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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 15
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Was ist denn eigentlich Dichten?

Dichten ist, wenn ein Literat die Straße lang geht, und am blauen Himmel stehen Lämmerwölkchen; dann kommt es dem Literaten von selbst auf die Lippen: »Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt.«

Und so ist dieses schöne Gedicht entstanden.

Oder: ein anderer Literat hat sich in die Köchin des Nachbarn verliebt; er möchte sie einladen, mit ihm abends spazierenzugehen. Da setzt er sich hin und dichtet den Vers: »Du bist wie eine Blume, so hold, so schön, so rein.«

So ist alles Dichten. Genaugenommen ist das Dichten ein Naturvorgang; wie der Apfel auf dem Baume reift und wie das Ei aus der Henne kommt, so reift das Werk im Dichter, und so bewegt es sich aus ihm heraus.

 

Wohl jeder von uns ist in seiner Kindheit einmal auf dem Bauerngute einer Legehenne nachgeschlichen, wenn diese Henne die Absicht verriet, im Stall heimlich ein Ei niederzulegen. Und wer das nie getan hat, der ist kein richtiger Mensch und der ist seines Lebens nicht ganz teilhaftig gewesen.

Da muß also jeder wissen, mit welcher Ruhe und mit welchem Bedacht die Henne bei diesem Geschäft zu Werke geht. Sie klettert vorsichtig die Treppe zum Stall hinauf, und wenn sie sich beobachtet glaubt, kehrt sie wieder um, weil es ja gar keine Eile hat. Und manchmal geht sie so schlau zu Werke, daß es ihr gelingt, fünf Eier auf den Stallboden zu legen, die zu entdecken dann allerdings ein ganz großes Erlebnis ist.

 

Bescheiden steht am Straßenrand der Intellektuelle und wird mit Kot bespritzt. Er wird bespritzt durch den Mercedeswagen, in dem der Butterfälscher prachtvoll zur Oper fährt. Wäre der Intellektuelle ein Genie wie Catilina, er ginge hin und zündete den Staat an vier Ecken an; weil er aber nur ein Intellektueller ist, begnügt er sich, in seinem Innern eine ironische Bemerkung zu veranstalten.

 

Grillparzer schrieb: »Weh dem, der lügt!« Und es ist eigentlich merkwürdig, daß gerade Grillparzer das gesagt hat. Er war ein Staatsbeamter, stand gebeugt vor Sr. Exzellenz und mußte die lieben Kollegen mit äußerster Freundlichkeit behandeln. So hätte er wissen müssen, daß die Regel der Welt heißt: »Weh dem, der die Wahrheit spricht!«

Die besten Dichtungen sind die, in denen die Liebenden sich zum Schluß heiraten, denn diese Dichtungen ermuntern den Geschlechtstrieb, der nicht nur Freude macht, sondern auch dem Gemeinwesen nützt. Aber auch eine Tragödie kann belebend wirken; jeder Literaturfreund weiß, daß ihm nach der Aufführung des »Macbeth« das Wiener Schnitzel im Restaurant noch einmal so gut schmeckt.

Ganz verwerflich ist, wenn die Dichter sich anmaßen, in uns leidenschaftliche Gefühle zu erwecken. Die Dichter sind dazu um so weniger berufen, als die meisten von ihnen nicht wissen, was leidenschaftliche Gefühle sind.

 

Was eine Weiße Woche ist, das ist jedem Menschen bekannt. Eine Weiße Woche ist, wenn alle Warenhäuser gleichzeitig darangehen, Wäsche zu verkaufen, und wenn ein Hemd anstatt 300 Mark nur 299,95 Mark kostet. So gibt es auch Wochen für Wirtschaftsgegenstände oder Balkonmöbel usw.

Einmal habe ich in Paris einen freudigen Schrecken empfunden, nämlich als das Warenhaus Printemps eine billige Kokottenwoche ankündigte. Aber wie ich nun sofort hineilte, mußte ich eine Enttäuschung erleben: Kokotten heißen im Französischen die großen irdenen Kochtöpfe, die man auf das Herdfeuer setzt. Und diese Kochtöpfe waren also eine Woche lang billig zu haben, nicht das, was ich erwartet hatte.

 

Schiller hatte ein ganz merkwürdiges Mittel, sich zum Denken zu bringen und den Geist zu schärfen: er roch an faulen Äpfeln. Und wenn er genug an faulen Äpfeln gerochen hatte, wurde er begeistert und stürzte sich auf das Papier, um die »Maria Stuart« zu schreiben.

Der französische Romanschriftsteller Stendhal las einige Seiten im Strafgesetzbuch. Das regte ihn auf.

Was mich anbetrifft, so habe ich poetische Einfälle nur dann, wenn ich mich des Morgens mit meinem Giletteapparat rasiere. Dann breitet die Seele ihre rosenroten Schwingen aus und schwebt über den ewigen Lorbeerhainen.

Das ist auch der Grund, warum ich so wenig schreibe und immer so kurz; denn, du lieber Gott, ich kann mich doch nicht den ganzen Tag rasieren.

Und ich käme in die peinlichste Verlegenheit, wenn ich ein Buch wie Thomas Manns »Buddenbrooks« schreiben müßte.

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