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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 46
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Das Mädchen und die Kanone

Es wird Geld für neue Kanonen gesammelt, und zu diesem Zweck hat man einen Kanonentag veranstaltet.

Weiße kleine Mädchen stehen an den Straßenecken der Stadt, auch am Bahnhof und sozusagen überall und verkaufen Fähnchen, die sie in einem Kasten bei sich tragen. Das Geld, das man ihnen dafür gibt, wird in eine Blechbüchse getan, und diese Büchse ist verschlossen und versiegelt, damit das Geld auch wirklich jenen Kanonen zugute komme. Damit es nicht gewissermaßen auf Abwege gerate.

Es ist vollständig unmöglich, den weißen kleinen Mädchen zu entgehen; sie laufen allen Leuten nach und sind keck und kennen kein Erbarmen. Jeder muß heran. Schon trägt die ganze Stadt Fähnchen, sei es am Rockkragen, sei es auf dem Hute, und der Weizen der Kanonen blüht offenbar.

Ein zwölfjähriger Seraph spricht mich an und hält mich ohne weitere Umstände am Knopf fest. Sie hat eine rote Schleife im dunkelbraunen Haar und merkwürdige große Silberringe in den Ohren. Eine Keltin mit lateinischem Einschlag, vermutlich. Und während ich sprachlos dastehe und die Erscheinung anstarre, steckt sie mir ein buntes Fähnchen an die Weste über das schlagende Herz.

Und so bezaubert bin ich von dem Abenteuer, daß ich beschließe, ihr kurzerhand ein ganzes Zweifrankenstück für ihr Fähnchen zu geben. Ich ziehe also dieses Silberstück aus dem Portemonnaie und schicke mich an, es in besagte Büchse zu werfen ..., aber mit schmeichelnder kleiner Hand nimmt sie mir das Geldstück weg und legt es unter die Büchse in den Kasten.

Ein furchtbarer Verdacht steigt in mir auf, und ich sehe sie strenge an. Sie sieht mich auch an; sie versteht, daß ich's gemerkt habe, und lacht. Da bleibt mir dann nichts anderes übrig, als auch meinerseits zu lachen, und so gehen wir auseinander.

Der zwölfjährige Seraph und ich, wir sind jetzt Spießgesellen. Wir haben gemeinsam den Staat und die menschliche Gesellschaft um zwei Franken in Silber betrogen. Für diese zwei Franken hätte das Kriegsministerium ein paar Nägel für die Feldhaubitze anschaffen können oder gar eine Eisenschraube an die Lafette. Jetzt wird sich damit ein zwölfjähriges Mädchen rosa Band für seine Schuhe kaufen.

Nie habe ich es so wie jetzt gefühlt, wie angenehm es ist, den Staat um zwei Franken zu betrügen.

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