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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 61
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der geheimnisvolle Gürtel

Wahrscheinlich bin ich der Mann, der in diesem Jahr das billigste Weihnachtsgeschenk gekauft hat. Das billigste Weihnachtsgeschenk war ein Damengürtel, der nur zwei Mark gekostet hat.

Das heißt: ich weiß gar nicht, ob es wirklich ein Damengürtel ist. Auch habe ich ihn schließlich niemandem zu Weihnachten geschenkt. Das einzig Sichere ist, daß ich zwei Mark dafür bezahlt habe.

Ich fand diesen Gürtel im Warenhaus in der Kurzwarenabteilung, also dort, wo Hosenträger und Strumpfbänder verkauft werden. Da lag auf dem Tisch eine Menge von Gegenständen, die aussahen wie Gürtel. Jeder einen Meter lang und handbreit, aus schwarzer und weißer Gaze, mit einem feinen Geglitzer bestreut, das mir für die festliche Weihnachtsstimmung ganz vorzüglich zu passen schien.

Über dem Tisch war eine Tafel mit der Preisbezeichnung 2.00 angebracht. Zwei Mark mußte natürlich Unsinn sein, der Punkt war zuviel, und es sollte zweihundert heißen. Aber als ich das Fräulein auf diesen Irrtum aufmerksam machte, sagte sie, es sei schon ganz richtig, die Sachen kosten zwei Mark.

Daraufhin habe ich mir einen dieser Gürtel gekauft. Erstens, weil das Gefühl, etwas für zwei Mark zu kaufen, zu meinem Gemütsleben sprach. Zweitens, weil vor meinen Augen das Bild einer üppigen Brünette auftauchte, die ich kenne und der dieser Gürtel vielleicht Freude machen könnte, vorausgesetzt, daß sie nie erfährt, was er gekostet hat.

An der Kasse dauerte es fünf Minuten, bis man mir auf einen Zehntausendmarkschein 9998 Mark herausgegeben hatte.

Aber nun ergab sich eine Schwierigkeit insofern, als niemand sagen konnte, was das nun eigentlich für ein Gegenstand sei. Ein Bekannter meinte, die Damen täten sich so etwas unten an den Mantel, damit er besser sitze. Andere glaubten, es sei eine Krageneinlage; oder etwas, was die Damen unter dem Pelz befestigen.

Die weibliche Garderobe ist ja so reich an verborgenen Geheimnissen.

Deshalb habe ich auch lieber darauf verzichtet, der üppigen Brünette meinen Gürtel zu schenken. Vielleicht ist es ein Büstenhalter, und sie faßt das dann als einen Annäherungsversuch auf.

Ich werde mir den Gürtel aufheben zur Erinnerung daran, daß es auch in dieser Weihnachtszeit möglich war, ein billiges und praktisches Geschenk zu kaufen.

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