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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 68
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidc12e89c6
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Dramaturgie

Ein Gönner hat mich gefragt, warum ich mich denn niemals mit dem Theater befasse, welches doch ein so wichtiger Kulturfaktor im modernen Leben sei. Darauf ist zu antworten: Ich befasse mich nie mit dem Theater: erstens weil ich niemals Freibilletts bekomme; zweitens weil ich über Shakespeare nicht genügend unterrichtet bin.

Und zwar hängt diese zweite Sache so zusammen: Als ich noch in Bonn Philologie und Literatur studierte, hatte ich bei dem Professor Tobler ein Kolleg belegt, dessen Titel lautete: Einführung in Shakespeare; erster Teil: die Sprache.

Professor Tobler war ein älterer Herr und sah genau so aus, wie ein Mann aussehen muß, der über die Sprache Shakespeares vorliest: er war ganz dünn und hatte tieftraurige Augen.

Das Kolleg begann im November, und zwar waren drei Zuhörer erschienen: mein Freund William, ich und noch ein dritter.

Professor Tobler fing damit an, daß er uns die Titel und Verfasser sämtlicher englischer Grammatiken vorlas, die seit der Regierung der Königin Elisabeth erschienen waren. Das dauerte bis Mitte Januar. Während dieser Zeit beschäftigte sich jeder von uns drei Zuhörern auf seine Weise: ich verfaßte lyrische Gedichte; mein Freund William, der ein Engländer war, las unter dem Tisch den Skandalprozeß der »Pall Mall Gazette«, und der dritte Student zeichnete nackte Mädchen in sein Kollegheft.

Im Januar war Professor Tobler mit den Grammatiken fertig und ging nun zu der Phonetik über; und zwar begann er damit, uns den Unterschied zwischen dem englischen t und dem th zu erklären. Er wählte als Beispiel das Wort tooth und machte sich zunächst daran, uns alle Stellen aus Shakespeares Werken vorzulesen, in denen das Wort tooth vorkommt.

Der Student mit den nackten Mädchen war der erste, der verschwand. Eines schönen Februarmorgens blieb auch William fort, und ich blieb allein. Und wie nun Professor Tobler die Tür öffnete und ich allein drinnen saß, da blickte er mich lange mit seinen traurigen Augen an. Dann hat er die Tür hinter sich zugemacht und ist fortgegangen, und ich habe ihn nie wieder gesehen.

So also liegt die Sache, und mich trifft keine Schuld. Ich hatte die beste Absicht, mich in die dramatische Literatur einzuarbeiten, um später einmal mitreden zu können. Aber streng wissenschaftlich kann ich über die dramatische Literatur nicht mitreden, wenn ich nicht einmal weiß, wie Shakespeare das Wort tooth ausgesprochen hat.

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