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Sündenfälle. Feuilletons

Victor Auburtin: Sündenfälle. Feuilletons - Kapitel 140
Quellenangabe
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typenarrative
authorVictor Auburtin
titleSündenfälle. Feuilletons
publisherRütten und Loening
editorHeinz Knobloch
year1970
isbn3-7466-6061-0-1
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20110428
projectidc12e89c6
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Schulreform

Dieser Tage habe ich wieder einmal »Hermann und Dorothea« vorgenommen, um es zu lesen.

Ich kam auf diesen Einfall nicht etwa aus einem inneren Bedürfnis heraus, weil ich »Hermann und Dorothea« lesen mußte; sondern die Sache hing so zusammen: ich ziehe wieder einmal um, und da ist beim Einpacken der Band »Hermann und Dorothea« als letzter liegengeblieben. So habe ich das alte Buch vorgenommen und bis zum vierten Gesang gelesen.

Weiter bin ich nicht gekommen, obgleich es ein kluges und sommersonniges Werk ist. Und zwar bin ich deshalb nicht weitergekommen, weil ich während des Lesens immer an den Oberlehrer Petzel denken mußte, bei dem wir damals in der Sekunda »Hermann und Dorothea« durchgearbeitet haben. Der Oberlehrer Petzel aber hatte die pädagogische Methode, daß er bei jedem Wort anhalten und es definieren ließ. Was Leinwand ist und woher das Wort Klavier stammt, das mußte alles erörtert werden.

Außerdem habe ich einen deutschen Aufsatz über »Hermann und Dorothea« schreiben müssen, dessen Titel war: »Hermann, ein deutscher Jüngling mit seinen Tugenden und Fehlern«.

Deshalb kann ich dieses Buch nun nicht mehr lesen. Ebenso wie kein erwachsener Mensch ins Theater geht, wenn die »Jungfrau von Orleans« gespielt wird. Denn es ist ein Gesetz, daß alles, was wir in der Schule lesen und lernen, uns verekelt wird fürs ganze Leben.

Mein Reformvorschlag geht also dahin: man gebe der reiferen Jugend als Schullektüre die Werke der Dichterin Courths-Mahler. Man lasse die Schüler einen Aufsatz schreiben über das Thema: »Wie entwickelt Hedwig Courths-Mahler in ihrem Roman ›Die schöne Unbekannte‹ die Seelenkämpfe des Helden Egon von Hohenzinken?«

Wie mit einem Zauberschlage würden die klassischen Studien in Deutschland wieder aufblühen. Jede Leihbibliothek ist gezwungen, sich fünfzig Exemplare von Klopstocks »Messias« zu halten.

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