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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 50
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Geist und Stoff

Es scheint, daß von jetzt ab die Kandidaten für den Staatsdienst außer ihrem Fachexamen auch noch eine Turnprüfung durchmachen müssen. Wenigstens stand dieser Tage eine solche Nachricht im Blatt, die, wenn ich das Ding richtig verstanden habe, doch darauf auslief, daß man jetzt, um Beamter oder Lehrer zu werden, auch im Dauerlauf und Weitsprung tüchtig sein müsse.

Unter diesen Umständen wollen wir uns nur freuen, daß die deutschen Schriftsteller Kant und Schiller bereits verstorben sind, denn sie hätten wegen ungenügender gymnastischer Ausbildung ihre Professur nie erhalten. Auch Friedrich der Große wäre nicht zum Staatsdienst zugelassen worden, denn er war engbrüstig und seine Leistungen im Weitsprung dürften höchst kläglich gewesen sein.

Dieser Monarch hat durch seinen Geist, nicht durch den Bizeps den Staat geschaffen; an der Spitze von Söldnerheeren durch sein Ingenium allein. In einer Zeit, die alles Geistige zurückzudrängen sich bestrebt, muß daran erinnert werden.

Ich bin jetzt durch einige Gegenden Mitteldeutschlands gereist und habe zu meinem Erstaunen bemerkt, daß alle Bahnlinien von Schulkindern wahrhaft überlaufen sind. Zu Tausenden und aber Tausenden stürmen Mädchen und Knaben jeden Bahnhof, ganze Schulen gehen auf tagelange Fahrten. Und wir haben jetzt keine Ferienzeit.

Es ist nicht leicht, so angenehme erzieherische Methoden öffentlich zu tadeln, und es grenzt an Verwegenheit, sich gegen den allmächtigen Sport aufzulehnen. Aber warum soll das Verwegene nicht einmal gewagt werden? Ich habe einen guten Zeugen für mich, den fortschrittlichsten der neueren Denker, Herbert Spencer, der die wachsende Verrohung durch die englische Sportleidenschaft erklärte. Und zu seiner Zeit war diese Leidenschaft erst im Beginnen.

Daß der Sport – der übertriebene – den Geist nicht veredelt, darüber sind wir uns alle einig. Daß er den Körper auch nicht veredelt, zeigt ein Blick auf die Bilder von Fußballriegen oder Wettschwimmerinnen in der illustrierten Sportzeitung. Und ich zweifle drittens noch sehr, ob die Dauerläufer gesünder sind und länger leben als wir Bürger mit unseren Gummischuhen.

Und ganz klar sollten wir uns sein, daß jede Stunde, die dem geistigen Dienst entzogen wird, jetzt eine Schwächung unserer Stellung bedeutet. Denn das Verlorene werden wir nicht durch die Muskeln, sondern durch den Creator Spiritus wiedergewinnen, den auch die anderen anerkennen müssen, sie mögen wollen oder nicht.

Der einzige Deutsche, der jetzt die feindliche Welt zum Respekt gezwungen hat, ist der Professor A. Einstein. Und der sieht auch nicht so aus, als ob er als junger Mensch Hervorragendes in der Bauchwelle geleistet hat.

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