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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 58
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Soziale Krisen

An der Haltestelle der Untergrundbahn geschieht es, daß ein Mann ohne Kragen in den eleganten Wagen zweiter Klasse einsteigt. Er ist wahrscheinlich ein Anstreichergeselle, denn er trägt in der Hand einen großen Farbentopf, in dem ein Pinsel steckt. Den Farbentopf stellt er neben sich auf den Fußboden und setzt sich selbst in die schwellenden Kissen, als sei da weiter gar nichts dabei.

Sprachlos sehen die besseren Elemente der zweiten Wagenklasse diesen Mann an. Wie, so denkt jedes bessere Element bei sich, wie darf der Mensch denn hier herein? Ach, käme doch jetzt der Herr Billettkontrolleur und würfe ihn hinaus, das gäbe einmal einen Hauptspaß und etwas fürs Herz. Aber der Herr Billettkontrolleur kommt natürlich immer nur dann, wenn man ihn nicht braucht.

Der Billettkontrolleur kommt allerdings nicht, aber an der nächsten Haltestelle wird der Stationsvorsteher auf die Unordnung aufmerksam: er bemerkt durch die Scheiben, daß in der zweiten Klasse ein Mann ohne Kragen sitzt, was mit den Forderungen der öffentlichen Sicherheit nicht zu vereinen ist. Wie ein Falke schießt der Stationsvorsteher durch die Tür und stürzt sich auf den Mann. »Zeigen Sie mal Ihre Fahrkarte.«

Der Mann ohne Kragen weiß, daß der Zug nicht weiterfahren kann, solange der Stationsvorsteher drinnen ist. Deshalb beeilt er sich nicht und sucht langsam alle seine Taschen durch. »Ich finde mein Billett nicht mehr«, sagt er schließlich.

Nun liegt der Fall ja vollkommen klar. »Verlassen Sie sofort diesen Wagen«, schreit der Stationsvorsteher, »das Weitere wird sich finden.« Aufmerksam und mit leuchtenden Augen betrachten die Passagiere diesen Kampf. Wenn die gebildeten Römer im Amphitheater zusahen, wie der Märtyrer von einem Königstiger aufgezehrt wurde, hatten sie geradeso leuchtende Augen; denn die Ausdrucksformen des menschlichen Gemüts und der Seele haben sich seit damals nicht viel geändert.

Aber nun findet der Mann seine Fahrkarte, und es ist eine Fahrkarte zweiter Klasse, und die öffentliche Sicherheit ist blamiert, und der Zug muß weiterfahren mit dem Mann ohne Kragen in der zweiten Wagenklasse.

Die elegante Dame mit dem goldenen W. II als Brosche bekehrt sich zur Republik. »Das ist ja auch lächerlich«, sagt sie zu ihrem Gatten, der die Banknotenkurse liest, »ein Arbeiter ist ein ganz anständiger Mensch.«

»Meinetwegen kann er anständig sein«, antwortet der Gatte, »deshalb braucht er sich noch nicht zu uns zu setzen.«

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