitterberge übersetzen. Aber das griechische Wort ist schöner; es donnert mehr darin.

Korfu. Mindestens drei Stunden Aufenthalt. Der Himmel ist leicht bedeckt, doch kann man sich schon – am 21. Januar – in den Liegestühlen herumrekeln.

Wir löschen Kühe und Automobile.

Zu diesem Behufe kommen vom Lande ungefüge Leichterkähne heran, und in die Kähne werden nun jene beiden Bedarfsartikel mit Seilen hinabgelassen.

Dabei ergibt sich die Beobachtung, daß ein Automobil trotz aller seiner technischen Verfeinerungen viel dümmer ist als eine Kuh. Das Automobil dreht sich in der Luft, schlägt gegen die Wand des Schiffes und weiß offenbar gar nicht, was das alles bedeuten soll.

Der Kuh wird ein Seil um die Hörner geschlungen, sie fliegt hoch und senkt sich in den Kahn, als hätte sie es sich vorher eingeübt. Der Kapitän schreit, die Kahnführer schreien, die Stewards schreien, nur die Kuh schreit nicht, obgleich sie vielleicht den meisten Grund dazu hätte.

Diesem wirtschaftlichen Vorgang sehe ich nun schon zwei Stunden zu, vor der Insel der Phäaken. Eigentlich wollte ich hier den sechsten Gesang der Odyssee lesen, den schönsten Gesang dieses Buches und eine der sonnenvollsten Sachen, die Menschen gedichtet ... und ergebe mich nun doch dem Augenblick und dem heiteren Glück der Stunde.

Das stumpfblaue Wasser ist so klar, daß man unter den schaukelnden Schiffen hinwegsehen kann. Und die ionischen Möwen kreischen.

 

Dabei glaube ich gar nicht, daß Korfu das Land der Phäaken ist. Nichts von dem, was hier zu sehen ist, paßt auf den homerischen Bericht.

Wenn Odysseus auf die Insel zuschwimmt, scheint sie ihm auf dem Meere zu liegen »wie ein Schild«. Ein schöner Vergleich, aber zu dem hochgezackten Korfu stimmt er nicht. Es muß eine zwar steilrandige, aber flach gewölbte Insel sein, wie es deren im Mediterraneum wohl gibt. Die Philologen sollten Umschau halten und immer nur recht fleißig Dissertationen schreiben.

Auch liegt Korfu zu nahe an dem bewohnten Festland. Ich habe nun doch im Buche nachgelesen: ausdrücklich steht da, daß die Phäaken weit von allen Menschen wohnen, als die letzten im viellärmenden Meer. Wer sie hier an der großen Straße der Schiffe sucht, der hat die Ferne und Meereseinsamkeit der Odyssee nicht mitgefühlt.

Außer den Kühen und Automobilen steigt niemand von Bedeutung aus. Und keine Hotelportiers rudern herbei, um uns beredt einzuladen. Nur zwanzig kluge Ansichtskartenhändler kommen, erklimmen das Deck und umgeben uns voll Zuspruch. Drüben liegt der kleine Hafen, still mit sich selbst beschäftigt. Korfu ist öde und verlassen. Und sie wollten doch eine große Jeubude hier aufmachen.

»Warum ist es so leer hier?« frage ich den einen Händler.

»Es ist noch nicht die Saison.«

»Wieso Saison?« erwidere ich. »In San Remo ist kein Bett mehr frei, und dort ist es nicht so warm wie hier!«

Man kann es etwa so erklären: Korfu ist in diesen Jahrzehnten etwas mitgenommen worden. Erst die tragische Elisabeth; dann Wilhelm; der Krieg und seine Lazarette und Konzentrationslager; und jetzt fuhrwerkte Mussolini mit seinen Bersaglieri hinein ... für das geplante Pokerkasino liegt Korfu vorläufig zu sehr mitten auf der Kegelbahn.

(Warum pokert es sich so bequem und sicher zu Monte Carlo im Staate Monaco? Weil der Herrscher dieses Landes es verstanden hat, sich außerhalb der politischen Vorgänge und des großen europäischen Bündnissystems zu halten.)

Der Ansichtskartenhändler betrachtet mich vorsichtig abschätzend.

»Vielleicht kommt Ihr Kaiser wieder her«, sagt er.

Er wollte mein Herz gewinnen; aber ich habe ihm nun erst recht keine Karte abgekauft; und Korfu kennt nun die Gesinnung des deutschen Volkes.

 

Wir sind an Bord fünfzehn Passagiere, fast alles Engländer. Darunter eine alte Dame, die seit unserer Abfahrt von Brindisi, vierundzwanzig Stunden, immer in derselben Nummer der »Daily Mail« liest.

Weil wir so wenige sind, läßt sich eine kleine Table d'hôte bilden. Aus Rücksicht vor dem Kapitän, der dieser Table d'hôte präsidiert, wird die Unterhaltung in einer Art von Italienisch geführt.

»Aber Signora«, ruft der Kapitän, indem er Messer und Gabel hochhebt, »warum sind Sie nicht mit der syrischen Linie B gefahren; unsere Linie fährt doch schon seit einigen Wochen nicht mehr nach dem Piräus, weil der Kanal von Korinth verschüttet ist; nun müssen Sie in Saloniki umsteigen.« Rhodos, Mytilene, Anschluß in Smyrna, wann sind wir in Kandia? ... So geht die Unterhaltung über den Tisch.

Welterfahrene Herren und Damen behandeln diese Fragen so, wie andere Leute sich damit beschäftigen, ob die Linie 69 der Großen Berliner Straßenbahn über den Nollendorfplatz fährt oder über den Lützowplatz.

 

Seit vielen Jahren war es mein Wunsch gewesen, einmal eine Mondscheinfahrt durch das Ionische Meer zu unternehmen. Aber es ist immer etwas dazwischengekommen.

Nun ist die Stunde da.

Mitternacht. Die Engländer sitzen im Rauchsalon bei Whisky und Soda; die alte Dame befindet sich in ihrem Bett und liest zum letzten Male die »Daily Mail« von oben bis unten durch. Das sind vernünftige Leute, die tun, was sich gehört. Auf den Einfall, jetzt zur Mitternacht das oberste Verdeck dieses Dampfschiffes zu erklimmen, kann nur ein Deutscher kommen.

Das oberste Verdeck liegt im brennenden Mondlicht da; und ringsherum im Meere, nah und fern, schimmern die Inseln.

Einige sind ganz tief eingetaucht. Andere hoch und licht wie aus Kork, und man glaubt, sie leicht schwanken zu sehen in dem zitternden Flimmern der Flut. Eine ist ganz klein und schwarz, sie liegt vor uns, als ob sie uns erwartete. Eine große, silberhelle verläuft endlos zu unserer Rechten.

Und kein menschliches Licht, kein Boot auf dem Wasser; es ist das nächtige Meer der Götter, schweigend, reich an Geheimnis und auch an Grauen.

Ein Schiffsoffizier steht vorn neben der Kajüte des Kapitäns, bückt sich über einen messingnen Apparat und visiert etwas.

»Wo sind wir?« rede ich ihn an, als er mit seiner Arbeit fertig ist.

»Wir haben eben das Kap Ducato passiert.«

»Und diese Insel hier?« frage ich und zeige auf die silbergraue neben uns.

»Das ist Ithaka«, antwortet er.

»Ithaka? So! Sieh mal einer an. Wirklich äußerst interessant. Herzlichen Dank, mein Herr!«

»Bitte sehr, es ist gern geschehen.«

Noch schnell einen Blick nach dem Himmel, um für kommende Tage festzulegen, unter welchem Aspekt diese merkwürdige Begegnung vor sich gegangen ist. Der Siriushund springt hoch; alle die großen Bilder des Winters sind versammelt, und in den nahesten Mondstrahlen eingebettet, glitzert die Brosche der Plejaden.

Und nun wollen wir abwarten, wie lange das Gut dieser Stunde vorhalten wird für das Leben.

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