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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 47
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ohne Fassade

In Berlin wird man jetzt Paläste ohne Fassade errichten. Und das wird eine angenehme Abwechslung sein gegen die bisher beliebten Bauten, die mehr Fassade hatten als Inneres; mehr Schmuck als Seele.

Die Museen nämlich auf der Spreeinsel sollen fertiggemacht und ihrem Gebrauch übergeben werden. Da aber nicht genug Geld vorhanden ist, wird man nur den Kern ausbauen und auf die Säulengänge und den geschliffenen Granit und die Giebelfiguren vorläufig verzichten.

Mit kahlem Äußeren, aber reich an innerem Gegenstand werden diese nützlichen Institute auf ihrer Insel sich erheben.

Wer in Italien war, hat fassadenlose Gebäude gesehen und erinnert sich ihrer mit Heimweh. Santa Maria Novella, die Schlanke, in Florenz und Santo Spirito, die Träumende, in derselben Stadt, aber auf dem anderen Ufer des Arno gelegen. Von außen ist's eine nüchterne, fast häßliche Ziegelwand, aber im Innern glüht das Mirakel, da beugen sich die Altäre unter der Last unerhörten Gebildes.

Solche halbfertige Bauten erzählen von einem plötzlichen Wechsel des Schicksals und von den Spasmen der Geschichte.

Ein reiches und unbescheidenes Geschlecht hat den Bau des Tempels beschlossen und begonnen; und so groß soll er werden, und mit dem kostbarsten sienesischen Marmor soll er ausgelegt sein, alles teurer und sichtbarer als bei den Nachbarn. Dann kommen Krieg und Aufruhr, jahrelang, die Mäzene verschwinden mutig, und wenn die Enkel sich des unterbrochenen Werkes, spät, wieder erinnern, begnügen sie sich, das Wichtigste unter ein notdürftiges Dach zu bringen.

In Venedig am Canale Grande stehen die Grundmauern eines Palastes, der nicht weitergebaut worden ist, weil etwas dazwischenkam; nach Jahrhunderten hat man die Arbeit wiederaufgenommen in einem anderen Stil, und abermals ist es aufgegeben worden, weil wieder die Geschichte sich einmischte. Und nun liegt alles in der Stille des Mittags da, wie Gott es wollte, und der Fremde liest im Reisebuch den Namen eines Geschlechtes, den er in einer halben Minute vergessen haben wird.

Jetzt zieht die Not der Zeit Furchen auch in das Antlitz unserer Stadt, das endlich anfängt, liebenswert zu werden.

Die Bauten auf der Insel, die ein glücklicheres Geschlecht in Säulenpracht plante und die wir in Backsteinwänden lassen müssen, sie werden den Späteren die Geschichte unserer Tage anschaulicher erzählen, als ein Kriegerdenkmal mit vier allegorischen Gruppen vermocht hätte.

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