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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 77
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Konzert

Ein Herr im schwarzen Gehrock steht auf der Straße neben der öffentlichen Bedürfnisanstalt und spielt auf seiner Geige die Träumerei von Robert Schumann.

Ich kann mich über das Stück auch irren; aber sicher ist es so etwas wie Schumann; und ebenso sicher weiß ich, daß der Herr ganz ausgezeichnet spielt, mit tiefem Gefühl und in mustergültiger Technik. Er muß eine vorzügliche Schule gehabt haben.

Seinen Geigenkasten hat er gegen die erwähnte Anstalt gelehnt. Und während er spielt, geht es in dieser Anstalt immer ein und aus; an der einen Seite hinein, an der anderen hinaus.

Dieser Herr hat eine ganz merkwürdige Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Komponisten Gustav Mahler. Es ist dieselbe hohe Stirn, dieselbe funkelnde Brille, die Züge des alternden Apostels und jener weite, suchende Blick. Der suchende Blick des Herrn ist auf die Ausgangstür der Bedürfnisanstalt gerichtet.

Offenbar ist der Herr, als er diesen Standpunkt wählte, von folgender Erwägung ausgegangen: Leute, die eine solche Anstalt aufsuchen, machen in ihrem hastigen Tageswerk halt und kommen zu einer inneren Besinnung; sie müssen, während sie da drinnen sind, einige Noten der Schumannschen Träumerei hören, und das wird sie weich und musisch stimmen.

Und in der Tat, jeder, der aus der Anstalt tritt, holt eine kleine Gabe hervor; die Spekulation des Herrn in dem schwarzen Gehrock ist also richtig gewesen.

Wir erkennen daraus, daß unsere Zeit, die soviel getadelt wird, doch auch ihr Gutes hat. Sie hat uns geistige Arbeiter dazu gebracht, mehr als bisher auf unseren wirtschaftlichen Vorteil bedacht zu sein; sie hat uns, um es kurz zu sagen, kaufmännisch erzogen.

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