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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 145
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidc12e89c6
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Suchet nicht!

Haben Sie schon einmal Briefpapier einkaufen wollen? Es braucht nicht notwendig Briefpapier zu sein, es kann auch ein Regenschirm sein oder ein Spazierstock oder irgend so etwas nicht ganz Alltägliches, das man erst suchen muß. Aber bleiben wir des Beispiels halber bei dem Briefpapier und sehen, wie es einem Mann geschieht, der ausgeht, um Briefpapier zu suchen.

Also, dieser Tage mußte ich mir Briefpapier kaufen. »Nun«, so sagte ich laut in meinem Zimmer vor mich hin, »nichts einfacher als das; gerade hier gegenüber ist ein Papierladen. Ich habe ihn tausendmal gesehen, und die ganze Straße hinunter ist ein solch Geschäft neben dem anderen.« Aber wie ich aus meiner Haustüre trat, war der Laden gegenüber gar kein Papiergeschäft, sondern ein Wäscheladen. Merkwürdig; ich hätte darauf geschworen. Und die ganze Straße hinunter war nicht ein Papiergeschäft zu erblicken.

Ich bin eine Stunde durch die Stadt kreuz und quer gelaufen; auf diesem Wege war alles zu haben und zu kaufen, was man nur denken konnte, Hunderte Butterläden und Orchideenläden und Zigarrengeschäfte, nur kein Papierladen, den ich suchte. Ja, die seltensten Gewerbe boten sich an: ich sah zwei Sackverleihinstitute, zwei Orgelbauer, einen Laden, in dem es nichts als Antilopenhörner gab, und einen Laden mit künstlichen Busen.

Schließlich hatte ich das Gefühl, daß sich die Papiergeschäfte bei meinem Nahen durch einen Pfiff verständigten und in unzugänglichsten Nebenstraßen versteckten. Ich weiß auch jetzt, wie man es machen muß. Das nächste Mal, wenn ich mir Papier einkaufen will, werde ich laut in meinem Zimmer sagen: »Jetzt gehe ich, mir einen künstlichen Busen zu kaufen.« Dann sind die Papiergeschäfte überlistet und ich fasse sie.

Denn: Suchet nicht, so werdet ihr finden! (Je länger ich lebe, um so mehr merke ich, daß alle diese Lehrsätze falsch angelegt sind. Hier noch so ein paar: Bittet, so wird man euch die Treppe herunterwerfen. Und: Nehmet, so wird man euch geben.)

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