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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 143
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Das Fremde

Der Pariser Kritiker Maurice Raynals hat ein Buch über Picasso geschrieben. Aber er fand in seinem Vaterlande keinen Verleger, deshalb kommt dieses französische Werk jetzt in Deutschland heraus, in München beim Delphin-Verlag.

Andererseits hat sich für die Werke des Wiener Kunsthistorikers Adolf Loos kein deutscher Verleger auftreiben lassen. Dieses deutsche Buch wird jetzt in Paris herausgegeben werden.

Vice versa sind die beiden Verfasser von der Heimat verstoßen und von der Fremde aufgenommen worden.

Ich weiß, was man in solchen Fällen zu sagen pflegt, und deshalb sage ich es nicht. Denn das, was man zu sagen pflegt, ist immer leer oder schief.

Vielmehr sei darauf hingewiesen, daß diese Überschätzung des Fremden, dieses Mißachten der heimischen Art ein durchaus erklärlicher, ja nützlicher Vorgang ist.

Das Fremde ist wertvoll nur deshalb, weil es etwas Fremdes, also etwas Seltenes und Belehrendes ist.

Nehmen wir einen deutschen Bürger, der im Bierlokal Klausner in der Krausenstraße, Berlin SW, sitzt; er mag der Vollständigkeit halber auch noch selber Krause heißen. Wir nehmen also diesen Krause und versetzen ihn, so wie er ist, nach Bolivar am Orinoco. Sofort und nur durch diese Übertragung wird Krause an Bedeutung gewinnen; mit seinen sonderbaren Gebräuchen, seiner Tracht, seiner unverständlichen Sprache wird er den Einwohnern jener entlegenen Gebiete als ein zum mindesten jenseitiges, wenn nicht gar göttliches Wesen erscheinen.

Der Erfolg der Kolonisation beruht zum großen Teil auf diesem Phänomen: daß über das Meer ein Fremder kommt, der recht haben muß, weil er eine Sprache spricht, die niemand versteht. Der Londoner Schreiber Clive brannte auf einem Kaufschiffe nach Asien durch. Dort gewann er sich durch sein sicheres Auftreten ein Landgebiet, das später die Ostindische Kompanie wurde und heute das Kaiserreich Indien ist.

Für das Literarische ist es geradeso. Steck dir den Fahrplan der Großen Berliner Straßenbahn in die Rocktasche, begib dich damit nach Hankau und lies diesen Fahrplan dort im großen Hörsaal der Universität vor. Du wirst zum Mitglied der dortigen Akademie ernannt werden, und das mit einer Art von Recht, denn du hast erstaunten Völkerschaften eine Ahnung von fremdem Klang und fremdem Wesen übermittelt.

Ich bitte den gütigen Leser, nicht immer zu glauben, daß dieses hier Ironie ist. So sonderbar das alles klingen mag, es ist Ernst und ist so gemeint, wie es gesagt wird. Nämlich: besser schon, ein Künstler wird von seiner Heimat mißachtet und vom Ausland geschätzt, als daß er von beiden mißachtet wird. Denn es gibt eine Reihe von Genien, die nur dadurch gerettet wurden, daß die Fremde sie anerkannte, und diese Reihe geht von Buddha über Christus und Dante bis zu den skandinavischen Dichtern der Gegenwart. Alle diese Lichter wären erloschen, wenn nicht in uns Menschen die Sucht nach dem nicht Gekannten lebte, die der Grund aller Religionen und Wissenschaften ist.

»Beim Sonnenlicht, dies ist erstaunlich fremd«, sagt der wackere Horatio. Und Hamlet, das Genie, antwortet: »So heiß als etwas Fremdes es willkommen.«

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