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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 83
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Zauberhut

Ein Beitrag zur Psychologie der Frau

Ich besitze einen Hut, mit dem ich Glück bei den Frauen habe, wohin ich auch komme.

Dieser Hut ist ein grauer Filzhut von auffallend und ungewöhnlich hoher Form; er ist um einige Zentimeter zu eng, so daß er auf meinem Kopf sitzt wie ein Fingerhut auf dem Kürbis. Ich weiß nicht, wo ich ihn einmal gekauft haben kann.

Wenn ich mit diesem Hut über die Straße gehe, geraten alle Damen, jung und alt, sichtbar in heftige erotische Bewegung; zahnlose Großmütter und vierjährige Engel drehen sich bewundernd nach mir um, und die des Weges einherkommenden Bankdirektorsgattinnen betrachten mich mit den Augen der Herodias.

 

Wir Intellektuelle tragen sonst gern große, geniale Hüte mit breiter Krempe, weil wir glauben, daß Schiller solche Hüte getragen hat, was übrigens ein Irrtum ist. Schiller trug einen Dreispitz, und zwar nicht auf dem Kopf, sondern unter dem Arm.

Aber mit diesen genialen Hüten ist bei den Frauen gar kein Effekt zu machen, wie überhaupt mit dem Genialen nicht; einsam und unbeachtet wandelt der Intellektuelle seinen Weg, die Mappe mit den Manuskripten unter dem Arm.

Selbstverständlich hege und pflege ich meinen Zauberhut wie ein Heiligtum, er ist vielleicht schon fünf Jahre alt und sieht noch aus wie neu; denn am gewöhnlichen Tage trage ich ihn nicht und schone ihn und setze ihn nur auf, wenn mir der Sinn auf Abenteuer und Eroberung steht; und noch niemals hat er mein Vertrauen enttäuscht. Wenn ich in fremde Länder reise, nehme ich ihn mit, und es ist überall dasselbe, die Frauen sind sich gleich durch die Welt. Weiß Gott, was mit diesem Hut ist, es ist etwas Geheimnisvolles wie das ganze Problem der Fortpflanzung, zu dem auch ein Filzhut gehören kann.

Vor einiger Zeit war ich in Marokko und spazierte mit meinem Hut über die wimmelnden Märkte der Tausendundeinen Nacht. Die Marokkanerinnen haben das Gesicht verhüllt, so daß ich ihre Mienen nicht erkennen konnte; doch zeigten sie mir durch leise rhythmische Bauchbewegungen an, daß ich ihnen gefiel.

Mir selber gefällt mein Zauberhut gar nicht; ich finde, ich sehe darin aus wie ein pommerscher Schweinehändler. Aber vielleicht ist es gerade deshalb.

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