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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 76
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110428
projectidc12e89c6
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Neues Leben

Wie alle Leute, die es zu nichts im Leben bringen, so führe auch ich ein Tagebuch.

Das heißt, jeden Abend schreibe ich in ein kleines schwarzlackiertes Heft ein, welche Ereignisse an diesem Tag vorgefallen sind; was es zu Mittag gegeben hat, wieviel Schnaps ich getrunken habe, welchen Klassiker ich gelesen habe und wie mein Stuhlgang gewesen ist.

Wenn etwas Bedenkliches zu verzeichnen ist, schreibe ich es auf griechisch, damit die Aufwartefrau es nicht lesen kann. Alle diese kleinen Hefte aber hebe ich auf; es ist ihrer schon eine ganze Menge zusammengekommen.

Jetzt muß ich meine Tagebücher wieder einmal durchgehen, um eine Adresse zu finden, und dabei habe ich eine Entdeckung gemacht. Die Entdeckung nämlich, daß alle drei oder vier Monate in den Tagebüchern die Notiz steht: Heute fange ich ein neues Leben an.

Ich erinnere mich auch genau, was damit gemeint ist. Wenn ich diese Bemerkung einschrieb, hatte ich den Entschluß gefaßt, keinen Schnaps mehr zu trinken, meine Dramen zu Ende zu schreiben und jeden Sonntag wieder in die Kirche zu gehen.

Aber ach, meistens so zwei oder drei Seiten nach dieser Aufzeichnung steht dann in den Tagebüchern wieder etwas Griechisches drin, was, wenn ich es entziffere, Cherry Brandy oder so ähnlich heißt; oder es steht auch gar nichts drin, ein Zeichen, daß an diesem Tage alles drunter und drüber gegangen ist. Und so habe ich in diesen letzten Jahren ungefähr zwölf mal ein neues Leben angefangen.

Es ist meine Absicht, wenn ich sterbe, meine hinterlassenen Schriften dem Goethe-Schiller-Archiv in Weimar zu überweisen, wie das ja auch Wildenbruch mit seinen hinterlassenen Schriften gemacht hat. Jüngere Literaturhistoriker von Begabung werden dann meine Tagebücher sichten, und sie werden aus ihnen vielleicht mehr Nutzen ziehen als aus der Beschäftigung mit den hinterlassenen Schriften Wildenbruchs.

Aber Griechisch müssen diese jüngeren Literaturhistoriker verstehen, viel Griechisch!

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