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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 82
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Erinnerungen

Ich gehe gern auf das Polizeibüro, es heimelt mich da an, ich weiß selber kaum warum.

Vielleicht weil im Polizeibüro am hellen Mittag das Licht brennt. Oder weil es so angenehm nach Muff und nach armen Leuten riecht.

Auch sieht man dort oft etwas Ungewöhnliches, so von Verbrechen oder Abenteuer, was uns Bürger aufregt.

Jetzt mußte ich wieder einmal hin, um meine Unterschrift bestätigen zu lassen. Ich habe der Staatsbehörde ein Papier einzureichen, das von mir unterzeichnet sein muß. Und weil die Staatsbehörde mir nicht traut – was nur für ihren Scharfblick spricht –, weil die Staatsbehörde mir nicht traut, deshalb mußte ich also auf das Polizeibüro, um mir da bescheinigen zu lassen, daß ich wirklich das Objekt bin, das zu dieser Unterschrift gehört.

 

Nach vielem Suchen fand ich den Mann, der solche Angelegenheiten erledigt. Er saß hinter einem Holzgitter am Tisch und las eine Zeitung, die »Der Beamtenbund« hieß. Er las die Anzeigen dieser Zeitung mit großer Aufmerksamkeit, so daß ich Zeit hatte, ihn zu betrachten und mir seine Erscheinung einzuprägen.

Es war ein Herr in besten Jahren mit blondem Schnurrbart und Glatze und überhaupt von ernster, männlicher Schönheit; auch trug er eine blaue Jacke, die nicht zugeknöpft war.

Vor ihm auf dem Tisch lag ein kostbarer Damenschirm mit elfenbeinernem Griff, die Beute oder der Gegenstand eines nächtlichen und leidenschaftlichen Geheimnisses, das hier seine Schlichtung finden sollte.

Auf der Polizei wird jedem Geheimnis heimgeleuchtet, und alles, was die Bürger des Reviers tun und sinnen, ist hier registriert. Dort oben in dem Kasten mit der Aufschrift Am-Baa liege ich selbst verzeichnet mit allen meinen Verhältnissen, mit meinem Herz und meinen Nieren.

 

Nachdem der blondbärtige Herr den Anzeigenteil des »Beamtenbundes« bis unten durchgelesen hatte, schickte er sich an, ihn noch einmal von vorn anzufangen. Da glaubte ich, nun sei vielleicht der günstige Augenblick für die Unterschriftbestätigung gekommen; ich raschelte also mit meinen Papieren und sagte: »Verzeihen Sie, ich komme wegen einer Unterschriftbestätigung.«

Der Herr las erst eine Weile weiter, dann sah er mich an und sagte ernst: »Können Sie nicht warten?«

Ach, ich weiß schon, warum es mich so anheimelt auf dem Polizeibüro. Weil dort noch die alte kaiserliche Zucht herrscht, unter der wir groß geworden sind. Das heißt, eigentlich sind wir gar nicht groß geworden unter der alten Zucht, sondern haben Bankerott damit gemacht. Aber wohl gefühlt haben wir uns damals, als man uns so behandelte; und das vergißt sich nicht.

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