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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 52
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Von der Zukunft

Ein Gelehrter hat die Entdeckung gemacht, daß die Gletscher der Schweiz vorrücken; und ich bitte jedermann, sich klarzuwerden, was diese Entdeckung zu bedeuten hat.

Die Sache liegt so: In der Eiszeit war halb Europa zugedeckt. Damals reichten die Gletscher der skandinavischen Gebirge über die flache Ostsee hinweg bis weit nach Norddeutschland hinein; dort, wo jetzt der Potsdamer Platz liegt, wuchs Edelweiß; und an der Stelle der Tauentzienstraße hüpften die Gletscherflöhe in der Geisterstille.

Dann wurde es milder, das Eis zog sich zurück, und es begann nun jene glänzende Periode, die wir die Periode der Kultur nennen, also die Zeit, die erst das Eisen, dann das Schießpulver und schließlich die Giftgase in Gebrauch brachte.

Die Gletscher waren weit fort, oben auf den Bergen, und bildeten das Entzücken der Touristen. Manchmal ging einer dieser Gletscher für einige Jahre wieder etwas vor oder blieb stehen; aber im allgemeinen war der Rückzug stetig gewesen.

Jetzt rücken sie alle wieder vor. Der Umschwung ist im Jahre 1913 gekommen, und es war nicht etwa nur die durch lokale Witterung bedingte Zufälligkeit eines Tales. Nein, seit acht Jahren sind fast alle Gletscher der Alpen in Bewegung, sie kommen herab in die Ebene der Menschen.

Das Datum 1913 gibt zu denken. Ist in jenen Jahren etwas mit der Welt nicht in Ordnung gewesen? Ist unser System vielleicht in der Finsternis des Universums auf eine schwimmende Bank gestoßen; auf greuliche Chemikalien, die die Elemente verändern und die Gehirne der Menschen verwirren? Ich überlasse es allen Tröpfen, über diese meine Frage zu lächeln.

Auf jeden Fall steht fest, daß seit 1913 der Grindelwaldgletscher im Anmarsch ist, und zwar mit einer Geschwindigkeit von dreißig Zentimetern am Tage. Und man kann versichert sein, daß mit dem Grindelwaldgletscher nicht gut Kirschen essen ist.

Nun sind für unsere städtischen Verhältnisse dreißig Zentimeter täglich nicht viel, und selbst die Große Berliner Straßenbahn läßt ihre Wagen wenigstens etwas schneller laufen. Aber ein Gletscher hat ja keine Eile; ein Gletscher will ja nicht zur Börse; er macht täglich dreißig Zentimeter, aber die hat er hinter sich.

Und wenn er in demselben Tempo weitergeht, ist er in fünftausend Jahren in Luzern. Das kennt er noch von dem vorigen Ausflug, und voll Rührung sieht er seine eigenen Spuren im Gletschergarten wieder. Und nach ferneren fünftausend Jahren klopft er an die Tore Stuttgarts. Dort ist inzwischen das Museum für Geschmacklosigkeiten entstanden; das nimmt er sich so mit auf seinen stillen, silbernen Gang.

Um diese Zeit werden die letzten Kohlenvorräte der Welt erschöpft sein, und das Leben dürfte dann noch interessanter sein, als es heute ist. Die Menschen, die sich noch nicht abgeschlachtet haben, nähren sich von Kalkpastillen. Und ich sehe im Geist eine Miß Curie der Zukunft, wie sie nach Amerika fährt und wie ihr der Präsident der Vereinigten Staaten – der natürlich ein Neger ist – ein Gramm Butter überreicht, das sie zu Studienzwecken braucht.

Im Deutschen Theater zu Berlin spielt man den »Julius Cäsar« auf Schneeschuhen. Weil sich das Publikum Menschen ohne Schneeschuhe gar nicht vorstellen kann.

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