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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 153
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidc12e89c6
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Ruhm

Der Oberkellner im Hotel bringt mir das Fremdenbuch, legt es auf den Tisch, an dem ich esse, und sagt: »Wollen Sie gütigst Ihren Namen einschreiben.«

Ich schreibe meinen Namen ein, ferner mein Gewerbe, wann, wo und wieso ich geboren bin und alles, was in diesen mißtrauischen Zeiten die bürgerliche Behörde von reisenden, also fragwürdigen Personen zu wissen wünscht.

Der Oberkellner kommt zurück, nimmt das Buch weg und wirft einen Blick hinein.

Und wieder wie immer in solchen Augenblicken stockt mir das Herz. Jetzt, so sage ich mir, wird sein Auge aufleuchten. »Wie«, wird er rufen, »Sie sind der? Sie sind der lichtvolle Philosoph, dessen milde Lehre ich mit immer neuem Entzücken lese?« Und er wird mir tief ins Auge sehen und die Stunde segnen.

Ich bin zu dieser Hoffnung um so mehr berechtigt, als der Oberkellner einen Kneifer trägt.

Der Oberkellner liest über meinen Namen hinweg und trägt das Buch zu einem Herrn, der am anderen Tische sitzt und eine Portion Ochsenschwanz in Madeirasauce ißt.

 

Immer, wenn ich so etwas erlebe, muß ich an einen Versuch denken, den wir im Gefangenenlager während des Krieges veranstaltet haben.

In diesem Gefangenenlager befand sich alles durcheinander, arm und reich, gebildete Leute und treuherzige. Und wir Gebildeten benutzten die Gelegenheit, um uns auf unsere Art mit dem Seelenleben der Masse bekannt zu machen.

Wir beschlossen also einmal, zu erkunden, was das Volk von den Dichtern und im allgemeinen von der Nationalliteratur weiß; und wir hatten uns als Versuchsobjekt einen Mann mittleren Berufes ausgesucht, einen niederösterreichischen Konditor, der den Namen Wurmsdorfer führte.

»Herr Wurmsdorfer«, begann ich, »vielleicht können Sie mir mit einer Auskunft helfen. Haben Sie schon einmal den Namen Heinrich Heine gehört?«

Herr Wurmsdorfer sah mich einen Augenblick an. Dann erhellten sich seine Züge. »Aber natürlich«, rief er, »Heinrich Heine, das ist doch die Konservenfabrik in Wiener-Neustadt.«

 

Warum schreiben wir eigentlich? Warum legen wir goldene Äpfel in silberne Schalen?

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