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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 154
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110428
projectidc12e89c6
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Korrespondenz

Also, wenn ich ganz ehrlich sein soll, so bin ich meinerseits gar nicht unglücklich darüber, daß jetzt das Briefschreiben durch die Behörde unterdrückt wird. Denn ich gehöre zu den Leuten, die sehr viele Briefe bekommen und nie einen schreiben; und dieses Mißverhältnis ist mir schon seit langem peinlich geworden.

Wenn ein besonders wichtiger und lieber Brief kommt, der unbedingt beantwortet werden muß, so lege ich ihn auf den Schreibtisch neben den Tabakkasten, welcher der Platz für eilige Sachen ist.

Bald folgen noch einige Schreiben, die ebenso dringend sind und die auf denselben Platz gehören. Und nach einer Woche hat sich eine Säule gebildet, die aus diesen eiligen Briefen besteht, ferner aus zwölf Reclam-Bänden, dem griechischen Taschenwörterbuch und der Weinkarte meines Delikatessengeschäfts.

Ist diese Säule hoch genug, so wird sie abgeräumt, und die Briefschaften kommen in den großen Schubkasten. Dort wird sie, wenn meine Uhr einst abgelaufen ist, der Mann finden, der die Aufgabe übernommen hat, meinen literarischen Nachlaß zu ordnen.

So habe ich mir gewiß das Wohlwollen vieler guter Menschen verscherzt und bin meinerseits nun zufrieden, daß der Brief zwei Mark kosten wird und ich deshalb vor meinem Gewissen verpflichtet bin, keinen zu schreiben.

Überhaupt paßt das Brief schreiben gar nicht mehr in unsere Zeit, und die Schichten, die am meisten Briefe schreiben, die Kaufleute und die Liebesleute, haben längst andere Mittel gefunden, um miteinander zu verkehren und ihren Leidenschaften Ausdruck zu geben. Die Kaufleute telefonieren, womit man den Geschäftsfreund noch mehr ärgern kann. Die zarten Jünglinge aber, die früher lange Liebesbriefe schrieben, die haben dazu keine Zeit, denn sie spielen Fußball und treten sich gegenseitig mit den Stiefeln in die Magengegend, wodurch sie die Gunst ihrer Schönen besser gewinnen als durch einen vier Seiten langen Brief mit einem getrockneten Vergißmeinnicht darin.

Nur um die anonymen Briefe würde es schade sein, wenn sie jetzt durch das erhöhte Porto unterdrückt werden sollten.

Sooft ich in meinem Kurier einen anonymen Brief finde, lese ich ihn vor allen anderen und mit besonderer Aufmerksamkeit, weil ich der Meinung bin, daß nur der anonyme Freund ganz ehrlich ist und die volle Wahrheit sagt. Auch gewährt es ein sonderbar erregendes Gefühl, ein sorgfältiges Schreiben durchzulesen, in dem ich immerfort Idiot genannt werde oder pazifistisches Stinktier oder alter Trottel. Namentlich diese letzte Bezeichnung kehrt in meiner Korrespondenz häufig wieder, und sie stimmt mich immer sehr nachdenklich.

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