Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Victor Auburtin >

Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 42
Quellenangabe
pfad/aubertin/feuillet/feuillet.xml
typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110428
projectidc12e89c6
Schließen

Navigation:

Die Gedanken der vier Tage

Morsiglia (Korsika), 21. Dez. 1915

Morgens in der Taufrühe sitze ich am Hügelabhang und sehe auf das erwachende Meer da unten, durch die Olivenbäume hindurch, die regungslos stehen. Dicht vor mir ist ein dünner Draht von einem Baum zum anderen gezogen, und an diesem Draht hängen, vom nächtlichen Regen her, neun Wassertropfen; in ganz regelmäßigen Abständen neun glasklare, sternhelle Wasserkugeln.

Lange sehe ich diese Tropfen an und weiß nicht, warum sie mich so geheimnisvoll erregen. Da dämmert ferne und anfangend in mir die Erinnerung auf, daß ich in dieser Nacht von Glaskugeln geträumt haben muß, von einer Kettenreihe kleiner Glaskugeln, die genauso waren wie diese Wassertropfen hier. Oder war es in einer früheren Nacht, daß ich diesen Traum hatte? Man weiß das nie genau. Vielleicht habe ich so etwas in der Kindheit einmal geträumt, und es schummert jetzt ungewiß herauf aus alter Tiefe. Vielleicht auch war es in einer früheren Existenz meines Ichs, daß ich so etwas wirklich erlebte, und ich habe unter Salomo, dem König, an dem Sandufer des östlichen Flusses mit Glaskugeln gespielt, die diesen neun Tropfen hier ähnlich waren.

Ich bedenke die Träume, die man als Gefangener hat. Sie sind bedeutend und eindringlich und ganz anders als die Träume der Menschen in der Freiheit. Oft träume ich – und meine Mitgefangenen ebenso – von den toten Freunden und Verwandten, an die ich jahrelang nicht mehr gedacht habe; sie erscheinen mir freundlich, sehen mich gütig an, und ich wohne mit ihnen in engen, traulich erhellten Zimmern.

Seitdem mein Vater während meiner Gefangenschaft gestorben ist, träume ich stets von ihm, und sein besorgter Geist kommt zu mir durch die öde Sturmnacht des entlegenen Meeres. Neben diesen düsteren Totenträumen sind Phantasmen von leuchtender Helligkeit: weiße Pferde, sattellose, galoppieren marmorgepflasterte Straßen entlang; ein unermeßlich breiter Strom fließt spiegelnd; ich sitze im strahlendhellen Theater in der Tiefe einer Loge und sehe ein Gewühl wunderbarer Frauen, die schwere Perlenketten um die Schultern tragen.

Während ich so sitze und all dieses Ungreifbare bedenke, schlägt oben im Berge die Turmglocke des Städtchens Centuri neun Uhr. Neun helle Töne perlenklar und perlengleich, die genauso sind wie die neun Wassertropfen vor mir und wie die Glaskugeln des Traumes. Nur daß sie nicht nebeneinander stehen im Raume, sondern nacheinander leuchtend heraufziehen aus jenem unermeßlichen Geheimnis, das wir Zeit nennen.

Und ganz klar verstehe ich in dieser Inselmorgenstunde, was die modernen Philosophen lehren, daß die Zeit eine andere Dimension ist, ein aus querer Tiefe her strömender Raum, die vierte Dimension. Und ich fühle, daß Traum und nächtliches Totenkommen nur andere Erscheinungsformen der unzählbaren Wirklichkeit sind.

22. Dezember

Für unsere kleine Gefängnisbibliothek ist gerade jetzt zu Weihnachten ein Stoß neuer Bücher angekommen. Meistens die sogenannten Klassiker in Reclamheften oder in Schulausgaben, die mit zahlreichen nützlichen Anmerkungen dem Leser den Sinn der schwierigen und seltenen Worte erklären. So wird in einer Faustausgabe, die ich hier in der Hand hatte, ausführlich erläutert, was unter dem geheimnisvollen Worte Ragout zu verstehen ist. Woraus man schließen kann, daß Goethe manchmal sonderbare Leser hat.

Es muß gesagt werden, daß die Kameraden mit dieser Lektüre nicht recht zufrieden sind und die Romane des Verlages X. vorziehen, die ihnen eine substantiellere Kost bieten. Während ich vor der Bibliothek stehe und in den Heften blättere, kommt mein Freund, der Schlächtergeselle P., und bringt den »Tasso« in einem Reclamband zurück. Ein anderer nimmt ihm das Heft aus der Hand und fragt: »Wie ist denn das?« Müller antwortet: »Das ist Mist; aber wie soll einer auch etwas Anständiges für fünfundzwanzig Pfennige schreiben!«

Offengestanden, habe auch ich zuerst kein übermäßiges Verlangen, hier in dieser Not und in diesem Zwang weimarische Jamben zu lesen. Sind diese Werke nicht zu weich und humanistisch für unsere furchtbare Zeit? Gewiß, auch sie entstanden inmitten einer militärischen Katastrophe, die der heutigen an Gewalt gleichkam; aber damals war die Literatur zur Anteilnahme an den vaterländischen Vorgängen noch nicht so verpflichtet wie heutzutage. Schiller glaubte, wer weiß wie, dem martialischen und abenteuerlichen Geist des Zeitalters entgegenzutreten, als er zwischen Marengo und Trafalgar die Trilogie des Wallensteiners schrieb. Und in dem Jahre, da der Geschützdonner von Waterloo die Weltgeschichte bestimmte, flüchtete Goethe in die Patriarchenluft des mehr östlichen als westlichen Diwan. Das wäre heute unmöglich, und ein Dichter, der zwischen Somme- und Marne-Schlachten einen Renaissanceroman herausgegeben hätte – Held: Cesare Borgia –, wäre auf die nicht unberechtigte Mißbilligung des Publikums gestoßen.

Mit solchen Zweifeln nehme ich immerhin den Reclam-Tasso, gehe damit in meine Felseinsamkeit und fange an zu lesen. Nach den ersten Versen merke ich, daß mir die Augen schwimmen, und da fallen Tränen auf das Buch. Und mit stärkster Erregung lese ich diesen Akt zu Ende, von Alfonsos Güte, von Leonorens lorbeerherber Sprödigkeit und von Tassos unter Höflichkeiten spielendem Dämon.

Was ist dieses Gefühl, das mich so sonderbar erregt? Es ist das Heimweh nach Säulengängen, Heimweh nach der Kunst, nach stillen Bildergalerien, wo Porträts in schweren, goldenen Rahmen hängen. Die Porträts können schlecht sein, aber alt müssen sie sein und schwarz, mit holländischen Halskrausen, und die Rahmen dick und golden. Und all das quillt auf, was ich entbehrt habe in dieser scheußlichen Zeit, in dieser Strohmatratzenmisere. Heimweh nach dem Theater mit geschminkten Operndiven, die falsche Glitzerdiamanten tragen; das Rauschen des Orchesters, die Marschallgebärde des Kapellmeisters, Logen voll halbnackter Jüdinnen. Heimweh nach dem Wohlstand dieser Welt, den die Herren Offiziere uns zerstört haben für Jahrzehnte: Diners auf blauweißer Leinwand, gewärmte Teller und Rotwein in Kristallkaraffen. Ich sitze hier am Mittelländischen Meer, das da liegt wie eine Saphirfläche, mit Silberflocken überstreut, die Palme fächelt im Tale ... und ich sehne mich nach einem Parkettplatz im Deutschen Theater, Berlin NW, Schumannstraße.

Nein, ihr hattet zehnmal recht, ihr Himmlischen, damals, daß ihr während des blöden Geknatters blücherischer Schlachten unbeirrt eure Verse schriebt von Alexis und Dora und von den Kranichen des guten Ibykus; denn, wenn während der zweiundzwanzig Jahre napoleonischer Feldzüge in Deutschland nichts anderes Literarisches herausgekommen wäre als die patriotischen Klapphornverse Arndts und Körners, so wäre es das Ende der deutschen Zivilisation gewesen.

23. Dezember

Interessant gewissermaßen dürfte es sein, einmal festzustellen, was Männer, die zwei Jahre gefangensitzen, am meisten entbehren, nach welchen Vorgängen und Gegenständen der Freiheit sie sich am stärksten sehnen.

Was beispielsweise die Frauen anbetrifft, so muß gesagt werden, daß wir diese Spezies eigentlich nur noch vom Hörensagen kennen. In allen diesen Jahren habe ich vielleicht fünfzehn anständig gekleidete Frauen gesehen und die nur aus der Ferne; soviel man eben durch das Gitterfenster des grünen Wagens sehen kann oder aus dem Viehwagen heraus, in dem wir, sechzig Mann gedrängt, durch die zweifelhaften Gefilde der Insel Korsika gefahren worden sind.

Da sah man etwa auf dem Bahnhof eine Dame stehen, die einen tonnenförmigen Unterrock und hohe Reitstiefel trug, auch einen Backenbart hatte; und mit Interesse nahmen wir von der neuen Mode Kenntnis.

Die Meinungen über das Phänomen waren geteilt; einige unter uns, die jüngeren, stellten mit Erbitterung fest, daß diese erfreuliche Mode natürlich gerade in dem Augenblicke aufkommen mußte, als man uns für mehrere Jahre ins Loch steckte; die strenger Denkenden dagegen kamen zu dem Schluß: wenn es noch eines Beweises bedurfte, daß die Frau nicht fähig ist, den politischen Geist einer Zeit zu verstehen, so haben die Damen diesen Beweis jetzt erbracht, als sie inmitten des gräßlichsten Unglücks der Welt diese scherzhafte Tracht annahmen. Die Männer hungern in den Gräben und krümmen sich auf den Betten der Krankenhäuser, und zu Hause laufen die Fräulein einher: aufgeputzt wie der Affe, der vor dem Leierkasten des Italieners tanzt.

Gesprochen habe ich in all dieser Zeit mit keiner Frau, doch habe ich einmal mit einer eine Art von Beziehung gehabt, die allerdings nur sehr flüchtiger Art war. Nämlich als wir, ungefähr zwanzig Gefangene, durch die Straßen der Stadt M. geführt wurden und es gerade Sonntagvormittag war, wo die Leute aus der Kirche kommen, da war eine bildschöne junge Dame, so ungefähr siebzehn Jahre alt; die trat an unseren Zug heran, fixierte mich scharf und spuckte mir dann mit aller Gewalt mitten ins Gesicht. Offenbar hatte ich, weil ich der älteste war, ihre besondere Teilnahme erweckt. Und darauf ging sie befriedigt von dannen, ihr Gebetbuch mit Goldschnitt in der Rechten.

Das war in allen diesen Kriegsjahren das einzige Mal, daß ich mit einer wirklich feinen Dame von guter Erziehung zu tun hatte, und ich muß sagen, es ist mir das eine der freundlichsten Erinnerungen aus der schweren Zeit geblieben.

Was wir hier an Weiblichem sehen, das sind gleichgültige alte Bauernweiber, die manchmal Fische vom Meere heraufbringen; sie regen uns nicht sonderlich auf, und wir fangen an, in dieser Sache abzustumpfen.

Von Frauen wird fast gar nicht gesprochen, wohl aber von westfälischem Schinken, dessen Vorzüge wir uns in stundenlang schmatzenden Gesprächen gegenseitig schildern. Und sollte ich eine Skala der Bedürfnisstärken aufstellen, so würde ich sagen: der K... ist angenehm, doch läßt sich ohne ihn auskommen; wichtiger ist das Schweinefleisch, noch wichtiger ein Glas Branntwein, am unentbehrlichsten aber von allem der Rauchtabak.

In Besançon im Militärgefängnis saß ich eine Zeitlang mit ungefähr zwölf französischen Apachen zusammen, Zuhältern aus den Pariser Vororten Belleville und Montrouge; übrigens alles reizende Menschen, kameradschaftlich und von den besten Umgangsformen. Eines Abends lagen wir im Bett, jeder seine brennende Pfeife im Munde; dreimal schon hatten wir das Lied »Sous les ponts de Paris« gesungen, und die Unterhaltung stockte. Da schlug ich eine Abstimmung oder sozusagen Rundfrage vor.

»Wenn ihr«, so sagte ich, »jetzt die Wahl hättet, entweder die schönste Frau Frankreichs nackt zu euch ins Bett oder eine getrüffelte Pute, was würdet ihr euch herwünschen?«

Einstimmig wurde die Pute gewählt.

24. Dezember

Heute Heiliger Abend; der zweite im Kriege, also jetzt das ganze runde Kalenderjahr 1915 in Gefangenschaft versessen und verloren.

Aber was heißt denn das: ich habe meine Zeit verloren, ich habe dieses Jahr verloren, weil ich es in Gefangenschaft verbringen mußte? Hier sitze ich auf einem Felsen verwitterter Grauwacke, gegen das Meer zu; winterliche Schwalben kreuzen über mir, und ihr feines Gezwitscher hallt wider in der Steinöde. Und frei schaltet der Geist mit den großen Vorfällen der Zeit und sitzt zu Gericht über Wilhelm II. und den Zaren Nikolaus.

Wäre ich jetzt in der angeblichen Freiheit und in meinem Beruf, so hinge ich zu dieser Stunde zappelnd am Telefon und schriee auf das Fräulein ein, weil sie mir die Nummer »Zentral 24112« nicht gegeben hat.

Ich halte den Tag nicht für verloren, an dem es mir gelungen ist, eine strenge Schachpartie nach den Regeln des Cunningham zu spielen (auch wenn ich sie verliere, was gewöhnlich ist), oder an dem ich eine griechische Seite des Plato las oder einen merkwürdigen Vorgang in der Natur beobachtete.

So fand ich heute morgen auf den taubedeckten Blättern eines Strauches jenes sonderbare Insekt, das man Gottesanbeterin nennt. Ein großes fabelhaftes Heuschreckenwesen mit langem Hals und glotzäugigem Gelehrtenkopf, den es rechts und links dreht, um sich die Gegend zu besehen. Und als ich es mit einem Halme reizte, fuhr er zischend auf und setzte sich in Kampfstellung mit den Scheren hoch erhoben, als hielte es zwei kurze Schwerter vor das Gesicht. Die Beobachtung eines solchen Wesens gibt, so meine ich, einem ganzen Tage Wert und Zweck.

Montaigne: »Nous disons: je n'ay rien fait aujourd'hui. Quoy, n'avez-vous pas vécu? C'est pas seulement la fondamentale, mais la plus illustre de vos occupations. Avez vous su prendre du repos? Vous avez plus fait que celuy qui a pris des empires et des villes.«

 << Kapitel 41  Kapitel 43 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.