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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 36
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Provinz

Laon. Diese entlegene und rare Stadt ist auf einem steilen, langen Berge aufgebaut, mit vielen gedrängten Dächern an den Abhängen. Auf der höchsten Stelle des Berges und der Stadt steht die gotische Kathedrale mit vier großen Türmen und sieht weit über die träumende Ebene der Ile de France.

Wegen dieser Kathedrale bin ich nach Laon gefahren, denn sie wird in allen Kunstgeschichten erwähnt als ein Muster des Überganges vom Romanischen zum Frühgotischen. Aber sie erwies sich bei der Betrachtung als nichts Besonderes; sie ist frostig, weiß und hell und ohne katholisches Geheimnis. Die einzige Belehrung, die ich in der Kathedrale von Laon gewann, bestand darin, daß man in Frankreich Hunde mit in die Kirche nehmen kann. Eine alte Dame trat ein und führte ein kleines wolliges Hündchen an der Leine. Sie band das Hündchen los und kniete nieder, um ein Gebet zu veranstalten, und während sie betete, spazierte das Hündchen zutraulich herum. Als es sich aber einem frühgotischen Pilaster näherte und an ihm herumzuschnuppern begann, schloß ich schaudernd die Augen, um das Sakrilegium nicht zu sehen.

Sonst ist Laon eine einstöckige Stadt, die treppauf, treppab gebaut ist mit Bogengängen und heimlichen Winkeln. Von den Wällen sieht man tief in die Ebene hinunter; und herniederhängende Gärten sind da, und über das alles ist jetzt ein rotes Blühen von Pfirsichbäumen gesponnen und ein abendliches Klagen der Grasmücken.

Durch die Hauptstraße, in der die Laternen angezündet werden, promenieren die Provinzfranzösinnen. Die Französinnen der Provinz sind fein und artig und schlank. Auch in dieser kleinen Stadt ist nirgendwo bei ihnen etwas Beschränktes oder Philiströses zu sehen. Sie sprechen leise und lachen unhörbar und bleiben vor dem hellen Laden stehen, in dem die Pariser Blusen sind. Sie heißen Gilberte oder Germaine und sind ein wunderholdes Menschenvolk, das Gott der Herr segnen möge.

Um acht Uhr abends werden die Fensterläden geschlossen, und die Türen klappen zu. Doch gibt es unverwüstliche Nachtschwärmer, die sitzen bis um neun Uhr im Café de la Comédie und spielen Domino.

 

Reims. Merkwürdig viel Leute in dieser Stadt heißen Cliquot. Auch gibt es hier einen Park Pommery, eine Rue Mumm und einen Boulevard Saint Marceaux. Es ließe sich also hier im allgemeinen leicht und ersprießlich leben. Daß der Name Reims schon etwas Herbes und Schäumendes in sich hat, das ist vielleicht nur eine persönliche Imagination von mir. Aber sicher ist, daß der Champagnerwein nirgendwo in der Welt so schmecken kann wie hier in Reims zu einem Frühstück am Sonntagmittag, wenn die große Glocke der Krönungskathedrale dazu klingt.

Zu diesem Gegenstande sei noch bemerkt, daß man in den kleinen Gasthäusern der Champagne den Wein aus Kelchen trinkt, die die Mitte halten zwischen dem alten schmalen Champagnerkelch und einem Rotweinglase. Das lange schmale Champagnerglas (das bei Menzel auf Friedrich des Großen Tisch steht) ist völlig verschwunden, und in Paris trinkt man den Wein der Champagne nur aus den flachen, schwer und voll schwippenden Schalen. Auch liebt man ihn nicht so eiskalt wie in Deutschland. Wenn er frappiert ist, schäumt er leidenschaftlicher und ist deshalb amüsanter, aber oberflächlicher. Hält man ihn etwas wärmer, so offenbart er die schwere Würze des Kalkbodens, auf dem er wuchs, und die sanfte Kraft der Sonne Frankreichs.

Noch dieses hierüber (ich bitte sehr um Entschuldigung, aber das große Thema reißt mich fort): man sollte den echten, aus Frankreich kommenden Wein dieser Art immer nur Champagner und niemals Sekt nennen. Das witzige Berliner Wort Sekt paßt nur auf den deutschen Schaumwein, der gewiß ein vorzügliches Getränk, aber eben kein Champagner ist.

An Kuriositäten ist in Reims ein bronzenes Standbild Ludwigs XV. zu verzeichnen, auf dessen Inschrift dieser Monarch »le meilleur des rois« genannt wird. Baedeker macht sich darüber lustig, und allerdings wird niemand heute im Ernst verfechten wollen, daß Ludwig XV. auch nur ein guter Monarch gewesen ist. Immerhin darf gesagt werden, daß dieser König eine infam elegante Art hatte, die schwerblaue Krawatte zu binden, wie es ihm nie wieder einer nachgemacht hat. Er ging durch die Spiegelgalerie zur Messe, halb gleitend, auf den Oberkämmerer gelehnt, und tausend Herzöge verneigten sich bewundernd vor seiner verruchten Schläfrigkeit. Einst stand – so erzählt Marmontel in seinen Memoiren – der berühmte Philosoph Voltaire auf dem Wege des Königs im Saal. Der berühmte Philosoph krümmte sich tief und winselte eine schmeichlerische Strophe, in der er Ludwig mit dem Kaiser Trajan verglich. Ludwig XV. hörte sich die Strophe an und ging mit schweigender Verachtung weiter.

Ich wage zu erklären, daß von allen Monarchen der Geschichte dieser Kokottenkönig mir immer am meisten imponiert hat. Wie die Berliner zu sagen pflegen: wennschon, dennschon.

In Caen wird ein Schenkelknochen Wilhelms des Eroberers aufbewahrt, und alle romantisch veranlagten Leute sollten sich deshalb für diese Stadt interessieren. Die Engländer, die so etwas lieben, kommen häufig hierher und haben Caen zu einer ihrer Sommerresidenzen gemacht. Und sie betrachten gedankenvoll den Schenkelknochen jenes Mannes, der einst die Insel England so vorbildlich leicht erobert hat.

Es ist eine bleiche Stadt in der stillen Normandie. In weißen verlassenen Klostergärten flattert irgendwelche Wäsche; eine milde Trambahn verläuft durch resignierte Straßen, und auf den Plätzen schlafen alle Kreuzfahrerkirchen, die rund und braun sind wie die Pasteten. Und man sagt sich: in dieser Stadt möchte ich leben, wenn ich noch älter und noch unnützer wurde, als ich schon bin; und dann werde ich einen Kommentar zu dem Ritterliede »Lancelot« verfassen, das Chrestien de Troyes geschrieben hat.

Übrigens wird in allen diesen Städten des französischen Nordens und Ostens der deutsche Wanderer jetzt das lebhafteste Bedenken und Mißtrauen der Einwohner erwecken. Diese Städte sind voll von militärischen Phänomenen, und man kann keine zehn Schritte machen, ohne auf eine Kaserne oder auf einen Feldwebel zu stoßen; und dann sieht es peinlich so aus, als sei man hierhergekommen, nur um diesen Feldwebel oder diese Kaserne auszuspionieren. Vor einem Bäckerladen in Caen sah ich eine Katze sitzen, die ein silbernes Glöckchen um den Hals trug. Ich trat an sie heran, um ein wenig mit ihr zu plaudern; und weil ich dachte, die Katze sei über so etwas erhaben, sprach ich sie deutsch an. Sogleich blickte sich ein des Weges vorbeikommender Brigadegeneral scharf und ahnungsvoll nach mir um. Und auch die Katze stand auf und zog sich entrüstet in das Innere des Bäckerladens zurück.

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