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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 149
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Feuilleton

Als Herr Rathenau im Reichstag einen besonders schön gerundeten und klar verständlichen Satz beendet hatte, wurde ihm das Wort »Feuilleton« zugerufen. Der Zuruf kam von den Bänken der Rechten und ist deshalb als ein Schimpfwort aufzufassen gewesen.

Versuchen wir uns darüber einig zu werden, was gemeint ist. Ein Feuilletonist ist ein Mann, der sich mit vielen Sachen – nicht nur mit einer – beschäftigt, der kurz schreibt oder spricht und der ein verständliches Deutsch schreibt oder spricht. All das ist den Deutschen sehr verdächtig und wird deshalb mit dem unerfreulichen Fremdwort Feuilletonismus bezeichnet; das übrigens gar kein rechtes Wort ist, denn bei den Franzosen selbst ist es ziemlich ungebräuchlich.

Eine ernste Sache unterhaltend und in guten Formen darzustellen, das ist es, was man Feuilletonismus nennt; das ist es, was ein strebsamer Schriftsteller und Politiker in erster Linie und auf das sorgfältigste zu vermeiden hat.

Wer auf das deutsche Publikum wirken will, der beschränke sich auf nur ein Gebiet, zum Beispiel die römische Literatur nach Augustus, und schreibe hierüber ein Werk, das auf drei Quartbände berechnet ist. Es sei ihm empfohlen, mit dem zweiten Bande zu beginnen, das zeugt von einer besonders tiefen Gründlichkeit. Im Fortlauf wird der Verfasser merken, daß sein Stoff wächst, so daß die Bände geteilt werden müssen, und gleichzeitig wird sich herausstellen, daß der bereits herausgegebene zweite Band überholt ist; eine neue Auflage wird also notwendig. Demnach kommen die Bände in folgender Reihenfolge heraus: II (Erste Auflage), III A, III Ba, II (Zweite Auflage), II b 2. Bei III b 2 pflegt der Verfasser zu sterben. Sein Werk bleibt unvollständig und unverständlich, aber er kann sich mit dem Gedanken zur Ruhe legen, daß ihm niemals von der Rechten das Schimpfwort Feuilleton zugeworfen worden ist.

Sätze von fünfundzwanzig Zeilen Länge, Fußnoten bis zur Spitze der Seite hinauf, so schreibt der Fachmann, der sich darauf versteht. Und so spricht er auch.

Die Phänomene Luther und Bismarck stehen einsam da. Sonst hat sich das deutsche Volk immer von Büchern leiten lassen, die es nicht verdauen konnte, und von Rednern, bei deren Worten es einschlief. Das Krause und Langsame seiner Geschichte kommt daher.

In alldeutschen Schriften nennt man es den furor teutonicus.

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