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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 150
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Aus dem Tagebuch eines Einsamen

Den 7. Im Bierlokal sitzen sie, Mann an Mann, und vollführen einen Heidenlärm. Sie reden von dem nassen Wetter und davon, wo man am billigsten geräucherte Bücklinge kauft. Da drüben ist ein berühmter Stammtisch, an dem sitzt die Elite: Ministerialdirektoren, ein Generaladjutant Sr. Majestät, der dicke Polizeipräsident und mehrere Professoren. Horchst du bescheiden hin, so erfährst du, daß sich die Elite seit dreiviertel Stunden davon unterhält, ob in Magdeburg der Brigadegeneral von Papke in der Breiten Straße oder aber in der Neustädter Straße wohnt.

Du gehst in eine Gesellschaft und führst eine feine, alte Geheimrätin zu Tische. Und hörst zu, was da gesprochen wird: von dem besten Linoleumlieferanten, und daß die Opernhausbilletts jetzt immer teurer werden; von Ansichtskarten, Endiviensalat, Kegelbahnen, Rührei mit Schnittlauch und Schuhcreme; bis schließlich der Reigen doch wieder bei der Tatsache endet, daß man bei Meyer in der Leipziger Straße immer noch das beste Linoleum kauft.

Nun willst du in deine Einsamkeit zurück, und ein Schauder möchte dir über den Rücken laufen. Schaudere nicht, das muß alles so sein. Du hast die Backsteine gesehen und gefühlt, aus denen das große gesellschaftliche Gebäude aufgebaut ist. Backsteine sind nicht schön, und man träumt nicht von ihnen. Aber sie sind fest und dauerhaft und haben den großen Vorzug, daß der eine genau auf den andern paßt, weil der eine genau so viereckig und grau ist wie der andre. Du selbst bist vielleicht der Wind, der durch die Spalten pfeift und klagt und an den Fenstern rüttelt, ganze Gewitternächte hindurch. Der Wind ist schön, weil er die Sehnsucht hat nach den großen Ebenen. Aber Backsteine sind besser und müssen sein; und wenn der Wind schon wer weiß wohin verschwunden ist, die Backsteine sind immer da, und einer paßt immer noch fest und sicher auf den anderen; und es wohnt sich behaglich unter ihnen und sicher und trocken.

Weißt du nicht, daß das Volk der Griechen zugrunde ging, weil es eben nicht aus Backsteinmenschen aufgebaut war; weil jeder so gescheit war, daß er nicht schlicht in Reih und Glied stehen konnte?

 

Den 13. Ich weiß nicht warum, aber ich werde an diesen trüben Tagen mein altes Lieblingswort nicht los. Das Wort »praeterire hortos«. Ursprünglich ist dieses Wort ein Paradigma aus der lateinischen Grammatik, wo es als Beispiel steht für die Regel, daß die Präpositionen auch in Zusammensetzungen noch unentwegt fortfahren, ihren Kasus zu regieren. Also praeter mit dem Akkusativ. Und in der lateinischen Grammatik habe ich als Vierzehnjähriger dieses Wort zum ersten Male gelesen, und, weiß Gott warum, seit jener Zeit klingen mir die lateinischen Laute immerfort wieder einmal im Kopfe herum, lieb, sonnig und schwer. Auch jetzt noch, da die Haare grau geworden sind und die Sonnigkeiten seltener werden von Tag zu Tag. Praeterire hortos. An den Gärten vorübergehen.

Wahrscheinlich kommt das daher, daß ich es liebe, an Gartenzäunen entlangzugehen. An den Gartenzäunen entlang ist die Straße ruhig, kühl und grün. Und über den Zaun hinweg sieht man in stille Abgeschlossenheiten, in die nicht jeder erste beste hinein darf; man sieht alte Männer, die mit der Gießkanne die Begonien besprengen; oder eine große Fontänenschale, in der ein ganz kleines Springbrünnlein silbern herumtänzelt; oder eine weißhaarige Frau, die langsam auf die Laube zuschreitet; oder sonst so etwas Schönes, Stilles und Pensioniertes. Auch läßt man sich dadurch nicht stören, daß etwa der Spitz des betreffenden Gartens an das Gitter gerannt kommt und den Wanderer mißtrauisch ankläfft. Und nur der eine Gedanke stört: »Der Zug fährt in zwölf Minuten; wenn ich ihn nicht erreiche, muß ich auf dem Bahnhof drei viertel Stunden auf den nächsten warten.« Also, schnell, schnell. Praeterire. Praeterire.

Weil dieses Wort doch nun aber schließlich ein römisches Wort ist, deshalb mischen sich südliche und antike Sehnsüchte in das Bild mit ein. Die Gartenfülle des alten Kaiserreiches steigt auf vor unsern Blicken, und rüstig schreiten wir die appische Straße entlang, an Lorbeerhecken und marmornen Arkaden vorüber. Dunkle alte Gärten, die ihre Zweige über die Straße hinausstrecken und dem Heimatlosen auch etwas abgeben von ihrer Stille und Kühle. Junge spärliche Gärten, in denen alles noch dünn steht und durch die hindurch man ganz in der Ferne das Meer schimmern sieht. Marmorn träumt im kleinen Tempel Priapus, und hinter dem Hause lachen und schreien junge Stimmen im Durcheinander eines sonnigen Ringelspieles.

So, mit dieser Fülle der Bilder, hörte der Vierzehnjährige das alte Wort zum ersten Male, und so klingt es dem Grauen heute noch nach einem Leben voll staubigen Wanderns und ewiger Unrast. Und wäre ich der Geckerei ergeben, die sich mit künstlichen und gelehrten Wahrsprüchen ziert, so wählte ich als Motto meiner Laufbahn jene straßenmüde Vokabel: Praeterire hortos. Weil mein Leben ein Vorübergehen war, und weil niemand es für nötig befand, mich zu den Ringelspielen dieser Welt einzuladen.

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