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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 62
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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»Bringe die Waffen fort!«

Es gibt so unerklärliche Gegensätze im Gemüt, und folgerichtig ist niemand. Ich zum Beispiel bin der friedlichste Mensch der Welt, gänzlich militäruntauglich und habe doch eine merkwürdige Liebe für Waffen, für alte Waffen ganz besonders.

Ferner: ich bin vollständig unmusikalisch, war stets vom Gesangsunterricht wegen Stimmwechsels befreit und habe doch eine merkwürdige, geheime Liebe für Musikinstrumente, für alte Musikinstrumente ganz besonders. Erkläre das, wer es kann.

Und was haben denn Waffen und alte Musikinstrumente miteinander gemeinsam? Ich fühle, daß sie etwas gemeinsam haben und sich ähneln; vielleicht weil sie beide so irrationalen Zwecken dienen.

Im Prado-Museum zu Madrid hängt ein Bild des van Eyck, den »Triumph der Kirche« darstellend. Auf dem Bild sitzt ein Engel, der ein ganz langes, schmales Streichinstrument spielt. Dieses Streichinstrument sieht aus wie eine Hellebarde; ich kann mir nicht helfen.

Oder nehmen wir die Kriegszüge Alexanders des Großen. Die moderne Geschichtsforschung seit Droysen behauptet, diese Züge hatten den Zweck, die asiatische Front zurückzuschieben und Griechenland eine ergiebige Getreidezufuhr zu sichern.

Davon kann nicht die Rede sein. Die Züge Alexanders hatten gar keinen Zweck; sie waren Musik, ein Greifen in die entweichende Ferne.

Das erkennt man schon daraus, daß der König feinen goldenen Panzer trug und immer betrunken war. Zieht man einen goldenen Panzer an, wenn man eine ergiebige Getreidezufuhr sichern will?

 

Eine Sammlung alter Musikinstrumente habe ich leider noch nie im Leben gesehen, aber die Waffensammlungen Europas kenne ich so ziemlich alle. Die ungeheuer große Sammlung in Wien. Die kleine, aber so herrlich finstere und winkelige Rüstkammer des Schlosses Schwarzburg.

In der Schwarzburger Kammer wird der Helm Gustav Adolfs aufbewahrt, und jeder Besucher darf sich diesen Helm aufsetzen. Herr Neumann, Herr Böhm, Herr Baumann, auch sein Sohn, der Gymnasiast Otto Baumann, der gerade Pfingstferien hat, jeder setzt sich den Helm Gustav Adolfs auf; und jeder sagt dann, daß dieser Helm sehr schwer sei.

Und das ist nun schon so oft gesagt worden, daß an dem Helm nichts mehr von Gustav Adolf übriggeblieben ist.

 

Einmal besuchte ich mit einer lieben schönen Frau den Waffensaal des Schlosses Ambras. Wir waren die einzigen da, und der freundliche österreichische Wärter ließ uns tun, was wir wollten.

Da habe ich ein großes Zweihandschwert von der Wand genommen und es über meinem Kopf geschwungen, zweimal, im Saal von Ambras. Es schnitt leicht und rein durch die Luft.

 

Hier in Madrid gibt es eine königliche Waffensammlung, die berühmte Armeria; und man kann sich denken, daß diese Sammlung es in sich haben muß, wenn man erwägt, wo alles das noble spanische Rittervolk sich herumgeschlagen hat. Vor Brüssel und bei Lepanto, in Peru, im Königreich Sachsen und auf der englischen See.

Spanische Kardinäle im Eisenrock zogen von Madrid aus mit ihrem Heer durch Frankreich und ganz Deutschland hinauf nach Flandern, und sie sengten alles nieder, diese Kardinäle.

Da sammelt's sich schon.

 

Hier haben wir die Rüstung des Königs Carlos I., den die Deutschen Kaiser Karl V. nennen. Kaiser Karl V. hat ebensoviel Rüstungen gehabt wie sein Nachfolger Wilhelm II. Generalstabshosen. Gar nicht zu zählen, wie viele.

Diese Rüstungen sind, wie üblich, auf hölzerne Pferde montiert, und schrecklich und schön zugleich ist die eiserne, wogende Front, die da anreitet. Pfauenfedern auf den Köpfen; die Pferde mit weit abstehenden Ballettröcken; und das herabgelassene Visier gibt dem Gesicht etwas Aquariumhaftes, etwas Wassertierisches, geradezu wie Frösche sehen einige aus.

 

Das hier ist die Rüstung, die der Kaiser in der Schlacht von Mühlberg trug, als er den Protestantismus vernichtete. Tizian hat ihn in diesem Panzer gemalt, wie er mit eingelegter Lanze im Getümmel herumreitet und Protestanten spießt.

Damals fochten die Kaiser in der Schlacht noch mit. Jetzt beschränken sie sich auf die geistige Oberleitung und auf das Auskneifen im gegebenen strategischen Moment.

 

Mit Stolz erfüllt es des Patrioten Brust, wenn er sieht, daß die Mehrzahl dieser schönen Waffen von deutschen Meistern gearbeitet ist, von den handfesten deutschen Meistern des handfesten sechzehnten Jahrhunderts. Kolmann und Pfeffenhauser in Augsburg, Wolf in Landshut. Sie arbeiteten die Waffen für den deutschen Kaiser und für den König von Frankreich, einerlei. Geradeso, wie jetzt im Krieg der kluge Kaufmann den Deutschen und den Franzosen Stiefel verkauft, einerlei; wo eben bezahlt wird.

Auch ein sehr großer Künstler ist darunter, der Phantast Burgkmair; er hämmerte dem Kaiser Carolus einen Turnierharnisch, geschweift, gezackt; und dieser Turnierharnisch ist schöner als die Sixtinische Madonna in Dresden.

 

Das Feldzelt König Franz' I., in dem er wohnte vor der Schlacht von Pavia; sehr breit, aber ganz niedrig, so daß man sich bücken mußte, und überall zog der Wind hinein.

Da hat der arme König drinnen gehockt, der Freund des Rabelais, zu seiner Schicksalsstunde. Und: mit ihm die Connétables, die Seneschalls, die Feldmarschälle und die schönen Feldkokotten; und sie sprachen alle zur gleichen Zeit durcheinander.

Pavia? Lieber Leser, gehen Sie, bitte, nicht an das Konversationslexikon, sondern sagen Sie jetzt gleich so gerade heraus: worum handelte es sich denn eigentlich bei Pavia, was war da los? Man müßte es doch wissen; es war eine der größten Schlachten der Geschichte.

Ich suche in meinem Gedächtnis zusammen. Die Schweizer müssen dabeigewesen sein; und der französische König wurde gefangengenommen und nach Madrid gebracht. Aber worum handelte es sich? Nebel. Nichts.

Wird man in ein paar Jahrhunderten nicht mehr wissen, worum es sich an der Marne handelte? Wahrscheinlich. Wissen wir es doch selbst kaum noch.

 

Die griechischen Philologen in Alexandria behaupteten, daß in den Gedichten Homers die ganze Welt mit ihrer Erklärung enthalten sei.

Das kann schon stimmen.

Im zwanzigsten oder einundzwanzigsten Gesang der Odyssee – ich zitiere aus dem Gedächtnis – gibt der Dichter eine Erklärung des Krieges, aller Kriege, auch des letzten großen Krieges, auch der Kriege, die noch kommen und noch größer sein werden.

Odysseus steht mit Telemach im leeren Festsaal, bevor die Freier kommen. An der Wand hängen die Waffen, die Schwerter, Schilde, Pfeile und leuchten im Fackellicht.

Da sagt Odysseus zu seinem Sohne: »Bringe die Waffen fort, damit es keinen Streit gibt. Denn das Eisen zieht den Mann an.«

Das Eisen zieht den Mann an.

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