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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 146
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die müde Stimme

Jedesmal, wenn ich am Sonnabend so um halb zehn Uhr meinen Freund Roderich anklingle (wegen unseres wöchentlichen Krebsessens bei Kempinski), jedesmal muß es mir auffallen, mit welch jämmerlicher Stimme das Telefonfräulein zu mir spricht. »Hier Amt« ..., mit welch müder, toter Stimme sie diese zwei Worte sagt!

Es ist Ende der Woche, den ganzen Sonnabend hindurch ist noch telefoniert worden wie toll, und das arme Ding auf dem Amt kann wohl nicht mehr. Es fällt um. Und wenn es – das Ding – mir dann mit seinem kümmerlichen »Hier Amt« antwortet, so weiß ich nicht, wie das kommt, aber diese beiden einfachen Worte ergreifen mich mehr, als mich eine fünfaktige Iambentragödie von Ernst v. Wildenbruch je ergriffen hätte.

Um das ein wenig klarer zu sagen: Es ist für einen ersten Helden und Liebhaber auf der Bühne kein besonderes Kunststück, einen schönen Vers von Schiller ausdrucksvoll zu sprechen. Etwa die Verse: »Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Letztes freudig setzt an ihre Ehre.« Solche Worte sorgen schon für sich selbst, man braucht sie nur zu sprechen, und das Publikum tobt Beifall, sowieso. Aber in die einfachen und blöden Worte »Hier Amt« Ausdruck und, wenn man so sagen darf, ein ganzes Schicksal hineinzulegen, das ist die wahre Kunst, und diese Kunst haben diese Telefondamen vollauf.

Also wenn sie mir am Sonnabend diese Worte zuruft, so höre ich darin ungefähr all das folgende: »Mein Gott, das ist nicht mehr zum Aushalten! Neunhundert Anrufe und noch immer kein Ende! Und jetzt ist Juni. Die Linden blühen draußen; oder Flieder, ich weiß es schon gar nicht mehr. Und wie schön wäre jetzt eine Ruderpartie! Das ist wieder der Affe mit seinem Krebsessen bei Kempinski. Jeden Sonnabend! Und Arthur hat auch noch nicht geschrieben für morgen. Ist das ein Leben; ist das ein Leben! Ich halte es nicht mehr aus. Wenn ich das geahnt hätte! ...«

All das höre ich jedesmal aus diesen beiden kurzen Worten heraus. Und das regt mich stets so furchtbar auf, daß mir hinterher bei Kempinski die Krebse gar nicht mehr so recht schmecken wollen; wenigstens die erste Mandel nicht.

 

Und die Frage werde ich nicht los, wieviel die Menschheit dadurch gewonnen oder verloren hat, daß die Frau zu unserer männlichen Arbeit hingezogen wurde. Das große ernste Frauenproblem ganz beiseite lassend, nur die leichtsinnige feuilletonistische und artistische Frage: Wurde dieses Leben lieblicher oder unerträglicher, wurde es künstlerisch schöner, seitdem die Frau ihre Grazie in das Werk des Alltages einstellte?

 

Da ist zuerst als höchst bedenkliches Argument die Beobachtung eines italienischen Statistikers zu nennen, die einem kunstfreundlichen Menschen schwere Sorge machen muß. Dieser gelehrte Herr hat die Schönheit der Frauen studiert, hat überall die jungen Mädchen mit dem Zentimetermaß in allen Dimensionen ausgemessen – welch liebliche Beschäftigung doch diese Statistik sein kann – und ist zu dem Resultat gekommen, daß die Frau immer häßlicher wird, je mehr sie arbeitet. In der Lombardei, in Venedig und um Agro Romano werden nach den Zahlen dieses Professors der schönen Frauen immer weniger, und immer zahlreicher werden die hageren, ausgemergelten Industriearbeitsfiguren mit schlechter Haltung, krummem Rücken und blassen Wangen, die städtischen Allerweltsgeschöpfe, die nicht Fisch und nicht Fleisch sind und von denen niemand etwas wissen will.

Die alte italienische Frauenschönheit stirbt ab, meint jener Professor, und das ist eine Meinung, die doch wohl jedem anständigen Menschen den Schlaf zu rauben geeignet wäre.

Außerdem wirft meines Erachtens das Benehmen ganz kleiner Backfischchen ein übles Licht auf den Charakter gegenwärtiger und zukünftiger Zeitläufe. Ich war dieser Tage in meiner Eigenschaft als Onkel Gast in einer Geburtstagsgesellschaft elf- und zwölfjähriger Mädchen. Und nahm mit Erstaunen wahr, daß das Gespräch dieser Krabben sich fast ausschließlich um die Berufswahl drehte. Diese Jören wollten alle etwas werden. Die eine Ärztin, die andere Lehrerin, die dritte wollte Nationalökonomie studieren und eine vierte gar Elektrotechnik. Jede plapperte etwas von künftigen wissenschaftlichen Unternehmungen, und nur zwei von ihnen blieben stumm und erröteten züchtig. Wahrscheinlich werden diese beiden einmal an der Produktionsbörse spekulieren oder eine Privatdetektei eröffnen.

Zu meiner Zeit wollten nur die Jungens »etwas werden«. Die Mädchen wuchsen träumend auf, spielten so ein wenig mit charmanten und überflüssigen Kenntnissen und warteten der Dinge, die da kommen sollten. Sie säten nicht und ernteten nicht, und der Herr, unser himmlischer Vater, sorgte doch für sie; und wurden schöner als Salomo in seiner Königspracht.

Und das ist es, was ich rein als künstlerischer Mensch, beileibe nicht als Nationalökonom, am meisten von dieser weiblichen Geschäftstüchtigkeit fürchte: daß sie die Traumhaftigkeit der Frau zerstören könne, ihr Sinnen und Glauben, ihre wartende Lilienschönheit.

Hingegen möchte ich andererseits als Argument des Gegenbeweises eine Billettverkäuferin in die Waagschale werfen. Eine Billettverkäuferin an der Untergrundbahn. Die hat mich gelehrt, wie die Frau auch in der Arbeit ihre Anmut wahren kann, wie sie der nüchternsten Alltagsarbeit ihre Grazie geben kann.

Ich kenne von diesem Billettfräulein allerdings nur den linken Arm, mit dem sie mir mein Billett hinreicht – oder hinwirft, wenn sie ärgerlich ist –; aber das ist einem zufriedenen Menschen gerade genug. Denn das Merkwürdige an dieser Billettdame ist, daß sie immer eine kleine Vase mit Blumen vor sich hat, was mir als die angenehmste Einrichtung im Berliner Verkehrsleben erscheinen möchte. Und zwar steht da in dem Billettschalter alle acht Tage eine andere Art von Blumenstrauß, je nach der Zeit des Jahres. Im ersten Frühling sind es Hyazinthen, dann Maiglöckchen, dann Flieder und so weiter bis zu den herbstlichen Chrysanthemen und den Levkoien, die die Farbe des Verwelkens haben.

Aber im tiefen Winter, wenn die Blumen zu teuer sind, hat die Billettdame keinen Blumenstrauß vor sich, sondern anstatt dessen ein zierliches Kirschtörtchen mit Schlagsahne, das sie in aller Ruhe aufzulöffeln die Muße findet, ohne sich irgendwie aufzuregen. Bisweilen hat sie auch eine Handarbeit vor, und es gelingt ihr die erstaunliche Kunst, inmitten des blödsinnigen Verkehrshetzens eine kleine Oase von Häuslichkeit und weiblicher Intimität zu etablieren.

 

Demnach liegt, um den Nagel auf den Kopf zu treffen, die ganze Frage so: wird es der Frau gelingen, ihre Weiblichkeit in der Arbeitswelt durchzusetzen, oder wird sie sich unterkriegen lassen und ein Mann werden wie wir alle? Es strömen, den ökonomischen Notwendigkeiten dieser Zeit gehorchend, immer mehr Frauen der Arbeit zu, werden sie der Arbeit etwas von ihrer Anmut geben, oder wird im Gegenteil die Arbeit ihnen ihre Anmut nehmen?

In seinem geistreichen Buche »Sur la pierre blanche« läßt sich Anatole France zu einer merkwürdig ungeistreichen Digression verleiten. Er folgt den plumpen amerikanischen Fußspuren Bellamys und schildert uns die Menschheit, wie sie in mehreren Jahrhunderten sein wird, unter dem glorreichen Pontifikat des Papstes Pius XXV Und er führt uns auch die Zukunftsfrauen vor, wie er sie sich denkt, vierschrötige, mannähnliche Arbeitswesen, die mit breiten Sohlen fest auftreten und salopp die Hände in den Hosentaschen halten.

Und das ist es, was wir fürchten. Hat diese Prophezeiung recht, dann wird allerdings die Arbeit den Sieg über das Weib behalten und es entweiht haben, dann wird der Duft, den wir Weiblichkeit nennen, verschwunden sein. Und dann wollen wir uns freuen, daß wir nicht unter Pius XXV. leben, sondern nur unter dem guten Pius X., was ja auch schon genug ist.

 

An uns Männern liegt alles. Wir können uns nicht dagegen wehren, daß immer mehr Frauen in unsere männlichen Berufe kommen, aber wir wollen sie deshalb nicht behandeln wie die Männer. Wer bei einem Untergrundfräulein ein Billett kauft, der tue es voll Innigkeit und haue nicht grob mit seinem Groschen auf den Zahltisch. Und einen Bund wollen wir alle schließen und schwören, nie wieder eine Telefonmamsell unwirsch anzuschreien und nie brutal an dem Haken des Apparates zu reißen. Sie sind Damen, zum Donnerwetter, und so sehr pressiert es nun doch nicht.

Daß die Frau Frau bleibe in den immer schwerer werdenden Arbeiten der Zukunft. Das Schicksal unserer Rasse hängt von dieser Sache ab, die sehr viel ernster ist, als ich sie hier scherzend zu behandeln für gut befand.

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