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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 20
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Wider die Schlemmerei

Die bayerische Regierung will jetzt für ganz Deutschland einen Gesetzentwurf einbringen, der die Schlemmerei mit Zuchthausstrafe bedroht. Und man kann nur sagen, daß dieses Gesetz klug ist und zur rechten Zeit kommt; manche Leute essen wirklich zu viel und sollten in sich gehen.

Ich weilte jüngst des Abends in einem Bierlokal, als eine Gesellschaft von drei Herren und drei Damen, die alle sehr dick und fröhlich waren, eintrat und an dem Tische mir gegenüber Platz nahm. Sie aßen zunächst zusammen sechs Portionen Gänsebraten, was ihr Recht war, dazu sechs Schüsseln mit Rotkohl und sechs mit Kartoffelsalat. Hinterher tranken sie alle Kognak und blickten sich einen Augenblick lang sinnend an. Und dann bestellten sie sich noch einmal sechs Portionen Gänsebraten und sechs Schüsseln Rotkohl und sechs Kartoffelsalate und verzehrten auch diese froh und unverfroren.

Diese sechs Leute müssen ins Zuchthaus, da gibt es gar keine lange Rederei.

Aber dabei wollen wir uns klar bleiben, daß ein so strenges Gesetz selbstverständlich nur eine vorübergehende Maßregel sein darf und wieder aufgehoben werden muß, wenn die besseren Zeiten zurückgekehrt sein werden. Die Schlemmerei ist ja an sich nichts Strafbares und der Schlemmer durchaus kein Verbrecher. Im Gegenteil: Leute, die gern und viel essen, pflegen gute Staatsbürger zu sein und ein reines Gewissen zu haben.

Auch dürfen wir die hohe Kulturmission der Schlemmerei nicht übersehen, die sich geschichtlich schon dadurch erweist, daß alle literarischen Blüteperioden auf die Zeiten der Üppigkeit fallen, wenn am meisten getrunken, gegessen, getanzt und Wollust getrieben worden ist. Puritanische und alkoholfreie Zeiten dagegen haben keine Kunst; oder sie ist danach.

Seitdem die Welt steht, haben die Künstler und die stoischen Philosophen es geliebt, an den Tischen der Bankiers zu sitzen und den Wein des Reichtums in kristallenen Kelchen zu heben. Und wenn die amtliche Literaturgeschichte es auch noch nicht bemerkt und aufgezeichnet hat, so bleibt es trotzdem wahr, daß fast alle großen Dichter Nassauer sind.

Die Kunst geht nicht nach Brot, wie das Sprichwort sagt ... so sieht sie gerade aus! Die Kunst geht nach Hummermayonnaise.

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