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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 63
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Irrungen der Zeit

Sechs Tage

Eines hat der Mensch sofort heraus, wenn er in solchen Sportpalast tritt, nämlich, daß jetzt in Berlin wenig gebadet wird. Wer kann sich heutzutage noch so etwas leisten?

Eine Wolke steht in dem Saale fest und bedeckt grünlich – mit gelbem Einlauf – die sportlichen und gesellschaftlichen Ereignisse des Abends.

Nach einer Viertelstunde ist dem Besucher zumute, wie einer Bouillon mit Ei zumute sein muß. Nach einer Viertelstunde riecht der Besucher auch so, wie eine Bouillon mit Ei zu riechen pflegt.

 

Da unten in der Tiefe drehen sich acht Radler um die Ellipse, und diese acht Radler sind das berühmte Sechstagerennen. Einer ist rot, einer gestreift, und einer trägt eine Zipfelmütze.

Während des Fahrens sprechen sie miteinander. Wahrscheinlich erzählen sie sich Witze, um sich die sechs Tage zu vertreiben.

Aber da wird an der großen Leinwand ein Wettbewerb ausgeschrieben. Wer in der nächsten Runde gewinnt, erhält als Lohn einen kompletten Kinderanzug aus echtem Tuch; Preis 125 000 Mark.

Und nun sind plötzlich aus den acht Radlern zehn geworden, und sie fliegen hoch gegen die Kurven auf. Und wir alle schreien ha, he, und jemand schießt mit der Pistole; und wie der Rote, weit vor dem in der Zipfelmütze, durch das Ziel geht, da wissen wir alle, daß wir einem Event beigewohnt haben.

Morgen werden die Sportzeitungen darüber berichten, die in Deutschland mehr gelesen werden als die Balladen Schillers.

In den Logen sitzt die Creme und trinkt helles Bier. Eine der Damen hat, täuscht mich nicht alles, die nackten Beine auf den Tisch gelegt. Beim Nähertreten bemerke ich, daß es nicht die Beine sind, sondern ihre Arme; aber wer soll das alles auseinanderhalten!

Gar kein Zweifel dagegen wird über die beiden Witwen bestehen, die auf und nieder unermüdlich durch die Menge streichen. An ihren langen schwarzen Schleiern kann man sehen, daß sie die Gatten erst kürzlich verloren haben; aber das Leben geht weiter.

 

Verrenkung der Schultergelenke, Knochenbruch, Kopfverletzung ... so meldet jetzt die Schrift auf der Leinwand; und das Orchester spielt dazu die alte Weise »Der liebe Gott geht durch den Wald«.

Wie sich überhaupt hier wieder einmal gut erkennen läßt, daß der Sport die Ertüchtigung der Rasse bewirkt. Man braucht nur die Gesichter in den oberen Rängen anzusehen.

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