Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Victor Auburtin >

Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 41
Quellenangabe
pfad/aubertin/feuillet/feuillet.xml
typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110428
projectidc12e89c6
Schließen

Navigation:

Interview mit Ithuriel

Mein Freund, der Engel Ithuriel, besuchte mich gestern vormittag in meiner Zelle. Denn er ist einer der wenigen Freunde, die mir in der Gefangenschaft treu geblieben sind.

Als ich noch frei war, damals im Frieden, kam er so ungefähr jede Woche einmal, und zwar liebte er gewisse Gelegenheiten und Stimmungen. Winterabends so um vier Uhr, wenn ich am Kamin saß, und das Licht noch nicht angezündet war; dann saß er mir plötzlich gegenüber im Samtsessel und sprach mit mir von den Dingen, auf die es ankommt. Auch in der Sonntagvormittagstille oft in meinem Arbeitszimmer, wenn die fernen Kirchenglocken summen, und die Sonne die Bücherreihen der Bibliothek vergoldet.

Am liebsten aber kam er, wenn ich nachts im Café Hohenzollern saß und beim zehnten oder zwölften Glase Kognak war. Er trug dann stets einen eleganten englischen Sportanzug, setzte sich zu mir und war sehr gesprächig. Der Oberkellner, der mich immer mit diesem jungen Manne zusammensitzen sah, hielt uns für zwei Homosexuelle und behandelte uns deshalb mit größter Höflichkeit.

Jetzt also in der Gefangenschaft hat der Engel Ithuriel mich nicht vergessen und besuchte mich gestern. Es war Sonntagvormittag, das ganze Depot kirchenstill mit fernen Gesängen, und ich saß in meiner Zelle allein bei einer Flasche Rum, die ich von einem korsischen Schmuggler gekauft hatte. Als ich beim zehnten Glase war, hörte ich noch gerade, wie die Kirchenglocken der Bergdörfer zu läuten begannen, und da stammelte ich: »Sternengefährte, das wäre eine Stunde für dich; komm, hebe deinen silbernen Finger und sprich deine Lehre, die schön und gut ist wie Musik.« Und schon saß er vor mir, still und klar wie immer.

Ich fing zuerst an zu reden, denn ich hatte eine Frage auf dem Herzen.

»Sage mir«, so begann ich, »wie denkt ihr da drüben über alle diese Dinge? Meint ihr nicht auch, daß dieses eine gewaltige Zeit ist, die gewaltigste der Geschichte? Noch in Jahrtausenden werden die Bewohner der Erde auf uns zurücksehen mit Bewunderung und Mitleid wie wir auf die Zeitgenossen der Befreiungskriege, aber was ist Waterloo gegen uns? Ja, es fängt wohl eine neue Welt an mit neuen Völkern und anderen Gebräuchen, und alles, was die Zukunft bringt, wird beeinflußt sein von unserem Schicksal und von unseren Gedanken?!«

»Weißt du«, sagte Ithuriel lächelnd, »daß ich vor einer Viertelstunde an dem Planeten Saturn vorbeigekommen bin?«

»Mag sein«, antwortete ich und fuhr unbeirrt fort: »Beachte aber auch dieses: wie wir die Zukunft beherrschen, so wirken wir auch auf die Vergangenheit zurück. Die ganze Welthistorie wird neu geschrieben werden müssen, denn erst jetzt wird ja klar, auf welche Untat die Begebenheiten der Geschichte hinstrebten. Man kann ja auch ein Theaterdrama nicht verstehen, wenn man die Katastrophe des letzten Aktes nicht kennt. Cäsar hat Gallien römisch gemacht; schön; erst jetzt, da wir wissen, wohin das führte, erkennen wir, ob sein Handeln weise war oder wahnsinnig. So stehen wir merkwürdig an der Wende der Epochen, das größte und bedeutendste Geschlecht der Geschichte.«

Der Engel lächelte wieder und hielt mir ein Buch hin, das ich bis jetzt in seiner Hand nicht bemerkt hatte.

»Öffne und lies«, sagte er.

Ich öffnete das Buch und bemerkte, daß es in einer fremden Schrift gedruckt war, die ich aber doch zu verstehen glaubte. »Was ist das?« fragte ich.

»Das ist ein Abriß der Kulturgeschichte, der im Jahre 32 897 n.Chr. in Peking geschrieben werden wird. Lies getrost die Stelle, die du gerade aufgeschlagen hast.«

Und ich las: »Die erste Hälfte des, nach der sogenannten christlichen Zeitrechnung, zwanzigsten Jahrhunderts, also die Jahre von 1900 bis 1950, ist sehr leer und ereignislos verlaufen. Aber einen unvergänglichen Glanz wirft auf jene ferne Epoche die Persönlichkeit Gustav Müllers, der noch jetzt nach einer so langen Zeit von allen Gebildeten als einer der edelsten Dichter aller Jahrhunderte verehrt wird. Gustav Müller ist ungefähr im Jahre 1890 in Europa, und zwar in unserer heutigen Provinz Unter-Pei-Po-Pan geboren worden, die damals Deutschland hieß und von dem Stamm der Germans bewohnt wurde. Dort kam er in dem kleinen Flecken Leipzig zur Welt, dessen Ruinen vor einiger Zeit entdeckt worden sind. Über das Leben des großen Dichters wissen wir so gut wie gar nichts. Nach einigen Berichten soll er von Beruf Postassistent gewesen sein, doch sind sich die Sprachforscher nicht darüber einig, was unter diesem dunklen Wort zu verstehen ist.

Das einzige zeitgenössische Dokument, das von der Persönlichkeit Gustav Müllers spricht, wird jetzt als ein kostbarer Schatz in der Kaiserlichen Bibliothek von Peking aufbewahrt.

Es ist der Bericht eines Gerichtsvollziehers und lautet: ›Pfändung bei dem p. Müller ergebnislos verlaufen, da derselbe außer seiner Kleidung nur einen einbeinigen Kanarienvogel besitzt, dessen Pfandwert als unerheblich angesehen werden mußte. Gez. Brendecke, Gerichtsvollzieher.‹ Aus alledem ist zu schließen, daß die Zeitgenossen Gustav Müller, den Weltdichter, nicht gewürdigt, ja, daß sie ihn kaum gekannt haben. Er starb jung, im Jahre 1917, und zwar scheint er bei einer der Streitigkeiten umgekommen zu sein, die zwischen dem Stamme der Germans und ihren Nachbarn, den Frenchmen (jetzt unsere Provinz West-Pei-Po-Pan), häufig waren. Und erst lange nach seinem Sterben sind seine beiden Epen ›Theano‹ und ›Die Liebe nach dem Tode‹ in den Trümmern eines Wurstladens aufgefunden worden und haben nun durch die Pracht der Sprache, durch die hinreißende Kraft der Ideen fortgewirkt auf alle Jahrtausende.

Die Zeit Gustav Müllers ist still und friedlich gewesen, und wirkliche Kriege gab es in jener glücklichen Epoche noch nicht, nur Grenzstreitigkeiten zwischen den eingeborenen Stämmen. Die Rauferei, bei der Müller sein Leben verlor, hat nur einige Jahre gedauert und höchstens zehn Millionen Menschen das Leben gekostet, kann also nicht als ein Krieg in unserem Sinne des Wortes bezeichnet werden.«

Ich blickte verblödet auf; der Engel war fort, das Buch aus meiner Hand verschwunden. Nur die Rumflasche stand noch da; zu drei Vierteln leer, aber immer noch voll Ahnung.

 << Kapitel 40  Kapitel 42 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.