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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 39
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Im Zellengefängnis

Die Bruderschaft, die zwischen Mensch und Mensch geht, erkennt man erst, wenn man vollkommen herausgeschnitten ist aus dem Gewebe der Gesellschaft. Es ist das ein geheimes Fadenwerk, das wir am Alltag nicht sehen; wir streiten uns mit jemandem, er ist uns unsympathisch, weil er schlechte Manieren hat oder weil er sächselt, und doch hält uns seit den Morgenzeiten der Welt ein unzerreißbares Band an ihn; und unglücklich der, der rings herausgeschnitten ist, daß er auf der Erde liegt wie ein wertloser Fetzen.

Es gibt ja wohl auch im Leben draußen Leute, die sich einsam fühlen, ja, die mit ihrer Einsamkeit prahlen, aber das ist nicht das Echte. Sie haben doch immer noch die Wirtschaftsfrau oder auch den Oberkellner, und der Friseur teilt ihnen wenigstens den neuesten Witterungsbericht mit.

Ich habe mal einen jungen Schriftsteller gekannt, der jede Nacht bis drei Uhr am literarischen Stammtisch saß und dann das »Tagebuch eines Einsamen« herausgab; er verstand nämlich unter Einsamkeit die adlige Unverstandenheit seiner hohen Seele. Hier habe ich sie, die Einsamkeit, echt, stumm, furchtbar und kenne sie nun für das Leben; und vielleicht ist auch diese Erkenntnis ein Vorteil. Man muß in so biblisch-naive Lage geraten, um die Begriffe in ihrer Einfachheit zu fühlen, um die echte Welt von literarischem Fatzkentum scheiden zu können.

Jedoch und kurz gesagt: es ist langweilig, und angestrengt suche ich nach einer Abwechslung. Die Spinnen im Winkel, die sonst in den Berichten aller intellektuellen Strafgefangenen vorkommen, gibt es hier nicht, denn die Anstalt ist musterhaft saubergehalten, und ich muß jeden Morgen meine Zelle ausfegen. Einmal kommt durch das offene Fenster ein weißer Schmetterling hereingegaukelt und fliegt wieder hinaus; aber ich verzichte, meine diesbezüglichen Gefühle zu schildern, denn auch das ist zu sehr abgegriffene Gefängnisromantik.

Was die kulinarische Seite der Angelegenheit betrifft, so gibt es des Morgens an Stelle des Kaffees der Einfachheit halber gar nichts. Wenn ich will, kann ich kaltes Wasser trinken, niemand wird mich daran hindern, denn die Franzosen sind großmütig; aber dieses Wasser ist schlecht und verursacht Durchfall, und so lasse ich es lieber. Mittags gibt es einen Napf heißer Brühe mit einem kleinen Stück Fleisch darin; abends wieder heiße Brühe, aber ohne Fleisch. Bisweilen schwimmen in dieser Brühe ein paar Raupen, die weißlich und zusammengekrümmt sind, und die schmecken wie Krabbenschwänze.

Ein schöner Augenblick aber findet sich am Tage, des Nachmittags nämlich, wenn die Kantine gebracht wird. Das sind die kleinen Lebensmittel, die der Gefangene sich als Zugabe zu der allgemeinen Kost für sein eigenes Geld kaufen kann. Fünfundvierzig Centimes darf ich jeden Tag ausgeben, was ausreicht für ein Stück Schokolade und ein kleines Glas sauren Rotweines.

Ich kaue die Schokolade lange, um ihre festliche Süße viel zu spüren, den Wein aber trinke ich mit einem Zuge herunter, damit er seine Wirkung habe. Dann wird es flimmernd hell in meiner Finsternis, und ein kleiner Rausch kommt hineingefunkelt, wie ein Gruß von den sonnigen Weinbergen der Freiheit.

 

Und nun triumphiere die Findigkeit des Journalisten über alle diese Widerstände, denn hier gilt es nun endlich Nachrichten über die äußeren Vorgänge zu bekommen. Die Luke meiner Zelle geht auf den Hof hinauf, und über diesen Hof kommen im Laufe des Tages französische Soldaten, bleiben stehen und erzählen sich etwas. Stundenlang hänge ich an diesem Lauschposten und horche. Sehen kann ich sie nicht, denn die Luke ist nach unten mit Brettern zugenagelt, aber aus ihren Gesprächen läßt sich doch manches Nützliche aufschnappen; und habe ich Glück, so bleibt einer unter dem Fenster stehen und liest seinem Freunde aus der Zeitung vor.

Und so erfahre ich denn: der deutsche Kronprinz ist tot; der Kaiser hat schon zweimal Tobsuchtsanfälle gehabt; die Franzosen haben den Rhein überschritten und dringen durch den Schwarzwald schnell auf Berlin vor. Von der anderen Seite drücken die Russen allen Widerstand nieder wie eine Straßenwalze und haben die Vororte Berlins erreicht. Dazu ausgiebige Berichte über deutsche Greueltaten; weibliche Brüste werden abgeschnitten, Kinder auf die Bajonette gespießt, Abbés zu Hunderten vor den Kirchentüren niedergeschossen. Und der Lauscher schließt daraus, daß etwas an all diesen Berichten nicht stimmt; wenn die Deutschen so wüst vorgehen, werden sie wohl auf feindlichem Boden stehen, denn trotz aller ihrer Gemütsroheit wird man es ihnen kaum zutrauen wollen, daß sie die weiblichen Brüste im eigenen Lande abschneiden.

Und nach einigen Tagen werden die Meldungen denn auch bescheidener. Warum wird der Name der großen belgischen Festung Lüttich so häufig genannt? Und welches sind die Forts, die so heldenmütigen Widerstand leisten, wie in dem da eben verlesenen Zeitungsberichte stand? Heldenmütig? So spricht kein Franzose von deutschen Forts. Da fragt einer: Ja, aber was wird, wenn auch diese Armee keinen Widerstand leistet? Und eine weibliche Stimme, die klagt: diese armen Provinzen des Nordens ... und da weiß ich alles. Die Deutschen stehen in Nordfrankreich. Diese fünf Worte, von einer klagenden Frau gesprochen, haben mir die Geschichte der großen Ereignisse eindringlicher erzählt, als fünfzig Kriegsberichterstatter in Khaki vermocht hätten.

 

Überhaupt möchte ich von mir selbst und anderem den Eindruck vermeiden, als hätte ich meine Heimsuchung nur mit heldenhaftem Humor bestanden. Wer seine eigenen Erlebnisse beschreibt, der lügt immer, und jede Selbstbiographie ist eine Komödie mit gut vorbereiteten Abgängen und effektvollen Repliken. Aber am meisten wird zur Schauspielerei neigen, wer in ein besonders schweres Unglück gerät, in das Gefängnis oder so etwas, in eine Situation also, deren Temperamente sich von der bürgerlichen Leserschaft nicht nachprüfen lassen. Das ist dann eine herrliche Gelegenheit, mit eigentümlichen Gefühlen zu paradieren, mit Seelengröße oder mit Ergebenheit zu renommieren, oder sich mit Jesus Christus zu vergleichen.

Überhaupt sollte der Schriftsteller sich begnügen, das Schicksal fremder Menschen zu bilden, das er formen kann wie der Künstler den schmiegsamen Ton, sollte es aber vermeiden, seine eigenen Passionen zum besten zu geben, da er ja niemals eine echte Passion schlicht empfunden hat wie ein anderer Mensch. In alles, was der Novellist erlebt, wird sich stets der infame Gedanke mit hineinmischen: wie mache ich einen Artikel daraus? Der lyrische Dichter, der zu seiner Geliebten ins Bett steigt, wird in diesem Augenblick zu skandieren anfangen; und legt einen Feuilletonisten auf die Bank und haut ihm fünfundzwanzig über, so könnt ihr versichert sein, daß er gleichzeitig diese Sache schon in eine gefällige Prosa umzusetzen beginnt. Durch dieses Doppelleben wird das Glück gemindert. Ich habe in den fürchterlichsten Stunden nie aufgehört, immer gleich im Augenblicke und instinktiv all dieses Unglück literarisch zu verarbeiten. So war mein Elend nicht ganz rein, aber ebendeshalb leichter zu ertragen.

Wie dem auch sei, ich möchte das Geständnis ablegen, daß ich kein Held gewesen bin, sondern klare Furcht empfunden habe. Jeden Abend habe ich mich mit dem Gedanken zur Ruhe gelegt, daß dieses vielleicht die letzte Nacht sein könnte. Denn die französischen Kriegsgerichte arbeiten in solchen Fällen mit einer Promptheit, die sonst nicht in den Gewohnheiten der Verwaltung liegt. Vormittags um elf erfährt der Delinquent, daß am selben Tage die Verhandlung ist; dann darf er eine halbe Stunde lang mit einem Offizialverteidiger sprechen; um ein Uhr ist die Verhandlung, die schnell vorübergeht, da man den Angeklagten kaum zu Worte läßt, und um drei Uhr kann, wenn alles gut klappt, der Betreffende im Graben der Festung erschossen werden.

Wie werde ich den Augenblick bestehen, wenn sie kommen, um mich abzuholen. Wenn draußen die Bajonette klirren? Der Riegel wird aufgestoßen; sie stehen im Gange, in Reihen aufmarschiert, alles kleine, plundrige Kerle in ihren ekelhaften roten Hosen, und alle die neugierigen Augen auf mich gerichtet. Ein Offizier, der wahrscheinlich einen Kneifer tragen wird, dirigiert das Manöver mit seinem gezogenen Degen (und während er schreit und fuchtelt, freut er sich schon darauf, wie er das heute abend im Café du Commerce erzählen wird). Und nun den Fuß aufgehoben zum letzten Gange; und was ist das für ein schwarzer Schatten, der neben mir schreitet? Ach so, der Priester mit seinem Gebetbuch. Karree von Soldaten, Schnupftuch zum Augenverbinden; und dann allein dagestanden an der Mauer ...

So male ich es mir immer wieder aus, auf der Pritsche liegend in der totenstillen Nacht. Dabei habe ich das Gefühl, als seien meine Glieder elefantendick geworden, und in meinen Ohren klingt es wie ein Hilferuf aus unermeßlich weiter Ferne.

 

Das Bedenklichste an meinem Falle ist, daß man mir gar nichts beweisen kann und daß in meinen Koffern auch nicht das Geringste von Generalstabsplänen gefunden worden ist. Denn, so sagen sich diese Militärs, die jetzt über mein Schicksal zu entscheiden haben, dieser Kerl ist offenbar ein Spion, sonst hätte man ihn nicht wegen Spionage verhaftet; wenn aber gar nichts Beweiskräftiges gegen ihn gefunden werden kann, so muß er ein besonders verschmitztes und verstocktes Subjekt sein.

Wie mir der Dolmetscher erzählt, wird jetzt eine Haussuchung in meiner Wohnung in Paris veranstaltet werden. Die Polizisten der Sûréte générale, die das zu machen haben (gut genährte Herren in schwarzen zugeknöpften Röcken), werden in mein anständiges Arbeitszimmer eindringen und dort die Sammlung römischer Münzen entdecken wie auch die Steinsammlung mit den höchst seltenen Petrefakten von der Insel Rügen; auch werden sie meine ganze Bibliothek durchgehen, die fast alle lateinischen Autoren in den Ausgaben des Aldus, Stephan und Elzevier enthält. An den Wänden aber hängen nicht die Porträts von Moltke und dem Kronprinzen, sondern die der heiligen Barbara von Palma Vecchio und der Hieronymus im Gehäuse, der Stich Dürers. Und all dieses wird die Herren in den zugeknöpften Röcken sehr erbosen, denn sie werden sich sagen: den Schwindel kennen wir schon, und auf diese aufdringliche Harmlosigkeit fallen wir nicht herein. Wenn in der Wohnung des Spions sich nichts finden läßt, so ist das ein klarer Beweis dafür, daß er im letzten Augenblick alle militärischen Dokumente in Sicherheit gebracht hat.

Auch ist es sehr verdächtig, daß ich so gar nichts von militärischen Dingen verstehe. Das Geständnis sei abgelegt, so schwer es mir auch wird: Jetzt in meinem fünfundvierzigsten Lebensjahre weiß ich immer noch nicht, welches der Unterschied zwischen einem Major und einem Obersten ist und welches von beiden das größere ist, eine Kompanie oder ein Bataillon. Und das ist natürlich in diesen martialischen Zeitläufen völlig unglaublich, und meine Ankläger sind berechtigt, wenn sie es für dumme Verstellung halten. In meiner Verlegenheit frage ich meinen Nachbarn M., wieviel Mann ein Bataillon habe; durch das Gitterloch unserer Zelle erteilte er mir eine Art von Instruktionsstunde, aber es war so verwickelt mit der Friedensstärke und Kriegsstärke, daß ich es bald wieder vergessen habe. Und ich glaube, ich werde mit dieser Lücke ins Grab gehen.

Leute, die bisher in ihren Sammlungen lebten und in alten Büchern, sollten es vermeiden, in den Wirrwarr einer politischen Katastrophe zu geraten, denn da werden sie mißverstanden werden. Polizistenhände greifen in ihre Taschen und finden da vielleicht einen schweinsledernen Band des Horaz; über alles, was sie heimlich trieben in den verschwiegenen Orgien der Wissenschaft, müssen sie Unteroffizieren Bericht erstatten, und die Bijouterien und Emaillen ihres Innern werden ins Protokoll genommen.

Schlechtes Wetter überhaupt für die friedfertigen Leute, die in Nuancen lebten und in übergänglichen Zuständen. Denn es ist die Zeit, wo Farbe bekannt werden soll. Ich bin Deutscher, Sohn eines Deutschen, und meine ganze Liebe und Parteilichkeit geht zu meiner Heimat. Aber ich erlaube mir, die Sprache Montaignes zu verstehen, und habe mich wohl gefühlt bei diesem französischen Volke, dessen edle bürgerliche Solidität wohl nur der schätzen kann, der etwas von ihm in seinem Blute hat.

Und weil ich zweien gerecht zu sein suchte, allen beiden zuredete: seid vernünftig, laßt einer den andern gelten, deshalb sind sie alle beide über mich hergefallen. Die Deutschen nennen mich einen Französling, und diese Franzosen hier haben erkannt, daß ich ein alldeutscher Hetzer bin ... und das Schwierige, das Beschämende ist, daß sie alle beide recht haben.

Selig der Mann, der Krause heißt und aus Tilsit gebürtig ist. Er steht auf Felsengrund.

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