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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 51
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidc12e89c6
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Neue Blüte

Wir haben den Krieg verloren, und das war schlimm; jetzt gehen wir daran, unserem Unglück auch noch Denkmäler zu setzen; und dann dürfte das Leben anfangen, unerträglich zu werden.

Ein Ausschuß deutscher Männer hatte sich zusammengetan, um das Nächstliegende zu besprechen und in die Wege zu leiten. Das Nächstliegende ist nicht die Frage, wie man armen Kindern Brot und Hemden verschafft (etwa so, daß die Ausschußmitglieder sich verpflichten, fürderhin kein Pilsener Bier mehr zu trinken und das Ersparte zusammenzutun), nein, das Dringendste und Wichtigste ist, ein Denkmal den verlorenen Ländern und Städten zu setzen.

Also ungefähr so wie das Pariser Straßburgdenkmal, dem die Franzosen fünfzig Jahre lang geschmacklose Immortellenkränze und falsche Blumen gebracht haben. Denn der Gedanke solchen Denkmals wäre nicht einmal deutsch, er wäre nach dem Pariser Muster von der Place de la Concorde gearbeitet.

Nur mit einem Unterschied: das Pradiersche Denkmal in Paris stand bereits seit einem Jahrhundert, als Straßburg den Franzosen verlorenging; nie wären sie auf den Einfall gekommen, einer Stadt ein Trauerdenkmal zu setzen, an deren Wiedergewinn sie allesamt insgeheim geglaubt haben. Wir gedachten jetzt, eben diesem Straßburg und Posen und Bromberg klagende Bronzefiguren zu errichten, auf granitenem Sockel, gerade als ob wir der ganzen Welt kundtun wollten, daß wir den Verlust für unwiderruflich ansehen.

Glücklicherweise hat die Regierung abgewinkt, und der Plan ist zurückgestellt worden.

Aber damit ist die Gefahr nicht beseitigt. Überall im Lande draußen bilden und regen sich die Ausschüsse, man sucht schon die Plätze aus und hat Entwürfe; eine neue Blüte von Genien und Viktorien und Löwen verspricht zu entstehen, diesmal nicht als Siegesdenkmäler gedacht, sondern als Erinnerungsmal für die Gefallenen, was dasselbe ist.

Wir errichten Denkmäler, wenn wir gesiegt haben, wir errichten Denkmäler, wenn wir verloren haben; und der verzagende Zweifler fragt sich, welches denn die Lage des Lebens ist, die sauber bleibt und der wir nun einmal gar keine Denkmäler errichten.

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