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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 37
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Was ich in Frankreich erlebte

Vor dem Prozeß

In wenigen Tagen wird die Frau des bedeutendsten französischen Politikers auf der Anklagebank des Pariser Geschworenengerichts Platz nehmen. Sie wird sich wegen wissentlich begangenen Mordes zu verantworten haben. Das heißt also, es wird darüber verhandelt werden, ob die Frau, die noch vor sechs Monaten von dem Staatsoberhaupt zu Tische geführt wurde, mit der Guillotine geköpft werden soll oder nicht.

Dem äußeren Ansehen nach und in dem ganzen Aufbau könnte das also eine recht interessante Sache werden, und einige Zeitungen, denen es nicht darauf ankommt, logen bereits ihren Lesern vor, daß für einen Sitzplatz im Gerichtssaale tausend Francs bezahlt wurden. Leute dagegen, die den Prozeßparteien näherstehen, versichern, daß manche Hoffnung enttäuscht werden wird und daß der Prozeß der Frau Caillaux an sogenanntem Interesse weit hinter der Sache Steinheil oder gar hinter dem Prozeß Dreyfus zurückstehen wird. In der Steinheilsache ging es um eine gefährlich schöne Frau, und es war der dunkle Bezirk eines Geheimnisses da, das nicht durchleuchtet werden konnte. Die Dreyfus- und Zola-Prozesse waren der Kampf zwischen den beiden Mächten, die sich seit den Tagen Coriolans entgegenstehen, zwischen Soldat und Bürger. Der jetzt beginnende Prozeß richtet sich gegen eine Frau, die ebensowenig interessant ist wie ihre unbeholfene Tat, und die Debatten könnten nach dem ersten Tage ziemlich einförmig werden. Wenn nicht im letzten Augenblick eine Überraschung dazwischenkommt.

Interessanter als die Sache selbst ist vielleicht die Vorbereitung des Prozesses, ist jetzt diese Periode, in der die Parteien ihre Stellung nehmen, sich gegenseitig beobachten und suchen. Darüber ließe sich allerlei Merkwürdiges berichten, aber man muß da vorsichtig sein. Die Franzosen sind in dieser Angelegenheit sehr kitzlig und legen das menschliche Mitgefühl für eine betörte, unglückliche Frau als politische Parteilichkeit aus. Zu leicht wird das, was man nüchtern als Tatsache berichtet, von einem Ungeschickten mißverstanden oder von den Gewissenlosen zu besserer Verhetzung umgedreht!

 

Manche Leute haben sich darüber gewundert, daß Herr Joseph Caillaux die Verteidigung seiner Frau dem Advokaten Labori anvertraut hat. Labori trägt den glänzendsten Namen des Pariser Barreaus, und seine Geschicklichkeit und Beredsamkeit haben sich seit den historischen Tagen der großen Prozesse nicht gemindert. Aber er hat eine Eigenschaft, die für die vorliegende Sache ein großer Fehler werden könnte: er war ein intimer Freund des am 16. März ermordeten Gaston Calmette, und er scheint gesonnen, dieser Freundschaft auch jetzt noch treu zu bleiben. So hatte er gleich bei Übernahme der Verteidigung erklärt, daß er in Fragestellung und Plädoyer nichts Feindliches gegen Calmette vorbringen wolle, und offiziell hat er diese Absicht bis jetzt nicht widerrufen. Und nun fragt man sich, wie soll dann eine Verteidigung möglich werden? Die Tat der Frau Caillaux kann nur aus einer tiefen Entrüstung über Calmettes Vorgehen heraus erklärt und entschuldigt werden, und wirkungsvoll verteidigen wird man diese Angeklagte nur, wenn man Calmette so schwarz wie möglich macht, wenn man beweist, daß er zu allem fähig war, daß er private Briefe veröffentlichen wollte. Wenn Labori das wirklich nicht sagt, so wird es ein recht seltsames Plädoyer werden.

Herr Caillaux hätte manchen verwegenen und geschickten Advokaten zu seiner Verfügung gehabt, den keine Bande zärtlicher Freundschaft in seinen Bewegungen hinderten. So etwa seinen Freund Herrn Andre Hesse, der ein radikaler Abgeordneter ist und deshalb der Calmettegruppe nicht gerade freundlich gewogen. Der ist in weiblichen Mordprozessen wie zu Hause; er hat erst kürzlich die Dichterin in Agen, die unter dem drückenden Verdacht stand, ihren Geliebten, den Abbe, ermordet zu haben, glänzend gerettet; und er würde sich auch in diese Sache ordentlich hineingekniet haben. Warum, so fragen sich hier Hunderte, hat sich der Gatte der Angeklagten nicht an ihn gewandt?

Man muß sich mit der Antwort begnügen, daß Herr Joseph Caillaux seine Gründe haben dürfte, die er uns nicht zu nennen beliebt. Er weiß, daß er in diesem Prozeß um seine politische Existenz spielt, die ein sehr hohes Ziel hat; denn wenn seine Frau jetzt auch nur auf einige Jahre ins Gefängnis geschickt wird, ist er im Palais Bourbon unmöglich (in dessen Sitzungssaal er seit dem Tag der Tat nicht erschienen ist). Und er ist nicht eitel genug, als daß er den Verteidiger seiner Frau nur des großen Namens wegen nahm. Wenn er Labori wählte und – nach einem kurzen Schwanken – bei ihm blieb, so gibt es nur zwei Erklärungen: entweder Labori hat seine Klausel zurückgezogen und wirft im Prozeß ein paar Dokumente auf den Tisch, die die Gegenpartei vernichten oder aber ... Oder Caillaux selbst legt Wert darauf, den Gegner zu schonen. Vollzieht sich irgendwie eine Versöhnung? Haben sich hinter den Vorhängen gegnerische Hände zu Abmachungen gefunden?

 

Das gute Volk von Paris wäre mit einem so matten Schluß der großen Tragödie nicht zufrieden. Es grollt und erzählt sich, daß der Staatsanwalt selbst der Angeklagten gewogen sei und nun zusammen mit der Verteidigung alle unbequemen Geschworenen zurückweisen könne.

»Nur weil sie die Frau eines Großen ist, wird sie der Strafe entgehen«, so murrt man.

Ach nein, gutherziges Volk, und vielmehr ganz im Gegenteil. Wäre sie eine einfache Frau ohne jede illustre Beziehung, so brauchte sie für ihren Kopf nicht zu fürchten. Seit Jahrzehnten ist in Frankreich jede Frau, die des Mordes angeschuldigt war, die offen getötet hatte, freigesprochen worden; jede. Auch vor zwei Jahren jenes Fräulein in dem Vorort Villemomble, das seine Mutter erschossen hatte, weil die Mutter ihm nicht erlauben wollte, abends mit dem Geliebten zusammenzukommen. Nun verlangt das Volk, daß gerade mit der einen die erste Ausnahme gemacht werde, gerade sie soll büßen, eben weil sie die Frau eines Großen ist.

»Wenn sie loskommt, dann gibt es keine Gerechtigkeit mehr in der Welt«, so sagte mir gestern im Fahrstuhl der alte Graf, der in dem Stockwerk unter mir wohnt. Der Mann ist achtzig Jahre alt, er hat sein Leben in der geistreichsten und lässigsten Stadt dieser Erde verbracht, und er glaubt immer noch an das pedantische Phantom, das man Gerechtigkeit nennt.

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