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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 85
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Reiseerinnerungen

Als ich damals die Reise nach Frankfurt unternahm, hatte ich selbstverständlich keine Ahnung, daß in dieser Stadt eine Messe im Gange war. Meine Beziehungen zur Textilbranche sind nur sehr oberflächlich.

Aber das ist immer so, wenn ich in eine fremde Stadt reisen will. Ich sehe fremde Städte gern wie sie sind, in ihrem Alltag, den Wochenmarkt voll, die Kirche offen und leer ... aber wohin ich auch kommen mag, da ist gerade dann ein Schützenfest. Oder ein Gauturnen. Oder die landwirtschaftliche Woche und dergleichen.

Niemals in meinem Leben werde ich vergessen, wie es verlief, als ich zum erstenmal Weimar besuchte. Es war in meiner gelehrten Jugendzeit, ich hatte mich gründlich vorbereitet und saß im Eisenbahnzug, das schlagende Herz voll römischer Elegien.

Da fiel es mir auf, daß der Zug sich mit einer besonderen Art von Menschen zu füllen begann, die offenbar zusammengehörten und sich untereinander ähnlich sahen. Es waren meist kleine und dicke Leute, sie kannten sich alle und waren fröhlich.

Und als wir nun in Weimar einfuhren, stiegen alle diese dicken Leute aus und machten einen großen Betrieb; und quer über die Straße war eine Leinewand gespannt mit der Aufschrift: »Willkommen, deutsche Schuhmacher.« Es ging nämlich gerade der Verbandstag der Schuster vor sich, und in dieser anregenden Gesellschaft durfte ich die heilige Stätte besichtigen ...

 

Damals also in Frankfurt merkte ich die Messe alsbald daran, daß ich kein Zimmer bekam.

»Wir haben allenfalls noch ein Bett für Sie«, sagte mitternachts der Manager des Luxushotels, »aber Sie müssen im großen Festsaal schlafen ...« Und der Kellner führte mich durch eine Reihe schimmernder Prachtgemächer. In einem saßen vier junge Französinnen mit ihren Herren, tranken Champagner und lachten silberhell; und gleich dahinter war der Festsaal, in dem ich also schlafen sollte.

Es ergab sich, daß dieser Saal ungefähr so groß war wie der Beethoven-Saal in Berlin, weit und leer, und in einer Ecke einsam und verloren stand ein Bett. Ringsherum führten Türen in andere Räume, und ich stellte fest, daß keine dieser Türen verschlossen war; auch die Tür zu den silberhellen Französinnen nicht; diese Damen konnten jederzeit an mein Lager kommen, wenn sie danach gelüstete.

Drei große Kristallüster aber verbreiteten Tageshelle, und niemand, der es noch nicht versucht hat, kann wissen, wie schwer es ist, drei Kristallüster auszudrehen. Je mehr man dreht, um so mehr Lampen flammen auf.

Dann lag ich endlich im Dämmer und in der schauerlichen Weite und lauschte die ganze Nacht auf das Lachen der Sünderinnen da nebenan. Um halb drei schrien sie besonders silberhell auf und wollten sich gar nicht mehr beruhigen.

Da soll der Satan hier allein schlafen in dem Beethoven-Saal.

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