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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 157
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ohne ...

»Dem Trocknen macht Gott alles schwer.«
                Horaz

Meinem Arzt ist es jetzt gelungen, mir das Trinken abzugewöhnen; aber leicht habe ich ihm diese Bekehrung nicht gemacht.

Er fing damit an, mir zu erklären, daß bei fortgesetztem Alkoholgenuß mein Gehirn verkümmern würde. Ich erwiderte ihm darauf, erstens, daß mein Gehirn schon längst verkümmert sei, zweitens, daß ich kein Gehirn brauche. Wir Dichter schaffen aus dem Instinkt heraus, und schon Plato hat – im größeren »Hippias« – bewiesen, daß für den Dichter der Besitz eines Gehirns überflüssig, wenn nicht gar schädlich sei.

Aber als der Arzt mir ausrechnete, daß ich mir in drei Monaten ein kleines zweisitziges Automobil kaufen könnte, wenn ich gar nichts tränke, da bin ich Antialkoholiker geworden. Und nun weiß ich also, wie einem Antialkoholiker zumute ist.

Das erste, was auffällt, ist, wie merkwürdig lang die Abende werden. Bis jetzt war das alles nämlich ganz harmonisch eingeteilt: um sieben Uhr fing der erste Schoppen Weißwein an; dann in ein Kino zu einer schönen und sündhaften amerikanischen Diva; um neun Uhr konnte zum Pschorr übergegangen werden, und schließlich endete alles in dem holden Lichtergeflimmer unzählbarer Kognaks, Steinhäger und Kümmel.

Jetzt sitze ich von sieben Uhr ab am Schreibtisch, lese Spenglers »Untergang des Abendlandes« und trinke Baldriantee.

Kürzlich war ich bei Freunden, die ein Nachtfest veranstalteten; sie tranken von zehn Uhr abends bis zwei Uhr morgens Pfirsichbowle und waren alle außerordentlich aufgelegt und geistreich. Währenddessen saß ich bei einem Glas eiskalten Wassers und blieb ernst; ich versuchte immer das Gespräch auf den »Untergang des Abendlandes« zu bringen, aber niemand wollte darauf eingehen.

Unzweifelhaft ist die Enthaltsamkeit von höchstem medizinischen und hygienischen Wert; bedauerlich ist nur, daß man keine Nacht schlafen kann und ganz furchtbar nervös wird. Ein Bekannter, dem ich meine Not klagte, riet mir, ich sollte es doch einmal mit Morphiumspritzen versuchen. Es sei nur zu Anfang schwer, nachher gewöhne man sich schnell daran. Wenn der Antialkoholismus nur noch acht Tage dauert, werde ich also wohl zu diesen Spritzen übergehen müssen.

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