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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 33
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Schwalbennester

Über dem Lustgarten in Berlin steht der Julitag klar und blau und rein und ist wie ein Tag Ioniens.

Ein Tag in Ionien an den weißumschäumten Küsten des Inselmeeres.

Auf diesen Vergleich kommt man vielleicht nur deshalb, weil am Lustgarten das alte Museum steht und weil die Halle dieses alten Museums von ionischen Säulen getragen wird. Achtzehn ionische Säulen, die sich in die Höhe recken, als mache das Tragen ihnen Freude und als schwölle durch ihre Schlankheit empor der Saft der Allmutter Erde.

Alles ist froh an diesem Tage. Die Kinder auf dem Platze spielen Reifen; die Kindermädchen haben ganz blaue Röcke an, und die Schwalben fliegen schreiend um die Säulen.

Sie haben ihre Nester da oben an den Säulen, die Schwalben. Sie haben ihre Nester angebracht an den ionischen Kapitalen und an den Rosetten der großen Kassettendecke. Schwarze dicke Nester, in denen es zirpt und mit kleinen Flügeln schlägt und Mäuler aufsperrt und piept und schreit. Und nun fliegen die Schwalbenmütter hin und her und holen Mücken in den Schnäbeln herbei und füttern ihre Brut. Ein Tag Ioniens, Ioniens.

Diesen Tag haben sich zwei preußische Beamte in Plattmützen ausgesucht, um in Aktion zu treten von wegen eben jener Schwalbennester. Sie haben wohl von ihrer Behörde den Auftrag in betreff der Beseitigung der vielen Schwalbennester bekommen und gehen nun pflichtgetreu an ihre Arbeit. Zu diesem Geschäfte bringen sie eine große Leiter herbei, einen Besen und eine lange Stange und begeben sich mit diesen Geräten in die Halle des Museums. Dort lehnen sie die Leiter an eine Säule und vollführen zunächst einmal eine kleine Absperrung, indem sie alle Müßiggänger aus diesem Teil der Halle entfernen. Dann klettert die eine preußische Plattmütze auf die Leiter, ergreift die Stange und beginnt sorgsam die Schwalbennester abzukratzen und herunterzuschlagen.

Die Schwalbennester fallen klatschend auf den Steinboden; sie bilden eine große Masse Unrat, und die gelben Kadaver der jungen Schwalben sehen ganz ekelhaft aus. Und die andere preußische Plattmütze greift nach dem Besen, der eben zu diesem Zwecke mitgenommen ist, und fegt den ganzen Dreck in die Ecke zu einem großen Haufen zusammen.

Da oben aber um die Kapitale Ioniens kreisen die Schwalbenmütter und suchen und bringen das Futter für ihre Brut. Jede hat den Schnabel ganz voll von Mücken; und merkwürdig ist, daß sie trotzdem so herzzerreißend schreien können.

Dieses ist Berlin, Herrschaften. Berlin aber hat den Ruf, die sauberste Stadt der Welt zu sein, und wird diesen Ruf weiter wahren, wenn Sie nichts dagegen einzuwenden haben.

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