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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 94
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Nach Delphi

Impressionen von der Hinfahrt

Wird zum Beispiel ein Mensch durch Bologna durchfahren, ohne auszusteigen und einen Tag zu bleiben? Möglich, daß es andere können, ich nicht. Ich kann durch Bitterfeld durchfahren, ohne auszusteigen, durch Bologna nicht.

Denn Bologna... welche Stadt, um dem durch tausend Gewöhnlichkeiten ermüdeten Auge neue Kraft zu geben! Um uns wieder zu erinnern an die heilige Pflicht der Form!

Nehmen wir einmal hier den Dom des heiligen Petronius, der eine der wenigen gotischen Kirchen des italienischen Landes ist. Keine Frage, daß unsere nordischen Kathedralen von Köln und Amiens inniger und heimlicher sind, daß sie einen stärkeren Zauber auf Herz und Phantasie ausüben; aber man beachte dafür hier, wie die krause gotische Formel zum Ausdruck von etwas Klarem gebraucht wird, wie die Linien sich weiten und festigen, wie an Stelle des Engen das Ungeheure getreten ist. Gotisch, sogar in Backstein gebaut... und doch eine riesenweite Halle.

In jeder Straße ist es dasselbe, jede Biegung ist bestimmt und wohlig zugleich, daß dein Auge zärtlich dem Dahinstreichen und Verlaufen der Flächen folgt. Und das ist nicht beabsichtigt, es ist nicht studiert; denn die Leute, die diese Stadt bauten, hatten keine Ahnung von Städtebaukunst; es kam so aus ihrem lauteren und strengen Wesen heraus.

Ferner befinden sich die zwei schiefen Türme hier, die nicht genügend bekannt sind. Der Turm in Pisa ist auch schief, aber von dem ist man es schon gewöhnt. Hier erschrickt der Wanderer, wenn er plötzlich zwei Riesenflegel von Türmen vor sich sieht, die durcheinandertorkeln, der eine nach vorn, der andere nach hinten.

Der eine ist kurz und dick, der andere dünn und lang; und es sieht aus, als ob der Herr Pfarrer mit dem Küster aus dem Wirtshaus kommt.

Und nachdem du so den Tag in strengen Betrachtungen verbracht, bietet dir des Abends die üppige, laute Stadt der künstlerischen Reize viel. Als ich da war, hatte ich die Wahl zwischen einem Vortrag von Marinetti, dem Film »Atlantis« mit hundert echten Kamelen und einem Konzert von Kubelik.

Ich entschied mich für die hundert echten Kamele.

 

Erlebnis in Brindisi. Ich habe mich in den Finger geschnitten und gehe abends aus, um in der Apotheke Heftpflaster zu kaufen.

Die Luft ist hier schon lau und das Wetter klar, und ein Blick auf die Sterne zeigt, daß wir unter einem anderen Himmelsstrich sind: der Löwe und der Große Bär sitzen so tief, daß sie mit ihren Schwanzspitzen fast in das Wasser eintauchen; der halbe Mond befindet sich am Zenit und liegt, in ganz ungehöriger Haltung, auf dem Rücken.

Keine Apotheke zu finden. So wende ich mich an einen Bürger, der eine große Korbflasche trägt und deshalb Vertrauen erweckt. »Bitte, können Sie mir sagen, wo hier eine Apotheke in der Nähe ist?« – »Eine Apotheke? Aber mit dem größten Vergnügen, ich bringe Sie gleich hin.«

Ich lehne das höflich ab; aber er bleibt dabei. »Erlauben Sie nur, daß ich diese Flasche nach Hause trage, dann stehe ich ganz zu Ihrer Verfügung.«

Er führt mich an ein finsteres Haus und läßt mich draußen stehen; am liebsten wäre ich nun fortgelaufen. Dann kommt er zurück und führt weiter. »Sie sind ein Engländer?« – »Nein, ich bin ein Deutscher.« – »Bravo!« ruft er, drückt mir die Hand und beginnt nun mit lauter Stimme einen politischen Vortrag zu halten, dem ich schweigend zuhöre. Denn überall bleiben die Leute stehen und sehen sich um, und wer weiß, was das für Leute sind.

Die Apotheke ist voll. Der Bürger schiebt alle anderen beiseite und sagt zu dem Besitzer: »Mein Freund hier hat sich die Hand verletzt und will etwas Heftpflaster haben.«

In diesem Augenblick erhebt sich in der ganzen Apotheke eine allgemeine und lebhafte Diskussion über den medizinischen Wert des Heftpflasters. »Heftpflaster, Herr?« ruft ein Soldat und wackelt mit dem Finger vor meinem Gesicht. »Niemals Heftpflaster auf eine Wunde, niemals Wasser, niemals Speichel.«

Nun bringt der Apotheker unter allgemeiner Spannung eine ungeheure Flasche mit einer braunen Flüssigkeit herbei; Watte wird gezupft, gläserne Stengel werden gereinigt; der Soldat hält meinen Arm und flüstert mir zu: »Es tut nur einen Augenblick weh.«

»Was kostet das alles?« frage ich endlich erschöpft. »Kosten?« antwortet der Apotheker. »Das kostet nichts; und wenn es morgen vormittag nicht besser ist, kommen Sie wieder.«

Nachher gehe ich mit dem Bürger ein Glas Wein trinken, und er erzählt mir alle seine Kriegserlebnisse ..., und wie ich wieder allein bin, kommt mir die Erkenntnis: man braucht nicht zu den Sternen aufzusehen, um zu erkennen, ob man unter einem anderen Himmelsstrich ist.

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