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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 40
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Auf der Insel

An der Nordspitze der Insel Korsika, auf dem Kap Corse, liegt einsam in den Bergen eine weiße Kirche und blickt durch die Talschlucht auf das Ligurische Meer. Das ist die Franziskanerkirche von Morsiglia, die von der französischen Regierung als ein Depot für Zivilgefangene eingerichtet worden ist und in die ich jetzt eingezogen bin mit zweihundertfünfzig Gefährten. In diese Meeresküsteneinsamkeit, wo es keine Eisenbahnen gibt und man tagelang nichts hört als den Schrei des Seeadlers, hat man uns versteckt, damit wir dem Staat fürderhin nicht weiter gefährlich werden können.

Bei der weißen Kirche ist ein kleines Kloster, dessen einer Flügel eingestürzt ist, und all das ist alt und aus vergessenen Jahrhunderten. Man sieht hier und da einige Antiquität, Grabplatten in den Boden eingelassen mit den Bildern der Toten und mit Wappenschildern. Das waren die adligen Seeräuber aus dem sechzehnten Jahrhundert, und lange lateinische Inschriften erzählen uns von dem geräumigen Leben, das diese Männer über neuentdeckte Meere hin geführt haben. Einige dieser Geschlechter leben auch heute noch auf der Insel, doch sind ihre jetzigen Mitglieder nicht mehr Seeräuber, sondern Spekulanten an der Pariser Börse, wie ja jedes Zeitalter seine andere Bezeichnung des Gelderwerbes hat.

Wir Zivilinternierten brauchen nicht zu arbeiten, wie die Kriegsgefangenen, aber wer arbeiten will, der kann es. Alle vierzehn Tage kommt irgendeiner der Bauern aus der Umgegend und holt sich Freiwillige zur Gartenarbeit, für den Weinberg oder zum Wegebau. Dann sind immer einige Unternehmungslustige unter uns bereit, packen ihre Bündel und ziehen über die Berge ab, die das Kloster umgeben. Obgleich sie auch bei der Arbeit da draußen bewacht werden, ist es doch eine Art von Freiheit und Abwechslung nach der Einförmigkeit des Lagerlebens, und das lockt hinaus. Einige von uns sind bis nach Bastia gegangen, der größten Stadt der Insel, sogar bis in das ferne Ajaccio und haben dort für Jahre Anstellung gefunden, auch in besseren Berufen, als Büroangestellte oder Sekretäre.

Wir anderen bleiben eingeschlossen. Ein Jahr, das nächste, das dritte. Immer in derselben Kirche, zwischen denselben Gesichtern und in demselben gleichförmigen Verlauf des Tages.

Morgens bläst der Trompeter die Reveille, und seufzend oder fluchend stehen wir zu dem Tage auf, der ebenso sein wird wie hundert Tage vor ihm und hundert später. Es gibt einen Napf Kaffee, der dünn, aber immerhin aus Kaffeebohnen hergestellt ist, dann einen Laib Brot von sechshundert Gramm Gewicht, mittags um elf Uhr und abends um fünf eine Suppe – Linsen, Reis, Kartoffeln – und dreimal in der Woche zu der Abendsuppe ein Stück Ziegenfleisch.

Dieses Ziegenfleisch ist böse; es ist unter alledem, was ich auf Korsika erfahren, das einzige, worüber wirklich Klage geführt werden muß. Die Fleischbeschau wird auf dieser halbwilden Insel wohl schon im Frieden ziemlich oberflächlich betrieben werden, im Kriege ist sie noch dürftiger, und gar wenn es sich um das Fleisch für die Boches handelt, wird der Lieferant keine langen Umstände machen. Der Geißbock, der am Wege verreckte, ist für die Bande gerade gut genug. Besonders im Sommer hat dieses Zeug ein schwer definierbares Aroma, etwa wie der Geruch einer schlechtgewaschenen und echauffierten Menschenperson. Aber gegessen muß es doch werden, weil nichts anderes da ist, und ich habe Kameraden gesehen, die sich die Nase zuhielten und ein Stück zweideutiger Leber herunterschlangen.

Diese Mahlzeiten sind der Takt unseres Lebens durch die Jahre. Dazu noch zweimal am Tage Appell; morgens und abends müssen wir auf dem Hofe antreten, mit der Mütze in der Hand, in einer langen Reihe, und die Gendarmen zählen nach, ob wir noch alle da sind oder ob vielleicht einer von uns entfloh, um schwimmend das nächste neutrale Land, nämlich die Balearen-Inseln zu erreichen.

In allen diesen Jahren hat keiner einen Fluchtversuch unternommen. Aber einer hat sich aus Langeweile aufgehängt, und ich wundere mich nur, daß er der einzige geblieben ist.

 

Eine breite Terrasse, die vor dem Kloster und vor der Kirche liegt, ist uns Gefangenen zu unserer Bewegung und zur Promenade freigegeben. Da sitzen wir an der steinernen Brüstung und sehen auf eine Landschaft, die man im Frieden haben möchte und in der sicheren Stimmung einer Hotelpension. Auf das nahe Meer da unten, das selten ruhig ist, und auf die gewaltigen Küstenberge, die mit kurzem Lorbeergebüsch bewachsen sind. Einsamer Felssturz, lastende Stille, nur bisweilen unterbrochen durch den Ruf des Raubvogels oder durch das ferne Schreien eines Esels, das sich merkwürdig so anhört wie das Tuten eines Automobils. In den Falten des Gebirges schimmern ferne kleine Ortschaften, die ganz verlassen zu sein scheinen, nicht einmal Rauch steigt aus ihnen auf; und auf den Gipfeln der Berge stehen große verfallene Burgtürme.

Was sind das für Türme, da oben auf den Bergen? Wir haben Zeit genug, über diese archäologische Frage nachzudenken. Das Volk nennt sie Mühlen, aber das ist eine ganz unsinnige Bezeichnung, denn in diesem armseligen Lande ohne jedes Korn und jede Frucht hat es niemals etwas zu mahlen gegeben. Es scheinen vielmehr Wachttürme zu sein, bestimmt als Zufluchtsorte für die Eingeborenen bei Seeräubergefahr und als Stützpunkte kleiner Garnisonen, und sie stammen aus den mittelalterlichen Zeiten, als die Genueser und Pisaner sich um diese Insel stritten. Drei Jahrhunderte ging zwischen den beiden großen Republiken der Kampf um die Insel Korsika, bis dann ein Dritter, der König von Frankreich, sie im günstigen Augenblicke wegfischte. Denn schon in alter Zeit galt das so wie jetzt: ein Land mag noch so armselig und wertlos sein, es finden sich immer zwei, die es sich gegenseitig nicht gönnen und sich darum prügeln.

Auf dem Meere vor uns ist selten irgend etwas wie Verkehr zu merken; diese Striche hier liegen ganz außerhalb der Welt, und die großen Schiffahrtslinien des Mittelländischen Meeres gehen weiter unten durch die Straße von Bonifacio oder noch ferner um die Südspitze Sardiniens herum. Nur als die Franzosen ihre blödsinnige Expedition nach Saloniki ausschickten, wurde es lebendiger um unser Kap herum: Züge von Transportschiffen gehen vorüber, von wichtigtuenden Torpedobooten begleitet, und zwischen der Festlandküste und der Insel manövrieren Kriegsschiffe, wahrscheinlich Italiener, auf und ab, um das Wasser frei zu halten.

Auf ein Seegefecht zwischen Unterseebooten und französischen Kreuzern haben wir uns vergebens gespitzt.

Aber alle zwei oder drei Monate gibt es eine Art von meteorologischer Sensation, wenn nämlich die Alpen am Nordhorizont jenseits des Meeres sichtbar werden. Das geschieht meistens gegen Abend, wenn der Mistralwind bevorsteht, und dann stehen wir alle an der Steinmauer, die gegen das Meer geht, und sehen hinüber. Ganz deutlich sind die zweihundert Kilometer entfernten Gebirge zu sehen mit den Abschattierungen ihrer Täler, mit den Einzelheiten der Felsformation und hohen, blendendweißen Schneefeldern. Und wir Gefangenen denken uns, daß man von jenen Spitzen bis in die Schweiz sehen könnte, in das Land des Friedens und der Gastlichkeit.

 

Das alles ist schön, es ist sogar romantisch. Aber das Schöne wird verdrießlich, wenn man es als Gefangener angebunden betrachten muß, und die Landschaft, die du bewunderst, ohne in sie hineinklettern zu dürfen, quält dich mehr, als sie dich erbaut. Und was die Romantik anbetrifft, so wird sie zum Auswachsen, wenn man sie alle Tage hat.

Was macht man mit drei Jahren, wenn von ihren eintausendundfünfundneunzig Tagen einer so leer ist wie der andere.

Einige gehen gleich in der Frühe zu der Kegelbahn hinunter, die wir uns selbst gebaut haben, und widmen sich diesem mehr muskel- als geiststärkenden Sport den ganzen Tag. Andere haben einige Zeit lang versucht, Gymnastik zu treiben, Freiübungen, Boxen, Fußball, aber das ist bald wieder verschwunden in der furchtbaren Gleichförmigkeit der Tage. Eine Gruppe von Intellektuellen, zu der ich mich hielt, trank sich morgens einen an und verblieb in diesem Zustand bis in die Nacht; und sicher war das die rationellste Art, über die Jahre hinwegzukommen. Sprachstudium war im Schwange, und das Depot sah aus wie die Berlitz-School. Selbstverständlich Englisch, Französisch, Italienisch, aber auch die ausgefallensten Mundarten, wie Russisch, Türkisch, Schwedisch ... in allen Winkeln hockte ein Pärchen und hörte sich gegenseitig Vokabeln ab. Doch auch das war nur verkapptes Nichtstun und ohne Zweck, denn die Kenntnis verschwand bald, weil der Zufluß des täglichen Gebrauchs fehlte und die Energie versagte. Ich selbst habe nacheinander Hebräisch, Russisch und Neugriechisch getrieben; das Neugriechische ist wieder vergessen, das Russische mit seinen verteufelten Adjektivformen zerfloß wie Sand, von dem Hebräischen aber ist mir nur das Wort Ponim haftengeblieben, und das hatte ich schon vorher gekannt.

Das Schönste aber ist die Gärtnerei. Um die Kirche herum liegen verwilderte Olivengärten aus der Zeit, da dieses Land noch bewohnt und bebaut wurde, und diese Gärten hat man den deutschen Gefangenen zur Bearbeitung und zu ihrem Vergnügen freigegeben. Es ist ein schwerer Boden, stahlharte Grauwacke, aber wir haben ihn aufgehackt, Erde auf die Terrassen getragen und sie mit unserem Dunge fruchtbar gemacht.

 

Immer war es mein Wunsch gewesen, auf einer Insel zu leben, womöglich auf einer im Mittelländischen Meer. Das ist überhaupt wohl im allgemeinen eine Sehnsucht gebildeter Philologen, sie möchten sich eine der Zykladen oder Sporaden im Ägäischen Meere mieten und da ganz für sich und abgeschieden ihr Wesen treiben. Dort wohnte man entweder allein oder mit einem griechischen Mädchen, das Myrto heißen und ewig siebzehnjährig bleiben müßte; man pflegte eine kleine Ökonomie, die etwas Ziegenkäse und einen erträglichen Wein abgäbe; und in den Mußestunden könnte man Ausgrabungen in der Tempelruine am Meere unternehmen. Dabei kämen doch vielleicht ein paar Münzen zum Vorschein oder eine römische Inschrift, die von den Konsuln der vergangenen Welt berichtete.

Dieser Wunsch geht durch die ganze Menschheitsgeschichte, und hätte ich genügendes Büchermaterial hier, ich schriebe eine grundlegende Abhandlung über die Inselsehnsucht der Menschen mit Abbildungen im Text und zahlreichen Fußnoten.

Schon die bekannten Griechen, so wäre da zu schreiben, kannten die Inselsehnsucht, wie ja dieses talentvolle Balkanvolk immer an erster Stelle zu nennen ist, wenn man von etwas Feinem spricht. Sie versetzten ihre toten Helden auf die Inseln der Seligen, und im Homer wohnen auf der Insel Scheria die Phäaken, die glücklichsten von allen Menschen. Die aßen ununterbrochen Rinderbraten und hörten dem Sänger zu, aber sie liebten den Fremden nicht, der die Unruhe des Festlandes zu ihnen brachte.

Bei den Römern wäre der merkwürdige General Sertorius zu nennen, der aus dem Lärm der Bürgerkriege mit seinem Schiffe plötzlich nach Westen floh, um auf den glücklichen Inseln, nämlich den Kanarischen, von denen er gehört haben mochte, Ruhe zu finden. Ferner der geistvolle Feuilletonist Quintus Horatius Flaccus, der sich aus dem Glanz des kaiserlichen Roms nach der kleinen Griecheninsel Lebedus sehnte; welcher Sehnsucht wir die wundervollen neurasthenischen Verse verdanken:

... tamen illic vivere vellem
oblitusque meorum obliviscendus et illis
Neptunum procul e terra spectare furentem.

Einsamkeit des weißen Strandes, jahrelang dasselbe Flüstern des Grases; und von der Welt und ihrer Unruhe geschützt durch die Brustwehr der Meeresbrandung.

Die christliche Epoche kennt die Sehnsucht nach den Inseln nicht, sie kennt überhaupt das Nautische wenig und verlegt ihre Seligkeit in einen dunstigen Himmel, der irdischen Sinnen wenig greifbar ist. Aber kaum regt es sich wieder, so ist auch das Heimweh nach Cythere wieder da. Watteau malt es auf der wundervollen Tafel, die jetzt in Potsdam hängt. Mörike träumt von der Insel Orplid, dem Land, das ferne leuchtet, und Heinrich Heine sehnt sich nach der Insel Bimini, nach der er aufbrechen will mit bewimpelten Pirogen. (Wobei zu bemerken ist, wie ungeschickt selbst begabte Dichter verfahren, wenn sie geographische Namen erfinden sollen; echte Inseln heißen Norderney oder Malta, und das klingt schöner und meereshafter als dieses alberne Bimini oder Orplid.)

Nun sitze ich auf einer Insel, sie liegt auch unzweifelhaft im Mittelmeer, aber die Seligkeit ist es nicht geworden. Von meinem Platze hier, an dem ich schreibe, sehe ich die verfallenden Festungstürme aus der Zeit des Streites, und durch die Stille schallt der Schrei eines halbwilden Ziegenhirten, der die großgehörnte Herde den Hügel hinauftreibt; und der lenkt seine Tiere nicht mit der Hirtenschalmei, sondern mit Steinwürfen. Da oben krächzt ein Adler verdammt heroisch, und wenn ich mich umsehe, steht da mit seinem Bajonett ein französischer Wachtposten, der zwar nicht heroisch, aber bösartig genug aussieht.

Der Name der Insel Korsika klingt nicht nach Frieden. Das wilde Rufen des Kosaren ist in ihm, und es dröhnt von unmittelbarster Geschichte. Dort hinter jenen umwölkten Bergen wurde der Furchtbare geboren, der am letzten Ende die Schuld alles unseres Unglückes trägt. Er brachte den Begriff der Vendetta nach Europa, und seit ihm geht es nun durch unsere Geschichte von Rachekrieg zu Rachekrieg, von Revanche zu Revanche und wird weitergehen durch die Jahrhunderte; denn solange dieser Planet von Menschenkindern bewohnt bleibt, wird der Sieg nicht verziehen werden.

Hier auf dieser Insel sollte man nicht friedlich sinnen, sondern Worte schmieden wie Klingen. Der wilde Genius des Ortes sollte fortreißen. Welche Tat wäre es, großer Gott, mitten im Kriege von dem napoleonischen Korsika aus den streitenden Völkern abrechnend die Wahrheit zu predigen, Freund und Feind sein besonderes Verschulden vorzuhalten. Johannes, der Evangelist, der als Zivilinternierter auf Patmos saß, fand den Inselfrieden ja auch nicht, sondern schrieb von dort an die sieben Gemeinden Asiens die furchtbare Broschüre der Apokalypse.

Wie, wenn ich jetzt täte wie er! Eine neue Apokalypse scheint vonnöten zu sein.

Jedoch: zu seiner Zeit gab es keine Zensur, und jetzt gibt es sie. Also ...

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