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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 86
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Helgoländer Sitten

Eine ganz merkwürdige Sitte herrscht in den Gasthöfen der Insel Helgoland: Der Fremde stellt des Abends seine Stiefel vor die Tür des Zimmers und läßt sie dort allein und unbewacht stehen. Die Stiefel werden nun nicht von dem Zimmernachbarn gestohlen, wie das bei fortschrittlichen Völkern Gebrauch ist. Nein, sie bleiben stehen, und der Gast findet sie am nächsten Morgen zu seinem lebhaften Befremden in geputztem Zustand wieder.

Diese Sitte hängt mit einer jetzt vergessenen Volksbelustigung zusammen, die bei den Dichtern des Mittelalters »Ehrlichkeit« genannt wird.

Eine andere Sitte der Helgoländer ist der Hummernfang, aber diese Sitte ist vielleicht nicht ebenso erfreulich.

Dem Zwecke des Hummernfanges dienen runde, oben geschlossene Körbe, die an der Seite eine Öffnung und im Innern ein System von Netzwerk haben; zu Hunderten stehen diese Körbe am Strande des Unterlandes herum. Der Helgoländer, der einen Hummer fangen will, verfährt nun so: er zieht die Hände aus den Hosentaschen, wo er sie sonst geborgen hält, rudert mit einem Korb hinaus, versenkt ihn, zieht ihn nach einiger Zeit wieder hervor, und der gewünschte Hummer sitzt darin.

Und nun vollzieht sich ein ganz merkwürdiger Vorgang: der Hummer, der bis jetzt ein wertloses Objekt war und jedermann gehörte, der ist jetzt plötzlich außerordentlich kostbar geworden, nämlich neunzig Mark für das Pfund. Da der Fang wenig Mühe und wenig Auslagen macht, ist dieser Preis erstaunlich; er ist sogar so erstaunlich, daß kein Badegast auf Helgoland Hummern ißt und die Tiere nach Hamburg weitergesandt werden müssen. Aber die Helgoländer tun es nicht anders, denn diese ehrlichen Leute sind aufs Geld.

Ehrlichkeit und Habgier gehen oft zusammen; ebenso wie schlechtes Gewissen und Großzügigkeit. Es sind Komplementärfarben der menschlichen Seele.

 

Im Juni des Jahres 1911 habe ich an dieser Spitze des Helgoländer Oberlandes gestanden und durch mein Glas zugesehen, wie da unten der neue U-Boot-Hafen errichtet wurde.

Ich stehe jetzt nach einem Jahrzehnt, das es in sich hatte, an derselben Stelle und sehe durch mein Glas zu, wie der U-Boot-Hafen wieder zerstört wird.

Und ganz merkwürdig ist nun, daß Aufbau und Zerstörung sich vollkommen ähnlich sehen. Es ist dieselbe Ordnung und Methode in beiden, Schmalspurbahnen laufen, Kräne drehen sich langsam und sorgfältig, Pfeifen schrillen, Eisenschienen und Betonblöcke liegen sauber in Reihen.

Hin und wieder erfolgt eine heftige Explosion; dann fliegen Stücke der Mole in die Höhe; einmal mit gelbem Rauch senkrecht in die Höhe; oder schwarz und seitwärts auseinanderstiebend, was sich grauslich ausmacht. Der größte Teil der Mole ist schon fort; sie liegt im Meere wie ein niedriger Strich von zerbröckeltem Gestein, das die unregelmäßige Gestalt der natürlichen Dinge angenommen hat.

Selbstverständlich ist zwischen Aufbau und Zerstörung wenigstens ein Unterschied: das Zerstören ist erheblich teurer, als das Erbauen gewesen ist. Der Bau des U-Boot-Hafens hatte 160 Millionen erfordert; die Kosten der Vernichtung nähern sich schon jetzt der Milliarde.

Und dabei ist dieses gewaltsame Abtragen vollständig sinnlos und überflüssig. Es ist das eine Bedingung, die in der Hitze der ersten Verhandlungstage gestellt und zugegeben worden ist, die aber jetzt in ruhigerer Zeit überprüft werden sollte.

Wenn man auf mich hören wollte, könnte man die Milliarden ersparen. Wenn man auf mich hört, läßt man die Helgoländer Werke stehen, wie sie sind, und vertraut sich der sachverständigen Arbeit des Meeres an. Wir geben den Engländern das Versprechen, daß wir nichts ausbessern und nichts wiederherstellen, und in drei Jahren ist dieser allzuweit in das Meer vorgeschobene Kunsthafen aufgefressen, weggenagt, unbrauchbar.

Die Helgoländer Grundwellen verstehen sich auf das Zertrümmern; sie arbeiten vielleicht etwas langsamer als wir mit unseren Kränen, aber sorgfältiger und ganz erheblich billiger.

 

Der Dampfer entfernt sich leise schaukelnd von der Insel.

Der alte Badegast (der schon zwanzigmal auf Helgoland war): »Man mag sagen, was man will, Helgolands schönste Zeit war die englische Zeit. Vornehm; ohne Radau; ohne Marinegeschütze. So gute Zeiten kommen niemals wieder; und ich weiß, ein Teil von euch Helgoländern denkt geradeso.«

Der Helgoländer: »Hm.«

Ich: »Ach was, die guten Zeiten kommen schon wieder, und Helgoland wird noch einmal das angenehmste Bad der Nordsee. Schön wird's, wenn das ganze Eisengerümpel vom Oberland fortgeschafft und wenn der U-Boot-Hafen abgebaut ist.«

Der Helgoländer: »Hm.«

Der Schiffskoch (der uns zugehört hat, mit einem wütenden Blick auf mich): »Schön wird's, wenn der U-Boot-Hafen wieder aufgebaut wird.«

Der Helgoländer: »Hm.«

Ich (beiseite): »Gott erbarm dich der armen Insel.«

 

In List, am äußersten Nordende der Insel Sylt, befinden sich die Austernbänke, und es befand sich da eine Marinestation.

Die Austernbänke sind geblieben, die Marinestation ist zu ihrem größten Teile verfallen.

Man sieht ein gewaltiges Eisengerippe, das wohl eine Zeppelinhalle werden sollte, und in weitläufigen Kasernen klappern die Fenster; der Betonterrassen beginnt das Heidekraut sich zu bemächtigen, die Baracken aber sind zu Kinderheimen umgewandelt, so daß diese Gebäude doch einmal einem vernünftigen Zweck gedient haben.

Aber eine Marinestation mag verfallen sein, so viel sie will, der Eintritt bleibt deshalb doch verboten; und so steht denn alsbald vor mir eine beamtete Persönlichkeit und fragt mich: »Was wollen Sie hier?« – »Austern essen«, antwortete ich kurz und der Wahrheit gemäß. Die Persönlichkeit blickt mich prüfend an; sie kommt zu dem Ergebnis, daß ich allerdings aussehe wie ein Mann, dem Austernessen nichts Fremdes ist, und zeigt mir freundlich das verhutzelte alte Gasthaus, in dem man dieses Geschäft besorgen kann.

Die Austern werden, wie ich sie bestelle, aus dem Meeresbecken geholt und mir von einem friesischen Mädchen gebracht, das sich ohne lange Umstände zu mir setzt.

Daß die Auster des Sommers besser ist als die verfrorenen Dinger, die man uns im Winter in die Stadt schickt, dieses habe ich schon vor Jahren in St. Malo und Cancale in der Bretagne erfahren, wo ich deren im August große Mengen gegessen habe. Das Tier ist des Sommers in seinem Liebesgeschäft begriffen und hat deshalb die Würze und die Schwungkraft, die verliebten Leuten eigen zu sein pflegen. Ja, so erklärt mir das friesische Mädchen, es gäbe Leute, die äßen sogar Austern mit Laich, was man aber nicht tun solle, weil es verboten sei. Man könne die laichende Auster an ihrer dunkleren Schale erkennen und müsse sie wieder in das Becken zurücktun.

In diesem Wirtshaus möchte ich einmal einen Sommer wohnen und einen Sommer hindurch Austern essen. Es kann nicht so teuer sein; das Dutzend zwanzig Mark.

Die Schalen der gegessenen Tiere werden auf die Felder und die Geest geworfen und bilden da schon ganze Haufen. In Millionen von Jahren, wenn von unseren Marinestationen und der Entente und so weiter kein Korn mehr übriggeblieben ist, werden die Geologen diese Austernhaufen finden, sie werden sie Kjökkenmödding benennen und aus ihnen den Schluß ziehen, daß hier menschliche Geschöpfe gelebt haben, die vernunftbegabt gewesen sein müssen, denn sonst hätten diese Geschöpfe ja keine Austern gegessen.

So wirke ich aufklärend und unterrichtend für die Zukunft, während ich neben dem friesischen Mädchen sitze in dem windumwehten Gasthaus und scheinbar nur meinen Begierden fröne.

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