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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 55
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Durchschnitt durch Potsdam

Der Stamm der Linde ist bis hoch hinauf von Efeu umwachsen. Dieser Efeu steht jetzt in Blüte, und die Bienen sind in ihm beschäftigt.

»Wir wollen einen Augenblick stille sein«, sagte ich zu der jungen Dame.

Wir sind einen Augenblick stille und horchen auf das Summen. Auf das unaufhörliche Summen der Bienen, von denen der Dichter Virgil sagt, daß man in ihrem Wesen die Atemzüge des Äthers vernehmen könne.

Das ist der Park von Potsdam, und der Oktober läßt seine Fahne über das Land wehen; die drei Farben dieser Fahne sind: das Blaßblau des Himmels, die Bronze des sterbenden Laubes und das Silber der Ferne.

Und an diesen Landesfarben kann kein Mensch etwas auszusetzen haben.

 

Bemerkenswerterweise hat der Park nichts dadurch verloren, daß er aufgehört hat, ein königlicher Park zu sein, und ein bürgerlicher Park geworden ist.

An dem Grabe der Akme bei Charlottenhof ist es noch geradeso still wie früher, und die schimmernden Paläste, die auf den Hügeln stehen, diese Gerüste der Majestät, sind noch schöner geworden, jetzt, wo sie ein Schicksal haben.

Auch stehen die alten Verbotstafeln noch in Kraft; es ist streng verboten, Zigarren zu rauchen, auf die Wiese zu gehen, Blumen abzupflücken. Ja, ein neues Verbot kam hinzu: es ist verboten, Automobil zu fahren; und dieses Verbot ist zu begrüßen, dieweil hier früher etwas zu viel geautot und getutet worden ist.

Zahlreiche alte Damen in Schwarz lustwandeln in den Bosketts.

Potsdam ist die Stadt der alten Damen in Schwarz. Sie wohnen in den verschollenen Häusern am Kietz, sind die Frauen von pensionierten Hofbeamten und haben Erinnerungen voller Glanz.

Nachmittags gehen sie in den Park, immer zu zweien, sitzen still auf der Bank und betrachten das Marmorbildwerk, das im Grünen steht.

Das Marmorbildwerk stellt den Raub der Sabinerinnen dar. Ein bärtiger Sabiner hebt die Rokokodame in die Höhe und hat die Absicht, ihr ein Leids zuzufügen.

Nun aber, auf dem schmalen Wege, kommt uns das Militärauto entgegengerast; gerade haben wir Zeit, zur Seite zu springen und uns zu retten.

»Haben Sie denn nicht gesehen?« ruft mir ein Herr zu. »Das war ja der Prinz Eitel Friedrich.«

Und der Herr, der mir das zuruft, ist ganz beglückt und beseligt.

So, so; der Prinz Eitel Friedrich fährt hier Automobil, wo es doch verboten ist, Automobil zu fahren! Schau einer an.

Da bin ich auf die Wiese hinausgegangen, habe mir dort vor aller Welt eine Zigarre angesteckt und einen Strauß Grasnelken gepflückt.

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