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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 90
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fische

In dem Schaufenster der Lebensmittelhandlung hatte man die Fische ausgelegt, die in der letzten Nacht im See gefangen worden waren. Sie lagen auf einer breiten, weißen Marmorplatte tot ausgestreckt; und zwar war diese Marmorplatte nach vorn etwas geneigt, damit das Wasser und auch das Blut hübsch sauber und ordentlich ablaufen könne.

Dicke Barsche, Aschen ganz wie aus Silber, Forellen mit runden Flecken, Hechte mit länglichen Flecken und die breitmäuligen Quappen, bei denen die Leber das beste ist. Ein ganz riesiger Hecht von anderthalb Meter Länge lag in der Mitte und war das Staatsstück.

Und sie alle, die geschwänzelt hatten in den kühlen Gründen des Sees, und immer gerudert und geflitzt und immer Welle gewesen waren, sie lagen steif ausgestreckt einer neben dem andern und hielten sich nun endlich still.

Und weil es hübsch anzusehen war, wie sie da so sauber tot waren, deshalb blieben die Leute vor dem Laden stehn und hatten ihre Freude daran.

»Dieser süße Hecht«, rief das zwölfjährige Mädchen mit den nackten Beinen, »und was er für reizende Zähnchen hat.«

»Der wiegt seine achtzehn Pfund«, sagte der Herr im Gummimantel.

»Warum«, so murmelte der Feuilletonist, »warum hat die Forelle runde Flecken und der Hecht längliche Flecken? Welch eine Spielerei ist dieses?«

Der Philosoph aber dachte: In diesem Geschäft ist der Fisch während eines Monates um zwanzig Prozent billiger geworden.

 

Da geschah es, daß der große Hecht seine Kiemen öffnete und tief aufatmete; denn er war noch gar nicht tot. Und alle die Leute, die vor dem Laden gestanden hatten, fuhren erschreckt zusammen und wandten die Augen ab.

»Gräßlich, daß sie da lebende Fische hinlegen«, sagte der Herr im Gummimantel.

»Man sollte ihm doch einfach den Bauch aufschneiden«, meinte das zwölfjährige Mädchen mit den nackten Beinen.

»Warum«, so murmelte der Feuilletonist, »warum hatten wir Wohlgefallen an dem Tode, und warum schauderten wir vor dem Leben zurück?«

Der Philosoph aber dachte: Dieses Geschäft werde ich mir merken; da scheinen die Fische ganz frisch vom See herzukommen.

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