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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 87
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Spaziergang durch die Natur

Rügen, im August

Ich brach von der Kaiser-Wilhelm-I.-Sicht auf und schlug die Richtung auf die Kaiserin-Auguste-Viktoria-Sicht ein, die in Meyers Reiseführer als ein einsamer, hochgelegener Waldplatz bezeichnet wird.

Man muß dabei den Luisen-Blick links liegenlassen und darauf achten, daß man nicht etwa aus Versehen nach der Kronprinzessin-Cäcilie-Sicht kommt. Der Weg geht immer geradeaus durch den Wald.

Auf diesem Wege hatte ich die Begegnung mit der Natter. Die Natter wurde durch meine Schritte aufgescheucht und floh vor mir her, was ganz unnötig war, da ich ja von Kindesbeinen an weiß, daß die Nattern harmlose Tiere sind, denen man nichts tun soll. Aber vielleicht wußte die Natter nicht, daß ich es weiß.

Sicher ist, daß sie eine Weile vor mir her floh; sie fand in der Böschung des Weges das rechte Loch nicht, und da – jetzt kommt das Merkwürdige –, da habe ich gehört, wie sie vor Angst schrie. Sie stieß eine Reihe kurzer, wimmernder Angstschreie aus.

Selbstverständlich werden meine lieben Freunde jetzt vermuten, daß ich wieder einmal aufschneide. Aber das ist mir ganz gleichgültig. Sowie ich zu Hause bin, werde ich im Brehm nachsehen, ob die Nattern schreien. Und wenn es nicht im Brehm steht, dann habe ich es eben als erster entdeckt.

 

Was die Kaiserin-Auguste-Viktoria-Sicht anbetrifft, so stellte sie sich wirklich als ein hochgelegener, einsamer Waldplatz heraus, und alles war sehr erfreulich. Das heißt, die Einsamkeit dauerte so lange, bis aus dem Gebüsch eine weibliche Stimme erscholl, die rief: »Frau Probst, warum gehen Sie denn nicht mit Ihrem Manne untergeärmelt?«, worauf aus weiter Entfernung eine andere weibliche Stimme antwortete und eine große Auseinandersetzung entstand.

Die hier anwesenden Berliner haben eine Gewohnheit, die man anerkennen muß: Wenn sie im Wald spazieren, so gehen die Paare nicht nebeneinander, sondern jedes vom anderen auf hundert Meter entfernt. Und auf diese hundert Meter Entfernung unterhalten sie sich dann über die verschiedenen Pensionspreise. Es geschieht das zur Hervorbringung des bekannten Waldwebens.

Ich stieg nun zum Meere hinunter und schritt die klingende Brandung entlang. Dort stieß ich bald auf eine Gruppe von Menschen, die lebhaft durcheinanderwirtschafteten, so daß ich zuerst glaubte, es sei ein Unglück geschehen.

Als ich näher trat, unterschied ich einen jungen Herrn im Kotelettenbart, der einen Marineoffizier mit folgenden Worten anschrie: »Mensch, was sehen Sie denn immer mich an? Sie werden von der Polizei verfolgt. Hinter sich müssen Sie sehen; und mehr gehetzt; mehr gehetzt! Die Aufnahme noch einmal.«

Ein schöner älterer Herr, der aussah wie der Oberhofprediger Dryander, stand daneben und schien das Ganze geistig zu leiten. Und nachdem die Aufnahme mit dem gehetzten Marineoffizier gelungen war, kam noch die Szene mit dem Faß. Das Faß wurde von zwei Männern in falschen Bärten die Düne hinaufgeschoben und dann in das Meer heruntergerollt.

Da habe ich mich an den Oberhofprediger Dryander gewandt, und er hat mir freundlich mitgeteilt, daß dieser Film »Der Fürst der Berge« heiße und in ungefähr zwei Monaten in Berlin aufgeführt werden solle.

 

Und es mag nun kommen, wie es will: diesen Film werde ich mir ansehen, weil ich nämlich glaube, daß ich auf die Szene mit dem Faß aus Versehen mit hinaufgekommen bin. Im Hintergrund, ein Herr in besten Jahren, mit ein paar Blumen in der Hand und einem sehr abgetragenen Filzhut auf dem Kopf.

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