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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 49
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die an der Straße sitzen

Unter den Bürgern der Stadt herrscht ein Streit darüber, ob man den Bettlern, die so am Rand der Straße sitzen, Geld geben darf. Also den einbeinigen Soldaten und denen, die sich immerfort schütteln, ob man ihnen etwas Geld in die Mütze werfen solle oder nicht.

Leute, die sich auf die Volkswirtschaft und überhaupt auf die Statistik verstehen, sagen: nein, man soll nicht. Denn erstens sei festgestellt, daß mancher dieser Bettler eine Tageseinnahme von zweihundert Mark habe; und dann dürfe man im allgemeinen niemals Almosen schenken, weil das Almosen ja eine Erniedrigung und Beleidigung für den sei, der es empfange.

Diese Gründe sind so überzeugend, daß ich beschlossen habe, den Bettlern fürderhin täglich etwas zu geben.

 

Oh; nicht allen; denn sonst säße ich ja selbst bald an der Mauer, und es wäre nur einer mehr. Aber jeden Tag zweien oder dreien und immer denen, die am unauffälligsten sind, die ihren Beruf ungeschickt ausüben und die vernachlässigt scheinen.

Denn ich meine, daß für einen jungen Mann, der unverschuldet ein Bein verloren hat, eine Tageseinnahme von zweihundert Mark noch viel zuwenig ist. Und wenn er täglich fünftausend Mark bekäme, wir würden ihn mit allen diesen unseren Gaben doch nicht zu einem glücklichen Menschen machen können.

Herr Ludendorff zum Beispiel, der ebenfalls im Kriege war, hat sicher mindestens zweihundert Mark täglich. Und dabei erfreut er sich noch seiner beiden Beine und einer beneidenswerten Beweglichkeit, die es ihm erlaubt, kleine Erholungsreisen ins Ausland anzutreten; nach Schweden oder nach Holland, wie es ihm nun paßt, und je nachdem.

 

Jeden Abend, wenn ich vom Schoppen zu meiner stillen Arbeitsstätte heimwärts gehe, steht dort an der Straße und immer am selben Ort ein alter Mann und bläst die Flöte. Er ist klein, hat kurzgeschorenes weißes Haar, trägt eine blaue Brille und bläst auf einer kindischen Flöte sein Bettellied.

Warum gebe ich diesem Manne jeden Abend etwas?

Ich werde mir erlauben, den Grund mitzuteilen: ich gebe ihm, ganz einfach, weil mir das Flötenspiel und die blaue Brille und dieses graue Haar und all das durch Mark und Bein gehen. Deshalb. Das ist die ganze Nationalökonomie und Statistik davon.

Geister, die klüger sind als ich, werden hierzu bemerken: Unsinn, es ist ja alles Komödie, der Mann ist kerngesund. Mag sein. Aber wenn er wirklich nur Komödie spielt, dann ist er ein größerer Schauspieler als Mitterwurzer und dazu ein Oberregisseur ersten Grades. Denn wie das alles aufgemacht ist, dieses bescheidene Dastehen, diese kümmerliche dunkle Silhouette kubistisch gegen die weiße Wand, das wäre, wenn es Kunst ist, ein Meisterwerk, fabelhaft. Ich habe den ganzen Ibsen-Zyklus bei Brahm gesehen, von Anfang bis zu Ende; der Ibsen-Zyklus hat auf mich bei weitem nicht den Eindruck gemacht wie jetzt dieser abendliche Flötengreis an seiner Mauer.

In diesem Falle ist also meine Gabe kein Almosen, sondern ein Beitrag zu seiner Gage; und ein viel zu geringer.

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