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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 60
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Wie ich Sadist wurde

Dieser Tage erhielt ich eine Einladung zum Kostümball. Ein Verein sandte mir diese Einladung, und alle feinen Leute sagten, man müsse hingehen; da sei es immer sehr lustig und auch wirklich stilvoll.

Natürlich bin ich nicht hingegangen, denn ich gehöre nicht zu den feinen Leuten, sondern bin in der Gehirnbranche tätig, was ein zwar ehrenvolles, aber unrepräsentables Gewerbe ist.

Aber seitdem ich diese Einladung erhalten habe, beschäftigt mich der Gedanke: als was, das heißt in welcher Kostümierung würde man wohl jetzt auf einen solchen Maskenball zu gehen haben.

Da bieten sich mannigfaltige Anregungen.

Die Herren gehen vielleicht als Rabindranath Tagore mit dem langen Wackelbart; oder als Boxchampion in der Badehose; oder als Faschist im schwarzen Hemd, wozu mancher Kavalier sein Hemd nicht erst zu wechseln brauchte.

Die Damen als Lieblingsweib des Maharadscha oder einfach als Nackttänzerin.

Wie mir der Einfall gekommen ist, weiß ich nicht, aber ich glaube, ich selber würde als Fuhrmann Henschel hingegangen sein. In der ledernen Schürze und hohen Stiefeln und mit einer ganz langen Kutscherpeitsche in der Hand. Es wäre gewiß sehr originell gewesen und hätte auch noch als eine verspätete Huldigung zu Hauptmanns Geburtstag aufgefaßt werden können.

So hätte ich mich vor den Tischen aufgestellt, an denen die feinen Leute Champagner in Kristallbechern trinken und echten russischen Kaviar essen, denn deutschen Kaviar fressen nur Schweine. Und alle hätten sich sehr über mich gefreut und mir zugetrunken.

Und dann hätte ich mit der Peitsche geknallt. Und nun immer hineingepfeffert von oben nach unten und von rechts nach links. Ach, wie die Rabindranaths gehüpft wären und wie alle Lieblingsweiber gekreischt hätten.

In diesen Gedanken wälze ich mich jetzt Tag und Nacht und muß zu meiner Beunruhigung merken, daß ich ein sinnliches Vergnügen daran zu finden beginne.

So kann selbst ein keusches Gemüt sich vor der Ansteckung nicht bewahren in dieser fleckigen Zeit.

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