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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 91
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Friedensquell

Bei dem Kloster Zella in der tiefsten Tiefe des deutschen Waldes (Regierungsbezirk Erfurt) entspringt die Quelle eines Baches, der Friede heißt.

Wahrscheinlich wird dieser Bach die Friede heißen und nicht der Friede, wie ja mit wenigen Ausnahmen die Flüsse Deutschlands weiblichen Geschlechtes sind. Aber auch die Friede klingt schön und rührend.

Es ist merkwürdig genug, daß in allen Sprachen für den Begriff Frieden ein weibliches Wort gilt; pace, pax und das wunderbar milde griechische Wort Eirene, all das sind junge Frauen mit guten Augen, und nur der deutsche Frieden trägt immer die genagelten Schuhe des Reservemannes.

Das mag sich nun verhalten, wie es will, sicher ist, daß der Friedensquell dort in dem dichten Walde entspringt. Kein Wegweiser zeigt die Richtung, ja, es ist nicht einmal ein Weg vorhanden; so bin ich dem Wasser entgegengestiegen, die Felsen hinauf, durch den bronzenen Herbstwald, bis da, wo der Quell klar und still zwischen alten Blättern aus dem Geheimnis der Tiefe emporkommt.

Hier, so dachte ich, ist gut sein, hier ist wohl lange Zeit kein Mensch gewesen, nichts von dem törichten Lärm der Welt dringt bis hierher.

Diese Meinung erwies sich jedoch als ein Irrtum, denn wie ich mich umsah, erblickte ich an einer Buche ein Hakenkreuz, das eingeritzt war und noch ganz frisch glänzte. Es war also doch kürzlich jemand hier gewesen, der es für richtig befunden hat, an dieser Stelle agitatorisch und aufklärend zu wirken.

Aber bei dieser Wirksamkeit muß irgend etwas Geheimnisvolles dazwischengekommen sein, denn merkwürdig genug, das Hakenkreuz war nicht ganz fertig geworden, der eine Querbalken fehlte. Sei es nun, daß der Ritzer sich plötzlich seiner Albernheit bewußt geworden ist, sei es – und das ist wahrscheinlicher –, daß die Nymphe des Ortes heimlich aus ihrer Quelle aufgetaucht ist und ihm mit dem Buchenknüppel eines über den lichtvollen Hinterkopf gehauen hat.

Was mich anbetrifft, so habe ich meinen Regenschirm neben der Quelle hingelegt; dann bin ich niedergekniet und habe mit der hohlen Hand von dem heiligen Wasser getrunken.

Das Friedenswasser schmeckte etwas mulmig und faul, was wohl auf das abgefallene Laub zurückzuführen ist und sich hoffentlich bald legen wird. Immerhin habe ich der Vorsicht halber hinterher im Dorfe Lengenfeld einen doppelten Magenbitter getrunken.

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